Toni Erdmann
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Eine Watsche für die Finanzwelt-Etikette.

Originaltitel: Toni Erdmann
Produktionsland: Deutschland
Veröffentlichungsjahr: 2016
Regie: Maren Ade
Drehbuch: Maren Ade
Produktion: Janine Jackowski, Maren Ade, Jonas Dornbach
Kamera: Patrick Orth
Montage: Heike Parplies
Darsteller: Peter Simonischek, Sandra Hüller, Michael Wittenborn, Thomas Loibl, Trystan Pütter, Hadewych Minis, Lucy Russell, Ingrid Bisu u.A.
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 162 Minuten

Winfried Lau (Peter Simonischek) ist 65 Jahre alt, Musiklehrer und für jeden Spaß zu haben. Als allerdings sein langjähriger Begleiter und treuer Hund stirbt, entschließt er sich zu einer spontanen Reise nach Rumänien. In Bukarest, der Hauptstadt des osteuropäischen Landes, will er seine Tochter Ines Conradi (Sandra Hüller) mit seinem Auftauchen überraschen. Ines ist allerdings eine schwer beschäftigte Karrierefrau, die sich in Bukarest als Unternehmensberaterin einen Namen machen will und folglich einen Störfaktor wie Winfried ganz und gar nicht gebrauchen kann. Den Kontakt zu ihrem Vater hat sie nicht ohne Grund erkalten lassen, denn sie kennt seine Art von Humor zu Genüge. Ines’ Ablehnung stachelt Winfried jedoch nur noch mehr an: Der lebenslustige Mann will sicherstellen, dass seine ehrgeizige, rationale Tochter das Lachen nicht verlernt hat und so ersinnt er ein schillerndes Alter Ego namens Toni Erdmann, das seine Tochter aus der Reserve locken soll. Das wiederholte unerwartete Auftauchen des leicht verrückten Toni Erdmann, mit falschem Gebiss, schlechter Perücke, großer Geste und immer einem Witz auf den Lippen, passt Ines jedoch gar nicht ins Konzept, zumal sie bei wichtigen Geschäftsessen ihre männlichen Kunden von ihrer Seriösität als Businessfrau überzeugen soll. So geraten Vater und Tochter immer wieder aneinander, stellen im Streit aber eine neue Art von Nähe her.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Cannes 2016. Seit 2009 das erste Mal wieder ein deutscher Film im Wettbewerb und dann wird er von der internationalen Filmkritik auch noch zum besten Film und Palmengewinner der Herzen hochgejazzt. Und wenn man sich auf dieses Spiel einlassen möchte, Cannes mit Eurovision zu vergleichen und den Patriotismus auf Filmkultur-Ebene zu hieven, dann muss man auch sagen: Ja, “Toni Erdmann” ist auch einer von uns. Ein deutscher Film. Ohne das Autorengenie Maren Ades schmälern zu wollen, sind hier narrative Momente, thematische Schwerpunkte und filmhandwerkliche Stile zu einer Cannes-Form gebracht, die schon länger als 2016 im deutschen Film zu finden sind. Im Autorenfilm, ebenso wie im Mainstreamkino. “Toni Erdmann” ist nicht neu, er ist einfach nur verdammt gut.

Dem Deutschen seine Peinlichkeit

Eine lange Zeit spielt “Toni Erdmann” ein gefährliches Spiel, eine Ansammlung an Slapstick-Momenten zu werden, der sich aus der deutschen Urangst vor der Peinlichkeit speist. Schon “Stromberg” funktioniert genauso. Peinlichkeit auf realistische und ernsthafte Weise vortragen, um uns so an die Absurdität unserer Alltagsrealität zu erinnern. Der Stromberg-Humor ist eben kein eskapistischer. Wir lachen über uns selbst, sobald wir den Raum (Kino, Wohnzimmer) dafür bekommen. Die Figur Toni Erdmann bzw. Winfried Lau (Peter Simonischeck) ist ebenso wie Stromberg ein Clown innerhalb einer bierernsten Gesellschaft (wenn auch freiwilliger!). Mitten hinein in die piekfeine, durchritualisiert seriöse Welt der BWLer-Tochter Ines kommt der Alt-Hippie Vater Winfried und ist sich für keinen peinlichen Scherz zu schade. Wenn man Menschen den Plot von “Toni Erdmann” pitcht, kommt man sich manchmal so vor als würde man eine 08/15-Komödie vortragen. Die humoristische Prämisse, auf die sich der Film in seinem schwachen Trailer auch selbst reduziert, ist nichts Besonderes und ein typisch deutscher Topos! Maren Ade sucht in ihrem Film aber die unnachgiebige Flucht nach Vorn. Sie bekämpft Feuer mit Feuer, deutsche Komödie mit deutscher Komödie. Im Bombenteppich der Peinlichkeiten merkt irgendwann auch der letzte Zuschauer, dass es in “Toni Erdmann” gar nicht so sehr um Situationskomik an sich, sondern um tieftraurige Charakter-Psychologie geht. Irgendwo in dem meisterhaften Drahtseilakt zwischen social-awkward-Komik und tragischem Subtext behält Maren Ades Film seine Würde und auch seinen Humor.

Psycho-Duell zweier Welten

Komödie kann “Toni Erdmann” nur sein, weil er eine schablonenartige Oberfläche hat, auf der eine bierernste Tochter von ihrem schrulligen Vater herausgefordert wird. Die lustigen Momente in dem Film lassen sich in der Tat auf diesen Dualismus zweier unterschiedlicher Ernsthaftigkeiten herunterbrechen. Und das ist ja auch in Ordnung, denn es gibt in diesem grandiosen Duell von Tochter und Vater ja noch einige andere Ebenen. Zentral geht es um die Herausforderung des Vaters, ihre gesamte Definition von Glück und Erfolg zu überdenken. Beide Figuren sind Extremisten. Den meisten Zuschauern wird sowohl die kalte Gewinnmaximierung der Tochter als auch die übertriebene Alt-Hippie-Attitüde des Vaters eher fremd sein. Trotzdem fasziniert dieses Duell, weil Vater Winfried immer in seiner Tochter etwas Vergangenes und Verlorengegangenes zu sehen scheint. Eine Ines als Kind, die mal so war, wie es der Vater ist oder zumindest diesen Schein erweckte. In “Toni Erdmann” erleben wir also die Wieder-Einforderung einer Vater-Kind-Beziehung auf infantil-spielerischer Ebene.

Wider dem internationalen Finanzdeutschtum!

Und es ist noch etwas Anderes. Es geht dem Vater ab einem bestimmten Punkt in der Erzählung auch um nichts Geringeres als die Zerschmetterung einer Welt, die er verachtet. Eine Welt, die mindestens zu gleich großen Teilen aus Geld und Macht wie aus deutscher Pünktlichkeit zusammengesetzt ist. Es ist unklar, wie bewusst der Figur Winfried Lau selbst seine Verachtung überhaupt ist, und dass er auch ein politisch-ideologischer Gegner der Welt ist, in der seine Tochter abgerutscht ist. Wie klar oder unklar es ist, dass in all seiner Peinlichkeit eine effektive Gegengift-Strategie gegen das “internationale Finanzdeutschtum” liegt. Eine Strategie, die eigentlich durch und durch “perfide” ist. Der familiäre Zusammenhalt wird nämlich in der Finanzwelt der Tochter als eine positive Eigenschaft wahrgenommen. Dadurch ist es der Etikette der geschäftsmännischen Welt unmöglich, Winfried einfach rauszuschmeißen. Später spielt er dann in der Rolle des Toni Erdmanns erfolgreich gesellschaftliche Status von Geschäftsführern, politischen Vertretern etc. gegeneinander aus. Hinter der vermeintlichen Unintelligenz, die Etikette nicht wahren zu können, steckt also eigentlich eine destruktive Genialität, von der man ausgehen kann, dass Winfried sie sich zu einem großen (wenn auch nicht kompletten Teil) völlig bewusst zunutze macht.

Soziales Schauspiel

Winfried Lau ist aber auch, so muss man mutmaßen, eine Figur, die nicht zu 100% über seine eigenen psychologischen Motive Bescheid weiß. Er wird nämlich als eine Figur eingeführt, die eine gewisse Schwierigkeit darin hat, einen Punkt zu finden, an dem sein Verhalten “zu viel” ist. Es ist nicht nur die erwähnte “Perfiderie” (nicht allzu negativ verstehen) und auch nicht nur bloße Sturheit, sondern auch Unsicherheit und Unvermögen. Das Spiel mit dem sozialen Humor, mit der Selbstentäußerung, mit der Peinlichkeit droht Winfried auch hier und da zu entgleiten. Und es ist ebenso zu mutmaßen, dass Winfried sein letztliches Verhalten gegenüber seiner Tochter deshalb wählt und bewusst ausführt, weil es zuvor einen unbeabsichtigten point of no return gab. “Toni Erdmann” erzählt uns auch von einem sehr modernem Phänomen von sozialem Schauspiel, das in unserer Zeit komplizierter ist als in früheren Jahrhunderten, weil heutzutage mehr Menschen eine prominente Rolle spielen (etwa als Gangster-Rapper), mit der sie mehr und mehr verschmelzen und deren Abtrennung von der reale(re)n Persona immer schwieriger wird. Dieses Motiv des sozialen Schauspiels ist in “Toni Erdmann” natürlich auch gerade deswegen so interessant, weil es in der BWLer-Welt von Tochter Ines ebenso eine permanente Schauspielerei gibt, die mit realer Menschlichkeit nichts zu tun hat, nur dass diese eben auf Seriosität, dem Gegenextrem zu Winfrieds Rolle, abzielt.

Ades Regie: Lustvolles Selbstvertrauen

An klug geschriebenen Psycho-Dramen oder kapitalismuskritischen Filmen mangelt es dem deutschen Autorenkino ebensowenig wie am bereits erörterten Humor des Fremdschams. Es ist nicht das Neue, das an Ades Film so fasziniert, sondern wie gekonnt-radikal der Film umgesetzt ist. Man merkt dem Film sein Selbstbewusstsein an, so sein zu wollen wie er ist. Man hört diesen Film lustvoll rufen:
“Ja, ich möchte ein Film mit einer spontan entstehenden Nacktparty sein!” Und damit einer streng etikettierten, männerdominierten Welt wieder zu einer Art Naturzustand zurückzuverhelfen, in dem auch ein feministischer Triumph liegt, schließlich bringt eine Frau hier ihre Chefs dazu, sich auszuziehen (ein umgedrehter habit).
“Ja, ich möchte ein Film mit einer Vater-Tochter-Whitney-Houston-Gesangseinlage sein!” Und damit einzig durch eine Gesangsperformance die Zerrissenheit zwischen Kindheit und Erwachsenheit der Tochter-Figur zum Ausdruck zu bringen.
“Ja, ich möchte ein Film mit einer Umarmung zwischen einer halbnackten Tochter und einem Kuker-Kostüm sein!” Und damit eine Moment leichter märchenhafter Überhöhung einzusetzen, der das realistische Medium nicht bricht und gleichzeitig Vater und Tochter einen memorablen Moment zu schenken, den sie verdienen.

8/10

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