The Tree Of Life

Malick provoziert durch Überdimensionierung einen Vergleich mit Kubrick und Tarkowskij.

Originaltitel: The Tree Of Life
Produktionsland: USA
Veröffentlichungsjahr: 2011
Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
Produktion: Dede Gardner, Sarah Green, Bill Pohlad, Grant Hill, Brad Pitt
Kamera: Emmanuel Lubezki
Montage: Billy Weber, Hank Corwin, Jay Rabinowitz, Daniel Rezende, Mark Yoshikawa
Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain, Fiona Shaw, Irene Bedard, Hunter McCracken, Laramie Eppler, Tye Sheridan, Kari Matchett, Joanna Going
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 138 Minuten

Der Baum des Lebens, Etz haChayim, Yggdrasil – wie viele Namen man dem Phänomen auch geben mag, die Fülle an mythologischer und mystischer Bedeutung wird kaum ausgeschöpft. Das weltumspannende, das die Welt zusammenhaltende Wesen vom Lebensbaum ist die Ausgangsidee von The Tree of Life, die hier auf eine scheinbar ganz normale Familie im mittleren Westen der USA in den 1960ern übertragen wird. Wir sehen die Welt durch die Augen des jungen Jack: neugierige, weltoffene, staunende Augen. Wie auch seine Mutter (Jessica Chastain) vermag er mit seiner Seele die Welt zu schauen. Sein Vater (Brad Pitt) jedoch, ein Pragmatiker, trichtert dem Kind ‘die Realitäten’ der Welt ein, einer Welt, in der jeder sich selbst der Nächste ist. Hin- und hergerissen zwischen diesen verschiedenen Ansichten muss Jack im Zuge seiner Kindheit erfahren, dass das Leben auch düstere Seiten und viel Leid bereithält. Als Erwachsener (gespielt von Sean Penn) ist ihm die Welt nur noch Rätsel und er eine darin verlorene Seele. Was ist der große Plan, was bedeutet The Tree of Life, und was ist Jacks Stellung im Universum? Das Schicksal hält eine wundersame Antwort für ihn parat …
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Es ist immer spannend einen Love-or-hate-Film zu sehen, ohne einen Hauch von Schimmer zu haben, ob man ihn lieben oder hassen wird.

Gnade und Natur

„The Tree of Life“ teilt die Welt auf in „Natur“ und „Gnade“. Die Natur ist das rein-kompetitive, überlebenskämpfende und strenge, die Gnade das höhere Prinzip der Nachsicht und Liebe. Da fängt mein Problem mit dem Film schon an: Eine bipolare Aufteilung in Natur und Gnade finde ich blödsinnig. Gnade ist doch Teil der Natur; betrachtet man Gnade wirklich als etwas von der Natur außenstehendes muss man von einer religiösen Perspektive ausgehen. Und auch wenn so mancher Kritker ja ausdrücklich den Film für atheistentauglich und religiös-unmotiviert erklärte, für mich ist „The Tree of Life“ ein klar christlich intendiertes Werk, das mit meiner Weltanschauung nicht verbindbar ist.

Das Prinzip der Natur wird durch die Vaterfigur (Brad Pitt), die Gnade durch die Mutterfigur (Jessica Chastain) verkörpert, dazwischen befindet sich Terence Malicks Alter Ego Jack. Ein kleiner Junge, der sich zwischen beiden Polen bewegt und aufwächst. Gnade und Natur streiten sich, lieben sich und verfechten einen permanenten Kampf mit ihren eigenen Mitteln. Die Gnade versucht durch Liebe und Zuneigung die Gunst der Menschen zu erreichen, die Natur dem unbedingten Memento, man würde in dieser Welt untergehen, begegne man ihr nicht mit Härte.

Eine Prophetie

Das spätere in der Gegenwart angesiedelte Ich Jacks wird von Sean Penn verkörpert und beschäftigt sich mit Fahrstuhlfahren, durch sterile Gänge wandern und über den Tod einer seiner beiden Brüder zu sinnieren. Außerdem wird die Narration, die ansonsten zu 90% aus malerischen Kamerafahrten durch das Amerika der 50er Jahre besteht und Jacks Kindheit zeigt, durch eine etwa 10minütige Weltentstehungssequenz unterbrochen. Diese Sequenz ist wichtig, um die Dimensionierung von „The Tree of Life“ zu verstehen. Der Film betrachtet sich selbst als auf die gesamte Welt und Weltgeschichte anzuwendende Prophetie. So gut die Familiengeschichte Jacks auch erzählt sein mag, sie ist großenteils nur angedeutet und immer im gewaltigen Schatten dieser Weltentstehungs/Schöpfungssequenz. Malick provoziert durch diese Überdimensionierung einen Vergleich zu Tarkowskij oder Kubrick.

Christliche Symbolik

Kann man wirklich behaupten, der Film sei nicht christlich intendiert? Ein Film, der mit Bibelzitat anfängt, ein Bibelzitat nach dem anderen ins Off flüstert, klassische Operngesänge mit „Jesus Christus“ über die Ästhetik der Welt legt und den streng-religiöse Erziehungsstil der Vaterfigur als natürliche Strenge betrachtet? Was Malick erzählt, ist nichts Beeindruckendes, er verbirgt es nur hinter schier unglaublichen Bildern und wähnt sich dabei auf einer Welle großer Vorbilder zu schwimmen.

Technische Perfektion und schlechtes CGI

Visuell generiert Malick einen Rausch der Bilder und durch die Bewegung seiner Handkamera, die Szene in Szene perfekt übergeht einen traumartigen Flow. Eine Stimulierung der Sinne, wie man sie selten genießen durfte. Dennoch: Gerade die Weltentstehungssequenz macht einen unschönen Fehler. Zunächst arbeitet Malick mit handwerkliche Einfallsreichheit (z.B. das Tropfen eines Milchtropfens als Meteoriteneinschlags) gepaart mit Unterwasserkamera, doch dann greift er doch in eine Trickkiste, die er nicht nötig hat und schafft animierte Dinosaurier, die der Perfektion dieser Sequenz ein jähes Ende bereiten. Vielleicht ist es auch meine Schuld, dass ich mich eher darüber ärgere, dass Animationen heutzutage noch nicht perfekt aussehen, als mich darüber zu erfreuen, dass sie es fast tun, aber die Dinosaurierszene wirkt wie ein gewaltiger Fremdkörper im kinematografischen Gesamtwerk des Films.

Gnade als nicht-menschliches Prinzip

Nichtsdestotrotz ist die Szene von erheblicher Wichtigkeit für den Film, denn in ihr zeigt, der Dinosaurier als erstes Lebewesen, das Prinzip der Gnade gegenüber dem der Natur. Interessanterweise spricht er also die Fähigkeit zur Gnade nicht nur Menschen zu, die Gnade sei darüberhinaus nicht einmal „Erfindung“ der Menschen. Dadurch macht er die Gnade aber zu etwas Erhöhtem und vor allem zu etwas, das sich außerhalb und gar konträr zur Natur bewegt. Es kann also nur ein göttliches Prinzip sein. Das Gnade rein aus menschlicher Vernunft entsteht, verneint „The Tree of Life“.

Den Film „unkommentiert“ zu nennen, ist auch eine Meinung, die ich nicht teilen kann. Interessanterweise sollte das Urskript des Films ja tatsächlich ohne eine einzige Wortzeile ausgekommen sein. So ist der Film aber ein Bilderrausch, der permanent aus dem Off von wichtigtuenden Kommentaren und Bibelzitaten beschallt wird. Dabei ist der Film nicht halb, auch nicht viertel so philosophisch, wie er gern wäre. „Es kann nur glücklich sein, wer liebt„. Das hat auch Hermann Hesse bemerkt und vor ihm vermutlich eine Gotteshandvoll anderer Autoren und Philosophen. Das Finale mit jenseitsartigem Familienwiedersehen kann man wohl als Kinomagie, aber auch als unfassbar arrogante Prätention betrachten.

Erst im Schnittraum mit Bedeutungen versehen?

Und jetzt kommt nochmal ein absolutes Rezensentenwagnis: Ich behaupte, dass „The Tree of Life“ erzählrhythmisch arg verbesserungswürdig ist. Natürlich verschanzt sich der Film hinter der tarkowskischen Ambition, dass der Film nach keinerlei Schemata funktionieren müsse und der Erzählstil durch und über allem schwebt, aber ganz im Ernst: Die Sean-Penn-Gegenwarts-Episode hängt irgendwo in der Luft und findet keinen Zugang zur erzählten Kindheit. Die Spätwirkungen der Erziehung werden nicht ersichtlich, Jack ist einfach in der sterilen Gegenwart gefangen. Fährt im Unsinn seiner Welt hoch und runter (Fahrstuhl), aber warum? Sean Penn ist völlig verschenkt und bietet keinerlei Antworten. Dabei zeigt doch Gaspar Noés „Enter The Void“ eindrucksvoll, wie man Kindheit und Gegenwart perfekt miteinander verwebt und narrativ gegeneinander ausspielt. „The Tree of Life“ scheint mit (beeindruckender Technik) einfach mal drauf los gefilmt worden sein und dann später im Schnittraum und bei der Off-Kommentar-Aufnahme irgendwie um eine Bedeutungsschwängerung zu betteln. So kommt es mir zumindest vor.

Arrogant, aber nicht langweilig

Man muss dem Film zumindest zu Gute halten, dass er mit sehr vielen Symboliken aufweist, die über den ganzen Film verstreut sind und dem Film eine angenehme Tiefe verleihen, z.B. die Baumsymbolik. Allerdings kann ich schon mit der Grundintention des Films nicht viel anfangen und finde die Überdimensionierung des Films, die um eine Vergleichbarkeit mit Noé, Kubrick und Tarkowski bettelt, einfach nur arrogant. „The Tree of Life“ wird wohl noch die ein oder andere Chance bei mir bekommen, den langweilig fande ich den Film, entgegen meiner Profilierung eines „Hassers“, nicht.

42%

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