The Revenant — Der Rückkehrer

Malick, Natur und Wahrhaftigkeit.

Originaltitel: The Revenant
Produktionsland: USA
Veröffentlichungsjahr: 2015
Regie: Alejandro González Iñárritu
Drehbuch: Mark L. Smith, Alejandro González Iñárritu (basierend auf einem Roman von Michael Punke)
Produktion: Steve Golin, Alejandro González Iñárritu, David Kanter, Arnon Milchan, Mary Parent, Keith Redmon, James W. Skotchdopole
Kamera: Emmanuel Lubezki
Montage: Stephen Mirrione
Musik: Bryce Dessner, Alva Noto, Ryūichi Sakamoto
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Will Poulter, Domhnall Gleeson, Lukas Haas, Kristoffer Joner, Brad Carter, Javier Botet, Paul Anderson, Brendan Fletcher, Robert Moloney u.A.
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 151 Minuten

Der Trapper Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) wird 1823 auf einer Expedition in der rauen Wildnis Nordamerikas von einem Bären angegriffen. Seine Kollegen, der skrupellose Söldner John Fitzgerald (Tom Hardy), der aufrechte Captain Andrew Henry (Domhnall Gleeson) und der junge Jim Bridger (Will Poulter), geben dem schwer verletzten Glass kaum eine Überlebenschance. Als sich auch noch Indianer dem Lager nähern, beschließen sie, Glass zurückzulassen. Bei ihrer Flucht nehmen sie Glass außerdem Ausrüstung und Werkzeuge, die in der Wildnis seine Überlebenschancen deutlich erhöhen würden. Doch der dem Tod Überlassene überlebt und beschließt, sich an seinen ehemaligen Begleitern zu rächen. Für seinen Rückweg in die Zivilisation muss er allerdings zunächst 350 Meilen der unberührten und lebensfeindlichen Wildnis der Rocky Mountains überwinden.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Es ist mühsam zu einem Film zu berichten, über den eh schon alles gesagt wurde. Also hier erstmal die Hartfakten, die man eh schon überall lesen konnte: Leonardo DiCaprio spielt oscarreif. Zumindest wenn man Schauspiel für physisch-psychische Strapazen und/oder bloßen Realismus auszeichnen will, hat er den Oscar wirklich verdient. Der Film wurde unter höchstem physischen Aufwand bei ausschließlich natürlichen Lichtquellen gedreht. Der Film ist ein einziger Kampf mit der Natur und wird geradezu körperlich erfahrbar. Die Geschichte ist eine recht simple Rache-Geschichte vor dem Hintergrund der Besiedlung des westlichen Teils der vereinigten Staaten von Amerikas. Streckenweise streift der Films das Esoterische. Was gibt es nun also noch zu „The Revenant“ zu sagen? Eigentlich doch nur, wie man ihn findet. Also wie man die aufgelisteten Beobachtungen subjektiv gegeneinander anordnet.

Iñárritu, Oscar-Regisseur

Alejandro González Iñárritu nimmt mittlerweile dankbar die Rolle des Oscar-Regisseurs an. Spätestens mit „The Revenant“, der gar nicht erst bei internationalen Filmfestivals wie Cannes, wo „Babel“ lief und Venedig, wo „Birdman“ lief, eingereicht wurde. Dieser Film wurde direkt für die Academy Awards gestaltet, wobei Iñárritu hier seine Rolle als Pionier eines gewissen Bombastkinos zementieren will. „Birdman“ war in einer (Pseudo)-Einstellung gedreht, „The Revenant“ kopiert diese Technik partiell und setzt ebenso auf eine Vielzahl beeindruckender Plansequenzen, sein neues „Gadget“ sind aber die natürlichen Lichtquellen. „The Revenant“ hat sich auf die Fahne geschrieben, eine Erfahrung der Urgewalt von Mutter Natur zu sein, wahrhaftig zu sein. Und dabei ist es geradezu ironisch, dass dazu dieselben Techniken angewandt werden, wie es noch bei „Birdman“ der Fall war, der besonders künstlich und darin auch durchaus genial war.

DiCaprio als Wahrhaftigkeitsvehikel

Auf Diskussionen um Leonardo DiCaprios Schauspiel-Qualität will ich mich nicht einlassen, da es mich nicht interessiert. Vielleicht war das auch ein filmpolitischer Hutzauber vom mexikanischen Hype-Regisseur, dass er den Schauspieler engagiert, bei dem die halbe Welt allein schon in den Film rennt, um danach „Gibt ihm den Oscar!“ schreiend wieder herauslaufen zu können. Das wissen wir nicht. Schauspiel interessiert mich ohnehin nur, wenn es so schlecht ist, dass der Film dadurch kaputt geht oder wenn sie qualitativ dramaturgisch ganz neue Momente ermöglicht. Das ist hier aber nicht der Fall. DiCaprio macht hier das, was man von ihm erwartet. Er ist eine tapfere Physis, die das Programm, was „The Revenant“ abspult, eben aushält. Er kann aber auch in kleinen, stummen Gesten zeigen, dass er nicht nur ein Charakterdarsteller (arroganter Einzelgänger) sein kann, sondern auch ohne oder mit sehr wenig Dialogen überzeugen kann. Tom Hardy — der hier besser spielt — hätte das wohl aber auch geschafft. Und viele Schauspieler auch. Das ist aber auch nicht der Punkt und wer den Oscar bekommt, ist völlig unwichtig. Wichtig ist nur: Iñárritus Programmatik des Wahrhaftigen geht nicht an DiCaprio zu Bruch.

Gigantomanie als Bredouille

Diese Programmatik kommt in „The Revenant“ aber an einer anderen Stelle in Bredouille. Ein Film über die Wahrhaftigkeit der Natur kann doch nur funktionieren, wenn er wirklich nur die unberührte Natur abbildet. Und das versucht der Film ja auch. Die Dreharbeiten in Kanada und Argentinien bei originalem Schnee und unverfälschten Lichtverhältnissen sollen ziemlich gefährlich und anstrengend gewesen sein. Einen Kampf mit einem echten Bären wird es aber nicht gegeben haben. Wie viele andere Dinge in dem Film wurde eben in der Post-Produktion mit CGI-Gewitter herumfurwerkt. Keine Frage, das sieht wirklich genial aus, aber eine rein ästhetische Frage reicht hier nicht aus. Es geht doch um die Ehrlichkeit eines solchen Purismus. Wenn der Film sich nicht an seine eigene Herausforderung hält, braucht er sie gar nicht erst aufzustellen. Die Tatsache, dass „The Revenant“ eben höchstens zur Hälfte so wahrhaftig-natürlich ist, wie er sich gibt, überführt doch das Vorhaben Iñárritus, an Originalschauplätzen mit natürlichem Licht zu drehen, als reines Angeber-Manöver. Und ja, auch als Oscar-Pleaser. Die Frage des Kinos der Zukunft muss eine andere sein. Es ist ja auch ethisch und ökologisch-moralisch nicht irrelevant, zu fragen „Müssen wir z.B. noch mit dem Hubschrauber durchs ewige Eis fliegen? Wenn wir dieselben Shots auch (irgendwann) ähnlich schön am Computer designen können?“ Die Antwort derjeniger, die (völlig zurecht) auf die Wahrhaftigkeit der Kinobilder als originalgetreue Abbilder der Realität bestehen wollen, muss nun nicht eine ökologiefeindliche sein. Stattdessen sollte man sich wieder auf „kleineres“ Kino zurückbesinnen. Diesen Weg geht „The Revenant“ mit seiner Gratwanderung zwischen CGI und Natürlichkeit aber gerade nicht. „The Revenant“ will besonders groß sein.

Malick-Bilder und -Pathos?

Und leider zitiert „The Revenant“ dann noch einen anderen Filmemacher unserer Zeit, der einen Gigantomanie-Komplex hat: Terrence Malick. Malick-Abo-Kameramann Emmanuel Lubezki ist doch ein relativ vielseitiger Künstler, z.B. hat „Birdman“ eine ganz andere Ästhetik als seine Arbeiten für das Spätwerk Terrence Malicks („The Tree Of Life„, „To The Wonder“ etc.). Hier kauft Iñárritu jedoch eins-zu-eins dieselben Bilder ein, die Malick seit ein paar Jahren für seine Filme verwendet. Und damit nicht genug, versieht er den Film auch mit ähnlichen dramaturgischen Mitteln wie einem sentimental-poetisch angehauchten Off-Kommentar und Flashbacks. Das ist bei weitem nicht so furchtbar aufgeblasen wie bei Malick, es kann sich durchaus fruchtbar in das einordnen, was Iñárritu versucht, hier abzuspulen. Nämlich eine Fühlbarkeit der Naturgewalt zu erzeugen, in der es dennoch so etwas wie eine Metaphysik gibt, die sich wie eine Signatur durch Iñárritus Werk zieht. „Babel“ ist bei Weitem sein bester Film, da die religiöse Spielweise in diesem Film zu 100% optional ist. In „The Revenant“ ist sie das nicht, man kann sie aber zumindest ganz gut ausblenden und sich an dieser filmischen Erfahrung ergötzen, die „The Revenant“ zweifellos immer noch bietet.

Humanismus vs. Anti-Humanismus

Die reale Geschichte des Hugh Glass, der sich mit einem Grizzlybär schlug, überlebte und auszog den Mörder seines Sohnes zu rächen, ist eine bekannte Figur in der amerikanischen Folklore. Er ist als Vater eines indianischen Sohnes ja auch so etwas wie ein Brückenschlag zwischen Siegermentalität der Euroamerikaner und den spirituellen, uramerikanischen Wurzeln. Als politische Parabel auf Rassismus oder ähnliches lässt sich „The Revenant“ aber nicht zufriedenstellend auflösen, da ist selbst Tarantinos Winter-Western „The Hateful Eight“ der aussagekräftigere Film. Die Fragen, die „The Revenant“ aufwirft, sind elementarer. Es geht um das nackte Überleben, um die Gleichheit des Menschen mit dem Tier und — wenn man „The Revenant“ zwangsweise philosophisch betrachten möchte — um einen leicht fortgeschrittenen Naturzustand im Hobbesschen Sinne, in dem es bereits erste Bündnisse unter Menschen gibt, das alles aber noch derart lose und opportunistisch ist (man denke an die Bündnisse der Franzosen mit den Indianern im Film), dass man dies noch kaum als kulturell-fundierte Parteien betrachten kann. Dabei ist am ehesten noch die Lesart offenkundig, dass es beim Duell des von DiCaprio gespielten Hugh Glass und des von Tom Hardy gespielten Fitzgerald um das Duell verschiedener ethischer Ansätze an das Leben bzw. Überleben geht. Ein humanistischer Ansatz, der sich im Falle Glass‘ auch auf metaphysische Hoffnungen stützt, gegen das sehr realistische und kalt-antihumanistische Denken Fitzgeralds, dem auch verständliche Motive zugrunde liegen, der aber vom Film trotzdem deutlich wenn nicht diabolisiert, so doch antagonisiert wird. Das Starke an „The Revenant“ ist aber wohl, dass er trotz seiner Versuchungen der Esoterik viele Momente sprachloser Schönheit bietet, deren Symbolik nicht oktroyiert wird, sondern sehr frei interpretierbar ist. Die Simplizität der Rachegeschichte ist hier vielleicht nicht nur Fluch, sondern durchaus auch Segen, da sie eben auch Universalität ist.

Länge als Reinheit

Irgendwie vereint „The Revenant“ vieles, das man nicht als Teil eines zukünftigen Kinos wünscht und ebenso wenig, was wirklich noch nie zuvor zu sehen war. Der Begriff des Meisterwerks verbietet sich hier dringlichst, den eines schlechten oder auch nur mittelmäßigen Films aber auch. „The Revenant“ ist doch bei all dem, was man ihm entgegenhalten kann, eben auch ein Film der unbestreitbaren Qualitäten. Iñárritu ist zwar kein Cannes-Regisseur mehr, aber mit Lars von Trier eint ihn die Lust, zwischen Kunst und Kommerz Stil-Experimente zu versuchen, die die Beachtung, die ihnen als Oscar-Filme sowieso zu Teil werden, immerhin verdienen. Mutig an „The Revenant“ ist zum Beispiel seine Spiellänge. Nein, das ist keineswegs selbstverliebtes Monumentalfilmgehabe, das primär auf ein Überlängeaufpreis an der Kinokasse aus ist, es ist für einen Film, wie ihn Iñárritu hier gemacht hat, die wichtigste Design-Entscheidung überhaupt. Denn nur durch Länge kann sich der Film als physische Erfahrung beweisen. Und abgesehen von den kleinen Momenten der Metaphysik, die Iñárritu so liebt, ging es dem Film doch wohl auch nur darum. Hier wäre es vermessen, zu behaupten, der Film würde darin vollends scheitern, nur weil er es immer noch auf publikumswirksamere Weise tut als es andere Filme vormachten. Nein, so rein wie du gern wärst, bist du vielleicht nicht, aber du bist schön.

7/10

4 thoughts on “The Revenant — Der Rückkehrer

  1. Ich habe eine Frage zu deiner These, der Film sei sich selbst nicht treu, wenn er den realistischen Anspruch (nur Tages- und Kerzenlicht, Dreh in unberührter Natur) durch den Einsatz von Special Effects verrät. Ich empfinde das nicht so. Wäre es dir lieber gewesen ein echter Bär hätte DiCaprios Rücken zerfetzt.? Kunst hört – für mich – da auf, wo Leib und Leben in Gefahr sind und da halte ich es auch für legitim, dass man trickst. Bei BIRDMAN hat man noch viel mehr getrickst, obwohl wir ja seit VICTORIA wissen, dass man durchaus Filme in einer Einstellung drehen kann.

    1. Nein, die Alternative wäre eben natürlich kein echter Bär gewesen, sondern ganz einfach einen „kleineren“ Film zu machen.
      Für mich versaut es den Film aber nicht, da es im Lichte der gebotenen Geschichte Sinn macht, CGI zu verwenden. Ich sehe es aber als grundsätzlich einen Irrtum an, wenn Kino glaubt, dieser Weg sei der richtige. Ich schaue mir lieber an, wie man kreativ „kleinere“, unspektakulärere Mittel anwendet, um etwa die „Naturgewalt“ darzustellen als dass ich diesem Weg vertraue, der eigentlich inkompatibel damit ist.

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