The Hateful Eight

Zwei Seiten einer Medaille der Selbstzitierung.

Originaltitel: The Hateful Eight
Alternativtitel: The Hateful 8, The H8ful Eight
Produktionsland: USA
Veröffentlichungsjahr: 2015
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Produktion: Richard N. Gladstein, Shannon McIntosh, Stacey Sher
Kamera: Robert Richardson
Montage: Fred Raskin
Musik: Ennio Morricone
Darsteller: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Walton Goggins, Jennifer Jason Leigh, Tim Roth, Michael Madsen, Demián Bichir, Bruce Dern, Zoë Bell, Channing Tatum, James Parks
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 168 Minuten

Wyoming, einige Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg: Eine Stagecoach-Kutsche bahnt sich mühsam ihren Weg durch den Schnee in Richtung der Bergstadt Red Rock. An Bord befinden sich der Kopfgeldjäger John ‘The Hangman’ Ruth (Kurt Russell), dessen Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) sowie die Anhalter Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), der früher Soldat war und nun ebenfalls als Kopfgeldjäger sein Geld verdient, und Chris Mannix (Walton Goggins). Aufgrund eines Schneesturms legen sie einen Zwischenstopp in Minnies Kleinwarenladen ein. Darin treffen sie zwar nicht auf Minnie, aber dafür auf den mysteriösen Mexikaner Bob (Demián Bichir), auf den verschwiegenen Cowboy Joe Gage (Michael Madsen), auf General Sandford ‘Sandy’ Smithers (Bruce Dern) und auf Oswaldo Mobray (Tim Roth). Was auf den ersten Blick wie ein zufälliges Zusammentreffen von Fremden in einem vergessenen Winkel der Welt wirkt, ist in Wahrheit ein Abrechnung für Untaten während des Bürgerkrieges, die schon Jahre zurückliegen, aber alle Männer mit Hass erfüllt haben – einen Hass, der jedes Wort in dem kleinen Laden zu einem Todesurteil werden lassen kann …
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Tarantino ist längst zu einer Marke geworden. Und das ist sein Problem. Denn seine Fans sind nicht so klug wie er es als Künstler und Freund der Filmkunst ist. Es geht spätestens ab „The Hateful Eight“, Tarantinos achtem Film — wie selbstverliebt in der Titeleinblendung verkündet wird, als ob es nicht eh schon jeder wüsste — weniger darum, Filmen aus aller Welt und Zeiten Referenz zu erweisen und sie auf eine produktiv-kreative Weise zu kopieren. Nein, viel mehr ist Tarantino vorläufig beim Kopieren seiner selbst, einer Marken-Coolness wegen, angekommen. Was jetzt nur negativ klingen mag, erzeugt auch ein paar positive Effekte, die sich in seinem neuestem Film offenbaren, hat aber auch maßgeblich zu verantworten, dass „The Hateful Eight“ in zwei stilistisch inkompatible Hälften zerfällt.

Die Entdeckung der Geduld

Fangen wir mal ganz chronologisch bei der Exposition an. Diese dauert über eine Stunde und zwei der sechs Kapitel. Nun müssen natürlich auch ganze acht, ca. gleichberechtigte Figuren vorgestellt werden, aber diese sind allesamt Tarantino-Selbstreferenzen. Man kennt jede dieser Figuren bereits aus früheren Filmen und da jeder Tarantino-Fan jeden Tarantino-Film kennt, hätte man die Exposition also auch gut und gern um eine halbe Stunde kürzen können und jeder hätte das Figurenkonzept verstanden. Eine der Figuren, der von Tim Roth gespielte Oswaldo Mobray, ist sogar so offensichtlich eine Figur, die ursprünglich für Christoph Waltz geschrieben wurde, dass die überdeutliche Charakterzeichnung noch durch den Schauspieler hindurch an andere Tarantino-Rollen erinnert. Andere Figuren wie die verrückte Verbrecherin Domergue sind zumindest ziemlich überzeichnete Klischees. Tarantino entdeckt in „The Hateful Eight“ aber etwas ganz anderes, die Geduld. Und das ist doch durchaus etwas Gutes. Wie ein Damoklesschwert liegt die Eskalation stets über den Figuren, die sich umkreisend an einander annähern. Und was noch viel wichtiger ist: Tarantino zieht mit kleinen Details ganz bewusst jede Figur, selbst den Protagonisten Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) und den Quasi-Protagonisten John Ruth (Kurt Russell) in den Zweifel. Jeder lügt einmal, tut etwas Zwielichtiges oder moralisch Fragwürdiges, und bereitet somit ein Spiel mit den Zuschauererwartungen vor, das gleichzeitig der interessanteste Aspekt und (heimliche) Klimax des gesamten Films ist.

Whodunit vs. Tarantino-Marken-Action

„The Hateful Eight“ wird zumindest für ein Kapitel zu einem waschechten Whodunit. Gerade, indem Tarantino sich also am Eigenen ergötzt und seine Standardfiguren auf einander treffen lässt, kann er damit doch wieder etwas Neues anfangen. Der Zuschauer kennt all diese Figuren perfekt und doch scheint es in diesem cleveren Rätselspiel des vierten Kapitels (in das der Erzähler selbst interveniert) so, als halte uns Tarantino einen Spiegel vor, denn so gut scheinen wir seine Figuren eben doch nicht zu kennen. Bis hierhin ist „The Hateful Eight“ ein deutlich besserer Film als noch der schlechthinnige Crowdpleaser „Django Unchained„, der mit Dauercoolness ein Publikum beschoss, aber erzählerisch äußerst uninteressant war. Leider verfällt Tarantino an dieser Stelle der Versuchung, seinem Zuschauer doch noch ein explosives Marken-Finale zu bieten und spult ein Gewalt-Inferno ab, das mit dem ruhigen, geduldigen, ja, gereiften Stil des Restfilms doch noch bricht. Im folgenden nicht-spoilerfreien Teil möchte ich weiter auf die Gewaltdarstellung in „The Hateful Eight“ und andere Aspekte des Films eingehen.

[Klicken, um Spoiler anzuzeigen]

Geschichtsrevisionismus als schöne Lüge

Und eigentlich hätte der Film „The Lincoln Letter“ heißen müssen, aber damit bekommt man natürlich keine Tarantino-Fanschaft in die Kinos. Dieser Brief von Lincoln an Major Marquis Warren ist, wie wir später erfahren, von ebenjenem gefälscht worden. Die pathetischen Worte, die von Hoffnung auf Frieden und Gleichberechtigung der Rassen sprechen, stammen also nicht vom damaligen US-Präsidenten, sondern von einem Schwarzen, von Warren selber. Der Pathos ist ein fiktiver, eine Lüge. Und das ist doch auch ein schöner Kommentar auf Tarantinos augenzwinkernd-geschichtsrevisionistische Ader seiner „Historien-Filme“ ab „Inglourious Basterds“. Dreiste, aber schöne und pathetische Lügen. „The Hateful Eight“ zeigt einmal mehr, leider eben ab der zweiten Hälfte auch auf tragische Weise, dass es besser ist, sein Publikum zu täuschen, als es ihm auf Biegen und Brechen rechtmachen zu müssen.

6/10

5 thoughts on “The Hateful Eight

  1. Kann man die Gewaltanalyse mit den Spoilern noch irgendwo im Netz lesen? Ich werde mir den Film eher nicht ansehen, interessiere mich aber für die Debatte darüber. Vor allem möchte ich wissen, wieso die Gewalt im Film als “ unerträglich Frauenfeindlich“ beschrieben wurde. Was passiert denn da?

  2. Ah, ich sehe eben, dass man den Text ausklappen kann. Die Gedanken über Rassismus bei Tarantino sind interessant. Aber wie steht es mit der Gewalt gegen Frauen? Mein erster Eindruck war, dass die Gefangene in Hateful 8 eigentlich genauso brutal denkt und handelt wie die Männer. Spielen Geschlecht und sexualisierte Gewalt also überhaupt eine Rolle? Wie kommen einige Kritiker darauf? Und leben Tarantinofilme nicht eher von Frauen, die sich behaupten?

    1. Wenn ich die Frauenfigur in „Hateful Eight“ als dezidiert frauenfeindlich erachtet hätte, hätte ich das auch geschrieben. Es ist sicher eine ziemlich „hexige“ Figur, die obendrein rassistisch ist, aber dass sie als Antagonistin fungiert, macht den Film meines Erachtens nicht wirklich bedenklich. Im Film sind alle Figuren wie beschrieben keine Unschuldslämmer, da wäre es wohl wenn überhaupt antifeministisch, die Frau als einen engelsgleichen, positiven Gegenpol dazu einzusetzen.
      Generell finde ich den Diskurs am Beispiel Tarantinos und vor allem dieses Films aber eher mühselig und würde mich relativ ungern darauf einlassen.

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