Enter The Void

Mehr als nur ein Trip: Noés zweites Meisterwerk.

Originaltitel: Enter The Void
Produktionsland: Frankreich
Veröffentlichungsjahr: 2009
Regie: Gaspar Noé
Drehbuch: Gaspar Noé
Produktion: Brahim Chioua, Vincent Maraval, Olivier Delbosc, Marc Missonnier
Kamera: Benoît Debie
Montage: Gaspar Noé, Marc Boucrot, Jérôme Pesnel
Musik: Thomas Bangalter
Darsteller: Nathaniel Brown, Paz de la Huerta, Cyril Roy, Emily Alyn Lind, Jesse Kuhn, Olly Alexander, Masato Tanno, Ed Spear, Sara Stockbridge
Altersfreigabe: FSK 18
Laufzeit: 162 Minuten

[…] Oscar verbindet eine besonders intensive Beziehung mit seiner Schwester Linda, seitdem sie als Kinder miterleben mussten, wie ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Gemeinsam schlagen sie sich durch die Halbwelt von Tokio. Er hält sich mit kleinen Drogendeals über Wasser, sie tritt als Stripperin auf und lässt sich mit zweifelhaften Typen ein. Bei einer Razzia gerät Oscar ins Visier der Polizei. Bei der Flucht wird er niedergeschossen. […]
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Bei Noès misanthropischen Filmen von persönlichen oder gar biografischen Filmen zu sprechen, ist immer sehr gewagt. „Enter the Void“ ist allerdings schon als Zugeständnis zu Noès Jugend verstehbar, der in jungen Jahren mit Drogen experimentierte und sich unter Rausch seiner Liebe, den Filmen hingab. Zu dieser Zeit sinnierte der Regisseur auch über Leben und Tod und die Existenz einer möglichen Nachwelt, studierte dazu Raymond Moodys „Life After Death“. Dieser Film ist nun ein visionärer Versuch Noés Erfahrungen in Filmform zu pressen, ein Versuch Drogenerfahrungen durch FilmKunst erfahrbar zu machen und gleichzeitig existenzphilosophische Gedanken zu visualisieren. Der Film ist ein Trip – Aber, und da widerspreche ich der DVD, noch sehr viel mehr …

Tokio, Stadt der Heimatlosen

Zunächst ist „Enter the Void“ bereits aus handwerklicher Sicht ein Meilenstein, schon aus dieser Hinsicht ein mehr als außergewöhnlicher Film und darüberhinaus noch ein nicht für möglich gehaltenes Toppen, der Kameraleistung aus „Irreversibel„. Wie auch in seinem 2002-Meisterwerk, stellen die bloßen Bilder, Farben und Kamerafahrten die Paraphrase zu den improvisierten Wortfetzen seiner Figuren dar. „Enter the Void“ ist nicht zu lang, sondern zeitlos. Wer sich wirklich auf den Film einlässt vergisst Raum- und Zeitgefühl. Farbrausch, Kamerafahrten, Synthetische Hallozinogeneffekte alles verwischt zu einem einzigartigen Flow, der so in der Filmgeschichte unerreicht ist. Tokio als Handlungsort ist ein genialer Hutzauber Noés — Zu sagen, „Enter the Void“ funktioniere in jeder anderen Großstadt ist schlichtweg falsch. Sie ist nicht nur eine der buntesten und lichterfrohsten Metropolen der Welt, sie ist auch eine Stadt der Heimatlosen (Europäer), nur in der Stadt um sich dem Rausch der Stadt hinzugeben, weil sie keinen Halt haben.

Kein Inzest

— Genau wie Oscar und Linda keinen Halt haben. Sie treiben umher, haben nur obskure Gestalten als Freunde und sind psychisch noch die Kinder, die sie in den Rückblenden sind. Kinder, die durch den Verlust der Eltern in die Leere getrieben worden sind. Es ist übrigens kein inzestuöses Verhältnis, was beide pflegen – Das beteuert Noè persönlich. Es sind trotzdem Menschen, die in einem infantilen Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen, welches durch Kontakt mit fremden Personen immer wieder in Hass umschlägt, jedoch kein sexueller Eifersuchtshass, eher einer aus Verlustangst resultierender. Aber „Enter the Void“ ist keine psychoanalytische Studie seiner Figuren. Die Wortfetzen aus dem Munde dieser sind gewollt symbolisch gesprochen, dienen als gewollte Interpretationsansätze und werden vom „Flow“ des Films immer wieder aufgegriffen. Das macht „Enter the Void“ zu einem unfassbar ambivalenten Filmerlebnis. Nicht nur ein Trip, sondern auch Reflexion über Leben und Tod und vielleicht über noch mehr?

Mein Interpretationsansatz:

[Klicken, um Spoiler anzuzeigen]

„Enter the Void“ Inhaltslosigkeit vorzuwerfen, kommt einem Nicht-Verstehen des Films gleich. Deutlichere Verweise auf Interpretationsmöglichkeiten als in den wenigen Dialogen, die der Film zu bieten hat, bekommt man selten geboten. Dazu unterstützt der Film auch handwerklich (mit bereits erwähnter, zeitloser Brillanz) diese Ansätze. Der Film ist inhaltlich stark, handwerklich eine Meisterleistung und als waschechter Drogentripsimulator eine unvergessliche Filmerfahrung. Man kann nicht nur, man muss bei diesem Film vom zweiten großen Meisterwerk Noès nach „Irreversibel“ sprechen.

10/10

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