Western

Deutsches Selbstverständnis in erudierender europäischer Gemeinschaft.

Originaltitel: Western
Produktionsland: Deutschland, Österreich, Bulgarien
Veröffentlichungsjahr: 1975
Regie: Valeska Grisebach
Drehbuch: Valeska Grisebach
Produktion: Maren Ade
Kamera: Bernhard Keller
Montage: Bettina Böhler
Darsteller: Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov, Veneta Fragnova, Viara Borisova, Waldemar Zang, Detlef Schaich
Altersfreigabe: FSK /
Laufzeit: 121 Minuten

Abenteuerlich wie im Western fühlt sich eine Gruppe Bauarbeiter aus Deutschland, als sie nach Bulgarien reisen, um dort, mitten in der Provinz, an einer Baustelle zum Einsatz zu kommen. Als Fremde im Ausland sehen die Männer sich aber nicht nur einer unbekannten Kultur und Sprache, sondern auch dem Misstrauen der Einheimischen und ihren eigenen Vorurteilen ausgesetzt. Als Meinhard (Meinhard Neumann) den Einwohnern des Dorfes daraufhin erzählt, er wäre ein Fremdenlegionär, verstricken sich er und sein Kollege Vincent (Reinhardt Wetrek) in immer neue Lügengeschichten. In einem zunehmenden Konkurrenzkampf versuchen sie, die Anerkennung der Dorfbewohner für sich zu gewinnen.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Valeska Grisebach ist eine großartige Regisseurin. Ich hatte die Ehre und Freude alle ihre drei Spielfilme innerhalb weniger Tage sehen zu dürfen und mit ihr über ihre Arbeit sprechen zu dürfen. Dieser Artikel versucht, sich hauptsächlich anhand ihres neuesten und auch besten Films „Western“, der Arbeit dieser Filmschaffenden in kreisenden Gedanken anzunähern.

Grisebachs motiv-deduktiver Realismus

Valeska Grisebach wollte mit ihrem dritten Spielfilm einen Film über „Western“ machen. Erst aus dem Nachdenken über starke, aber einsame und suchende Männlichkeit, über Lager, über Pferde, über das Kampieren im unerschlossenen Freien. Erst durch Genrezismen des Westerns enstand die ungewöhnliche Geschichte des Films, von deutschen Bauarbeitern, die in Bulgarien ein Wasserkraftwerk errichten wollen und in Konflikt mit bulgarischen Dorfbewohnern kommen. Per Deduktion also, vom Allgemeinen ins Spezielle. Ein ungewöhnliches Vorgehen, vor allen Dingen für eine Regisseurin mit Dokumentarfilmvergangenheit, bei der es also naheliegender erscheint, erst in einer Untersuchung des speziellen Milieus eine Analogie zum Allgemeinen zu finden. Hier geht der Grundbau der Geschichte einer späteren Ausmalung durch das Milieu voraus, auch wenn es sich nie so anfühlt, da das Milieu mit einer beeindruckenden doku-realistischen Schärfe daherkommt. Durch die von Anfang an vorhandende Imprägnierung einer narrativen und motivischen Struktur ist „Western“ ein Film, der ein genuin intellektuelles Kino repräsentiert, eines, das sich weniger durch Zufälle und Intuitionen leiten lässt, sondern einen vorgeschriebenen Plan verfolgt.

Lustvolle Planspiele

Das ist wichtig zu erörtern und gleichzeitig unglaublich faszinierend, weil Grisebach eine Filmemmacherin ist, die sich stilistisch nah am Dokudramatischen verorten lässt. Also überall dort, wo Handlung zwischen Fiktion und Dokumentation oszilliert, erscheint es naheliegender, ganze Motive und Subplots zufälligen Geschehnissen am Set zu opfern. Grisebach arbeitet anders. Ihre Schauspieler sind zwar immer Laien und auch immer Menschen, die tatsächlich dem skizzierten Milieu angehören, aber die Handlungen und sogar die Dialoge in beeindruckender Detailiertheit sind vorgegeben. Ihre Filme bleiben Planspiele wie klassische Drehbuchfilme, nur dass sie ihren Schauspielern eine Bestimmung des eigenen Duktus erlauben. Diese relative Kontrolle über die Handlung ist deshalb so interessant, weil Grisebach ausnahmslos jeden gewünschten Effekt eines dokudramatischen Films erreicht, der den Zufall in die eigene Drehstrategie einbindet: authentische Situationen, realistisches Schauspiel, „echte Figuren“ und vor allen Dingen „unschreibbare“ Dialoge.

Das geschriebene „Unschreibbare“

An dieser Stelle komme ich besonders ins Schwärmen. Da gibt es diese eine Szene in „Western“, in der das bulgarische Dorfoberhaupt Adrian mit dem Protagonisten Meinhard über die Welt spricht. Er fragt ihn, ob er schon die ganze Welt bereist hätte, vielleicht, weil Meinhard Legionär war, vielleicht auch, weil Meinhard ein Deutscher ist, der mehr Geld zum Reisen hat. Die Frage kommt nicht ganz an, geht im Kommunikationschaos zwischen Deutschbrocken, Bulgarischbrocken und Handzeichen verloren. Meinhard versteht die Frage falsch und antwortet schließlich mit „In der Welt gewinnen immer die Starken. Die Starken fressen die Schwachen.“ (sinngemäß)
Es ist keine Antwort auf Adrians Frage und irgendwie dann wieder doch. Auf eine gutgemeinte Interessensnachfrage, in der vielleicht sozialer Neid mitschwingt, wird eine pessimistische Weltanschauung geantwortet, die — wenn man sie weiterdenkt — doch sehr viel aussagt über die Rolle Deutschlands in der Europäischen Union. Unfreiwillig beantwortet Meinhard nicht nur die Frage Adrians, sondern sogar ihren Subtext, ohne die Frage verstanden zu haben. Kommunikation verlässt an dieser Stelle ihre Zwangsbindung an das Medium der Sprache und wird zu einer reinen, menschlichen Geste.
Der Wahnsinn hinter dieser wunderschönen Dialogszene (einer unter vielen) ist, dass Valeska Grisebach diese Szene tatsächlich genau so, mit seinen wahnsinnig komplexen Kommunikationsdiskontinuitäten geschrieben hat. Es ist eine dieser Szenen, die eigentlich durch Zufälle und Improvisation entstehen und von denen man dann im Nachhinein sagt, dass die Realität die schönsten Momente schreibt. Diese Szene jedoch lag bereits im Antizipationsvermögen von Grisebach.

Ungarantierte Empathie

Der (fehlgehende) Eindruck, dass hier die gesamte Handlung improvisiert wurde, wird noch dadurch verstärkt, dass „Western“ (ebenso wie die anderen Spielfilme von Grisebach „Mein Stern“ und „Sehnsucht“) eine Makro-Dramaturgie aufweisen, die zäh, sperrig und im dramaturgischen Sinne undramatisch ist. Wir sehen vor allen Dingen, epische, also beschreibende Szenen und selbst, wenn die Handlung mal eine dramatische Wendung nimmt (zum Beispiel, wenn es zur plötzlichen Eskalation einer der Konflikte kommt) bleibt der Film immer in seinem trägen, zuschauenden Rhythmus. Dieses Gefühl für Raum und Zeit ist eine Geschmackssache, einerseits ein effektives Mittel, um sich dem dokudramatischen Realismus zu halten und die Handlung unvorhersehbar zu gestalten, andererseits immer am Rande den Zuschauer zu verlieren. Das steht und fällt dann mit der reinen Attraktivität des Motivs, zumal die Hauptfiguren von Grisebachs Filmem auch nie klassische Sympathieträger sind und dann auch noch zusätzlich aus einer kühlen Distanz beobachtet werden, sodass Empathie, wenn sie auftritt eine echte, da absolut reine, manipulationslose ist — ein echtes Interesse am porträtierten Menschen — aber gelingt dies nicht, kann diese Strategie der Figurenechtheit auch der Empathiewirkung stark entgegenwirken. So mochte ich z.B. die Figuren in Grisebachs Debütfilm „Mein Stern“ unglaublich gern, tat mich aber mit allen Figuren aus ihrem hochgelobten Zweitling „Sehnsucht“ schwer.

Deutsche Cowboys im Hinterland

Im Gegensatz zu ihren zwei ersten Spielfilmen „Mein Stern“ und „Sehnsucht“, die noch sehr frei zu einem Thema umherassoziierten, ist „Western“ ein Film mit einem vorab streng geordneten motivischen Konzept. Der Western als sozialpolitische Allegorie. Deutsche Bauarbeiter in ihrem Camp, stolz eine Deutschlandflagge hissend und über die Nazivergangenheit späßelnd (mutig!), sind in vielerlei Hinsicht eine brillant gewählte Symbolisierung der Rolle der Bundesrepublik Deutschlands in der Europäischen Union. Zunächst natürlich die naheliegende und nahegelegte Nähe zum Western als Genre: Die rauen Bauarbeiter entsprechen den Cowboy-Heroen, samt ihren Selbstverständnis von sich selbst als Heilsbringer der Zivilisation gegenüber der unterlegenen, indigenen Bevölkerung. Dass das in diesem Fall eben keine primitiven Indianer, sondern bulgarische Dorfbewohner sind, kann man als bissigen Kommentar auf das überhebliche Verhalten der deutschen Außenpolitik gegenüber vor allem süd- und osteuropäischer Mitgliedsstaaten, lesen. Dazu kommt die Ironie des Titels „Western“ im Sinne „westlicher Welt“, die Fragen aufwirft, inwiefern Bulgarien zu dieser westlichen Hemisphäre dazugehört. Offiziell als Teil der EU eben schon, inoffiziell, in den Köpfen der Leute, als Image des armen, postsozialistischen Staats eher nicht. In dieser Hinsicht soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass Grisebach das Bauarbeiter-Camp wie einen Soldatenstützpunkt inszeniert. Vieles erinnert an das Militär. Sei es die Deutschlandflagge, die hypermaskuline Stimmung der Männer, das strategische Vorgehen der Bauarbeiter gegenüber den Einheimischen und natürlich auch der Hint, dass der Protagonist Meinhard selbst mal ein Soldat war. Ein Legionär.

Modernisator und Imperialist

Deutschland kommt hier einserseits als Modernisator als auch als Imperialist ins bulgarische Hinterland. Ein Wasserkraftwerk muss gebaut werden für ein Dorf, das sich bislang eine spärliche Wasserquelle mit zwei anderen Dörfern teilen musste. Aber zur Herstellung benötigt die Baustelle selbst Wasser. Darin steckt natürlich die Frage nach kurzfristiger und langfristiger Politik, die im EU-Diskurs so wichtig ist. Die EU als langfristiges Projekt, das seine im wahrsten Sinne des Wortes Dürrezeiten als Versprechen auf bessere Zeiten kommuniziert. Das steckt da natürlich alles allegorisch fein verpackt in Grisebachs Geschichte, zumindest in der grundlegenden Prämisse.

Figuren mit Grautönen

In seiner angenehm umherschweifenden Handlung wird der Film merklich unkonkret, wenn es wirklich um die Beantwortung dieser weitreichenden politischen Fragestellungen geht. Stattdessen installiert der Film einen relativ klassischen Konflikt: Meinhard als Protagonist zwischen den Fronten. Er ist der einzige, der sich mit den bulgarischen Einwohnern auseinandersetzt, sich ihre Sorgen aufmerksam zuhört und sich sogar kulturell mit ihnen verbindet (lernt Bulgarisch usw.) Seine Kollegen im Bau-Camp, rund um den innerlich tief verletzten Bauchef Vincent, nehmen das ebenso als Provokation auf, wie einige bulgarische Dorfbewohner, die ihn immer noch als einen der bedrohlichen deutschen „Invasoren“ wahrnehmen. Aber ganz so einfach ist es eben auch nicht. So sehr Meinhard ein Mittler, ein Kommunikator ist, ein optimistisches Symbol europäischer Einigung, so ist er auch immer noch ein Mensch mit Ecken und Kanten. Manchmal handelt er eigensinnig, nicht einmal für den Zuschauer unbedingt nachvollziehbar, stößt an Grenzen sozialer Kodizes auf deutscher wie auf bulgarischer Seite. Grisebach macht es niemandem leicht: Das ist kein einfacher Thesenfilm, kein humanistisches Erklärkino. Immer wieder wird das Verhalten von Meinhard, diesem Agenten der Völkerverständigung, von menschlicher Irrationalität durchdrungen. Was bleibt sind Momente von Kraft, von Hoffnung, auch von Resignation, aber vor allen Dingen von exemplarischer Menschlichkeit. Und das ist wohl wichtiger als noch ein Deutscher, der Europa sagt, wo es langgeht.

8/10

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