Stockholm

Beziehungen nach männlicher Initiative als Entführungsgleichnis.

Originaltitel: Stockholm
Produktionsland: Spanien
Veröffentlichungsjahr: 2013
Regie: Rodrigo Sorogoyen
Drehbuch: Rodrigo Sorogoyen, Isabel Peña
Produktion: V.A. (Crowdfunding)
Kamera: Alejandro de Pablo
Montage: Alberto del Campo
Darsteller: Aura Garrido, Javier Pereira, Jesús Caba, Lorena Mateo, Susana Abaitua, Miriam Marco, Helena Sanchis-Guarner, Daniel Jiménez, Javier Santiago
Altersfreigabe: FSK /
Laufzeit: 90 Minuten

Er (Javier Pereira) und sie (Aura Garrido) begegnen sich auf einer Party in einem Nachtclub in Madrid. Während er sich sofort zu ihr hingezogen fühlt, versucht sie eher, ihn abzustoßen. Doch er lässt nicht locker, verwickelt sie in ein langes Gespräch und folgt ihr durch die Straßen und die Nacht der spanischen Hauptstadt. Laut dem sogenannten Stockholm-Syndrom sollen Geiseln schließlich allein durch die ständige und ausschließliche Nähe zu ihren Entführern eine Bindung zu diesen entwickeln …
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Ein wunderbarer Film. Man kann sich leider kaum ernsthaft mit ihm auseinandersetzen, ohne ihn mit Spoilern zu versehen. Und die Unvoreingenommenheit, das Nicht-Wissen über den Handlungsverlauf von „Stockholm“ macht hier schon einiges des Zaubers aus, den Regie-Debütant Rodrigo Sorogoyen hier mit seinem Independent-Crowdfunding-Kleinod aufs Pakett bringt. Schon in „Madrid 1987“ gab es einen spanischen Film in diesem Jahrzehnt, der reduzierten Ort und lediglich zwei Darsteller zu einem ausgefeilten Dialog-Drama verdichtete. Aber so brillant und vielschichtig wie „Stockholm“ ist kaum ein Film mit einem solch rabiaten Reduktionsgrad. Nicht-Kenner des Films sollten ab dieser Stelle das Lesen abbrechen, denn es folgt eine sich an der Dramaturgie des Films abhangelnde Reflexion über die tiefe Magie dieses Films.

Von nun an: Spoiler

Männlich-aktiv, weiblich-passiv

Ein junger Mann (Ende 20) und ein Mädchen (vielleicht Anfang 20), ohne Namen. Der Mann will das Mädchen abschleppen, vielleicht ist auch etwas dran an seiner vermeintlichen „Liebe“, die er auf den ersten Blick für sie empfände. Aber eigentlich ist klar, dass es eine Masche ist. Und auch dem Mädchen ist das klar. Es ist wie ein Fangspiel. Oder eine Jagd. Ein sexuelles Spiel, wie wir es in der westlichen Welt sehr gut in dieser Form und in anderen Ecken der Welt in einer etwas anderen Spielweise auch kennen. Es ist jedenfalls Sexualität mit aktiver männlicher und passiver weiblicher Rolle. Dieser Film normiert diese Geschlechterstellung nicht, wie wir später sehen werden, er stellt sich durchaus in Frage. Und trotzdem ist das Gesehene der ersten Minute ein höchst vertrautes mit großen Identifikationspotenzial für beide Seiten. Auch wenn (oder gerade weil) beide Figuren zunächst Geschlechterschablonen bleiben, erzeugt der Film eine schöne Atmosphäre, ohne so sehr ins Komödische und Idealisierte zu verkehren wie es Linklaters Date-Film „Before Sunrise“ tut.

Pickup-Artist vs. „Cold Bitch“

Ganz schlau werden wir aus den Protagonisten aber doch nicht. Es gibt immer eine Seite der Figuren, die wir durch eigenes Nachdenken für uns selbst erschließen müssen und in der sicherlich auch viel eigene Erfahrung hineinprojiziert wird. Das Mädchen, gespielt von Aura Garrido, z.B. erscheint am Anfang wie eine Cold Bitch, ein Mädchen, das sich über die locker-coole Art des Mannes mit voller Arroganz stellt und sich für etwas Besseres hält. Natürlich kann man das wieder genau andersherum betrachten und die postpubertäre Pickup-Schiene des Mannes als unsympathisch betrachten. Eine Frage des Standpunkts. Der namenlose Mann verliert aber recht schnell seine Uneindeutigkeit, falls er sie je gehabt haben sollte. Es wird klar, dass er das Mädchen tatsächlich nur ins Bett bekommen will und dass auch seine romantische Aktion sich in der Kälte der Nacht auszuziehen und nackt auf den Straßen herumzulaufen, auf die er sich für das Mädchen einlässt, auch nur so etwas wie eine lustige Story sein wird, die er am nächsten Tag seinen Freunden erzählt. Er pokert mit hohem Selbstvertrauen und hat nichts zu verlieren.

Die Kehrseite der men’s world

Als männlicher Single-Zuschauer kann man durchaus den Frust nachvollziehen, den der Mann erfährt als die Frau ihn nach stundenlanger coolen Nettigkeit und riesigem Aufwand immer noch nicht einmal küssen will. Man kann auch nachvollziehen, warum der Film den finalen Kuss dann triumphal in Zeitlupe zeigt und mit klassischer Musik untermalen lässt, auch wenn es nichtsdestotrotz eine fragwürdige ästhetische Entscheidung ist. Im Grunde genommen sehen wir ein sehr authentisches Abbild einer männlich dominierten Single-Welt, samt dem eigenen In-den-Schwanz-Beißen. Denn der Mann ist zwar als aktiver und aggressiver Part dieses Sexual-Dispositivs (nach Foucault) gesellschaftlich goutiert (wir sehen das an der Gruppe von Menschen, die dem Mädchen zureden als er sich tatsächlich für sie nackt auszieht und durch die Straßen läuft, „Wieso glaubst du ihm nicht, dass er dich liebt?“). Der Mann weiß, dass alles was in der Nacht geschieht, sobald es ohne Einsatz physischer Gewalt geschieht (das unterscheidet Spanien und den Westen vielleicht noch von anderen Kulturen), von der Gesellschaft gutgeheißen wird, weswegen sein Unterfangen ohne Risiko daherkommt. Andererseits ist sein Unterfangen durch die Passivität des weiblichen Geschlechts nicht nur erst ermöglicht, sondern gleichzeitig erschwert. Denn das weibliche Geschlecht wurde gesellschaftlich zur Gejagten normiert, die sich doch bitte möglichst schwer einfangen ließe. Mit diesen Mechanismen der modernen Single-Welt, in der noch viele Mechanismen frührer Generationen steckt, spielt dieser Film gekonnt.

Aus Schwarz wird Weiß

Dann kommt der Sex und mit ihm ein unfassbar radikaler Stilbruch. Aus Nacht wird Tag, aus Schwarz wird ein gleißendes, unwirkliches Weiß und aus einem vergnüglichen Single-Drama wird ein smoother Psychothriller. Denn wo der Mann abgesehen davon, dass man erfährt, er habe eine Freundin, schon lange aufhört eine mehrbödige Figur zu sein, schon lange der klare Flachleger-Charmeur geworden ist, den wir alle kennen, wird die Frau ein psychologisches Fass ohne Boden. Aus der einfachen, etwas prüden Cold Bitch wird eine Psychopathin, die aus zunächst ungeklärten Gründen das Haus des Mannes nicht mehr verlassen will. Richtig interessant wird der Film erst an dieser Stelle.

Keine Muster, sondern Menschen

Wir erfahren, dass das Mädchen nie von einem Mann geliebt wurde, sie aber von dem Mann geliebt werden will. Sie will das Haus nicht verlassen und so in einem (gar nicht mal so sehr) übertragenem Sinne auch eine enge, dauerhafte Beziehung mit ihm eingehen. Sie schließt den Mann in seiner eigenen Wohnung ein und versteckt seine Schlüssel, die in der ersten Hälfte des Films noch eingebunden in einen Pick-Up-Spruch ein phallisches Symbol der Macht waren. Die beiden werden sich aufs Übelste streiten, sich dann wieder beruhigen und dann wird die Frau sich vom Hochhaus stürzen, Selbstmord begehen, ohne Erklärung. Warum nur? Diese Reflexion wird dem Zuschauer übertragen, nein, aufgetragen. Es ist ein Film, der einen überrumpelt. Aus einer einfachen One-Night-Stand-Nacht ist ein kleines, weltbewegendes Rätsel geworden. Wie manchmal auch im echten Leben. Denn wir hantieren in diesen Nächten eben nicht wie wir manchmal in unserem Übermut denken mit Schablonen, mit wiederkehrenden Mustern, sondern mit Menschen und ihren psychischen Eigengesetzen.

Aura Garridos Gesicht

Davon erzählt uns „Stockholm“ einerseits. An dieser Stelle wird klar: Die Frauenfigur, die zuvor eine so platte Schablone war, wie es der Mann im Film eigentlich mehr oder weniger den ganzen Film über bleibt, ist eine tiefe und tief-verstümmelte Seele. Sie hat die Avancen des Mannes am Anfang nicht abgelehnt, weil sie ein kaltes Miststück war, sondern viel mehr sogar aus einer gewissen positiven Menschenliebe. Aus einem Schutzreflex. Sich selbst, aber auch den Mann zu schützen. In dieser Lesart, in der das absolut Individuelle in und nach dem scheinbar Stereotypen betont wird, ist auch der dramatische Aufbau des Films interessant, der ab der Hälfte in einen halbsurrealen Psycho-Thriller umschlägt. Denn genaugenommen war die erste Hälfte, die der Durchschnittszuschauer eher als gewöhnliches Pick-Up-Drama aufgenommen haben dürfte, ebenso ein Psycho-Thriller für die weibliche Figur, die erst jetzt aufgedeckt wird. Hier ist noch das Schauspiel von Aura Garrido hervorzuheben, das mit ganz kleinen Nuancen arbeitet und dabei ganz große Zusammenhänge erzählt, wenn auch vieles erst im Rückblick. Eine großartige Leistung, neben der ihr Schauspielkollege Javier Pereira eher blass bleibt.

Geschlechterkampf und Entführersyndrom

Zum Schluss lässt sich der Film aber noch auf eine andere Weise lesen, die auf den ersten Blick der Individuums-Lesart diametral gegenübersteht und doch vereinbar scheint. Nämlich die, dass wir diesen filmischen Geschlechterkampf als einen überzeichneten Status Quo des realen Geschlechterkampfes betrachten, vielleicht sogar als eine Groteske eines gesamten Gesellschaftsbildes. Hierzu muss mal auf den Titel des Films eingegangen werden: „Stockholm“. Einerseits wird im Anfangsdialog beiläufig erwähnt, dass ein Mädchen aus Spanien nach Stockholm gezogen ist und danach werden Wetten abgeschlossen, wie lange es dauern wird, bis sie dort Sex haben wird (moderates Slutshaming), zum Anderen ist hiermit wohl das sogenannte Stockholm-Syndrom gemeint, das besagt, dass Entführte mit ihren Entführern ein emotionales Verhältnis eingehen können. Auf die Handlung des Films bezogen, hat Er Sie also nie wirklich zum Sex überzeugt, verliebt gemacht etc., sondern den emotionalen Effekt nur durch Bedrohung erzielt (ohne davon zu wissen!). Der Moment, in dem die beiden mit klassischer Musik untermalt anfangen sich zu küssen, ist also nicht der Moment des „Rumkriegens“, für den er sich erst ausgibt, sondern ein psychologischer turning point, in dem die Frau vor der männlichen Dominanz kapituliert und ebenjener Stockholm-Effekt eintritt.

Beziehung als Eroberung/Entführung

Und jetzt eine mutige Überlegung zu einem mutigen Film: Sind dann nicht alle Beziehung zwischen Mann und Frau, bei denen der Mann derart die Initiative ergriff, um diese Beziehung zu erreichen, auf einem Stockholm-Effekt im Kleinen aufgebaut? Gerne auch im selteneren, umgekehrten Fall einer weiblichen Initiative. Insbesondere in Kulturen, in denen der aggressive Part des Mannes absolute Konvention ist. In manchen Kulturen findet eine „Eroberung“ bzw. „Entführung“ (wie in diesem Film) ja nicht einmal metaphorisch gesehen, sondern real statt (denken wir an „Das Mädchen Hirut“ oder „Die langen hellen Tage„). Können also alle Beziehungen, Ehen, Lieben, die durch männliches „Jagd-Verhalten“ initialisiert sind, sowas wie verkappte, ins Gegenteil verkehrte Ängste sein? Das ist eine sehr interessante These, die der Film hier mit der provozierten Gleichsetzung von Entführung und One-Night-Stand aufwirft. Dramatisch unfassbar clever und feinfühlig aufbereitet (Wo sind eigentlich die verdammten Schlüssel?). Auch wenn hier und da ein paar Details „Stockholm“ etwas unrund und unreif erscheinen lässt, ist das ein bockspannender und überaus gelungener Debütfilm.

8/10

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