Destruction Babies

Auf die Fresse ohne Beipackzettel.

Originaltitel: Disutorakushon beibîzu
Produktionsland: Japan
Veröffentlichungsjahr: 2016
Regie: Tetsuya Mariko
Drehbuch: Tetsuya Mariko, Kohei Kiyasu
Produktion: Alice Wang
Kamera: Yasuyuki Sasaki
Montage: Hidemi Lee
Darsteller: Yûya Yagira, Taira Ashihara, Masaki Suda, Nana Komatsu, Nijirô Murakami u.A.
Altersfreigabe: FSK /
Laufzeit: 108 Minuten

Taira Ashihara (Yûya Yagira) und sein jüngerer Bruder Shota (Nijirô Murakami) leben zusammen in der kleinen Hafenstadt Mitsuhama. Weil Taira immer wieder in Schlägereien gerät, beschließt er, die Stadt zu verlassen. Shota lässt er dabei alleine zurück. Taira beginnt ein neues Leben in Matsuyama, wo er Yuya Kitahara (Masaki Suda) kennenlernt und gemeinsam mit ihm auf der Suche nach Blut und Gewalt durch die Straßen zieht. Dabei ahnt er nicht, dass sein Bruder ihm in die Großstadt gefolgt und auf der Suche nach ihm ist.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Welcher Film einem bislang auch immer beim Terminus „Auf-die-Fresse-Film“ einfallen mag, „Destruction Babies“ wird ziemlich sicher die neue Nummer-Eins-Assoziation für dieses imaginäre Label. Ganz denotativ erklärt sich das schonmal aus der Handlung: Der 18-jährige Taira beginnt ohne einen ersichtlichen Grund einen Amoklauf mit seinen bloßen Händen. Jedem Passanten wird grundlos die Fresse poliert. Dabei steckt Taira auch mächtig ein, aber das scheint seinen Rausch der knackenden Knochen nur zu potenzieren. Abgesehen von dieser gerade in den ersten Minuten sehr simplen Storyline ist „Destruction Babies“ aber auch anderweitig ein reiner Facepunch. Ästhetisch radikal mit selten erlebt naturalistischen Prügelei-Choreografien, einer Kamera gleichzeitig als Komplize und Kurator und einer stetig im Mittelpunkt stehenden, aber eben auch ganz gewollt provozierten Frage nach der Moral der ganzen Geschichte. „Destruction Babies“ ist ein garstiges Monstrum von einem Film und eine der größten Herausforderungen an den Zuschauer seit langem.

Ein Nobody’s Darling

Tetsuya Mariko, der erst 36-jährige Regisseur von „Destruction Babies“ hat seit 2009 bereits fünf weitere Langspielfilme gedreht. Was nach einem Wunderkind klingt, relativiert sich ein bisschen, wenn man auf die Bewertungen auf IMDB schaut. Dort haben nämlich alle (!) anderen Filme von ihm ein Rating von unter 2/10 (!) Punkten. Mariko, anscheinend nicht der Autor der beliebtesten Filme unter der Sonne, hat mit „Destruction Babies“ zumindest auch mal nicht gerade den sympathischsten Film gedreht. Aber seine ungezügelte Unfreundlichkeit ist das große Faszinosum dieses Werkes und dies ergibt sich in aller erster Linie auch daraus, dass Mariko seine Hausaufgaben in Sachen kinmematografischer Formgebung mehr als mustergültig gemacht hat. Mit „Destruction Babies“ möchte man sich auseinandersetzen, weil seine Form ästhetisch aufregend, seine Radikalität handwerklich gekonnt und damit effektiv ist.

Erschreckende Echtheit

Die ersten 40 Minuten bestehen aus nicht viel mehr aus einem Protagonisten der durch die Straßen der Großstadt zieht, Leute provoziert und es dann zu einem Faustkampf ausarten lässt, bei dem er die Passanten mit allergrößter Vehemenz kaputtschlägt. Sogar die ersten 60 Minuten könnte man so beschreiben, wenn man den Plotpoint Eins in diese Story-Beschreibung einbezöge, an dem nämlich ein weiterer Jugendlicher, Yuya, sich dem Amoklauf-Kommando anschließt. Statt einem Jugendlichen sehen wir jetzt also zwei, die sich durch die Straßen prügeln. Erst ab einer Stunde kommt dann noch die Prostituierte Nana dazu und mit ihr entwickelt sich die Handlung. Aber bis dahin fragt man sich: Wie zur Hölle schafft es der Film, banale Straßenprügeleien so unterhaltsam zu machen? Warum zur Hölle funktioniert das?
Man muss sich dazu anschauen, wie Mariko die Kämpfe auf der Straße inszeniert. Es ist eben nicht, wie so oft auch im japanischen Kino gesehen, eine überhöhte, comic-hafte Art und Weise der Prügelei. Es ist auf derart erschreckende Weise echt, dass man sich wirklich fragen muss, ob die Kämpfe nicht wirklich echte Prügeleien sind. Das wird dadurch essenziell verstärkt, dass Mariko Kampf-Momente zeigt, die man so kaum vor-choreografieren kann. Wie will man zum Beispiel glaubhaft zeigen, dass jemand knapp danebenschlägt, wenn bei einer gefakten Prügelei eh jeder Schlag eigentlich danebengeht? Wie will man das alles zeigen, wenn alles, wie bei „Destruction Babies“ aus wenigen, voyeuristischen Kamera-Einstellungen gezeigt wird? Es irritiert, denn die Quantität an Gewalt in diesem Film ist so immens hoch, dass die Schauspieler sich unmöglich wirklich geprügelt haben können. Womöglich ein Hybrid aus Schauspiel und echter physischer Auseinandersetzung? Aber egal, ob nun Show oder nicht, der Effekt bleibt derselbe. Die Straßenprügeleien in „Destruction Babies“ bekommen den exakt selben Sensationswert, wie der, der im Film auch thematisiert wird. Es geht in „Destruction Babies“ nämlich ganz zentral um mediale Berichterstattung über diesen parallel stattfindenden Amoklauf, auch über das passive Zuschauen (und damit Teilhaben) der herumstehenden Fußgänger. Auf genau dieselbe Perspektive wird der Zuschauer gebracht, in diese Paralyse, die sich aus Schock, Sensationslust, Blutlust und ganz, ganz stark auch (so ehrlich muss man zu sich sein) aus Belustigung zusammensetzt. Solang wir selber nicht auf die Fresse bekommen, sind die Situation der körperlichen Gewalt, wie sie „Destruction Babies“ so naturalistisch zeichnet, in ihrer Absurdität mitunter extrem witzig.

Voraussetzung des mündigen Zuschauers

Aus der Perspektive heraus ist die Frage nach der Moral nun extrem interessant, denn „Destruction Babies“ macht uns ähnlich wie „Spring Breakers“ zu ästhetischen Mitgenießern und damit zu Komplizen (um Komplizenschaft im klassischen Sinne geht es dann auch später vermehrt in der Narration selbst). Durch seine Radikalität, seinen Mut zur anormativen ästhetischen Erfahrung vollzieht Mariko einen Akt der Gefangennahme am Zuschauer, dem man eigentlich nur mit völliger Ablehnung (mit Rekurs auf moralische Maßstäbe) begegnen kann oder, wenn man so ehrlich ist, dass man der Schönheit des Films ausgeliefert ist, als Komplize genießen kann. Nur dass der Film eben im Gegensatz zu absolut verwerflichen gewaltverherrlichenden Filmen (seien sie unmoralisch per se oder noch schlimmer unmoralische Agenten einer vermeintlichen Moral, wie einige Selbstjustiz-Thriller) durch seine Form eine Möglichkeit der Reflexion bietet. Also der Zuschauer wird nicht durch unlauterer Mittel der Manipulation an einen charismatischen Helden gebunden, der dann ideologisch fragwürdige Dinge tut und sie dem Zuschauer damit als legitim verkauft, sondern, der Protagonist Taira ist eine unnahbare Arschloch-Figur, mit der man sich nicht identifizieren kann. Und noch viel weniger kann man das mit seinem Sidekick Yuya, der wirklich effektiv als absoluter Vollidiot dargestellt wird. Die Frage nach der Moral wird in „Destruction Babies“ also sehr implizit als ein Balanceakt zwischen völliger Teilnahme und Reflexion gestellt. Es ist weniger eine moralische Anstalt und mehr eine Droge, die durch einen verantwortungsvollen Umgang eine höhere Erkenntnis auch über ihre Risiken preisgibt.

Gewalt und Fetisch

Als entscheidender Punkt des Films „Destruction Babies“ erweist sich die Verknüpfung von Gewalt und Fetisch als Thema. Am Anfang haben wir dafür nicht viel mehr Anzeichen als die Tatsache, dass Taira selbst nach einer völligen Niederlage in einer Straßenprügelei mit einem glücklichen, orgasmischen Gesicht am Boden liegt. Taira treibt nichts anderes an als der Kick der Gewalt. Er braucht keine Drogen, kein karrieristisches oder zwischenmenschliches Ziel. Er lässt sich in einem Rausch der Faustschläge treiben und es geht ihm anscheinend weniger ums alleinige Austeilen, da ihm das Schläge-Kassieren ebenso Befriedigung verschafft. Das Geben und Nehmen, das hat doch etwas genuin Sexuelles. Gewalt ist hier sexualisiert, sie hat einen Fetischcharakter. Und darin liegt die wichtigste gesellschaftliche Beobachtung in dem Film „Destruction Babies“. Denn Gewalt besteht hier auch in der doppelten Skulptur aus Beobachten und Beobachtet-Werden. Die Prügeleien finden ausschließlich in einer Öffentlichkeit statt, was ihm auch eine exhibitionistische Erotik verleiht und gleichzeitig überträgt sich dieselbe Faszination der Gewalt auch im Passiven auf die gesamte Gesellschaft, die durch das Zuschauen und Fasziniertsein daran auch teilhat und es entscheidend stabilisiert. Man kann sogar soweit gehen, Gewalt, wie sie in „Destruction Babies“ thematisiert wird, auch als eine Allegorie auf sämtliche sexuelle Ausprägungen zu verstehen, die ihren Reiz daraus beziehen, dass sie von der bestehenden Norm des Sexualdispositivs auf den ersten Blick mehr oder weniger stark divergieren. Und an solchen Perversionen ist die japanische Gesellschaft ja bekannterweise nicht gerade arm. Vielleicht sind die neugierigen Blicke der japanischen Fußgänger im Film ein recht treffender Kommentar darauf, dass Japan ein Land voller merkwürdiger Fetische ist, die sich zwar durchs Pervers-sein konstituieren, aber gleichzeitig auch immer noch so sehr kultureller Bestandteil sind, dass sie doch toleriert und passiv stabilisiert werden.

Genreisierung und Motivschärfung

Mit fortschreitender Handlung wird der Film zu einem Flucht-Thriller. Das ist eine mutige Entscheidung, die Vor- und Nachteile mit sich bringt. Mariko verliert hier entscheidend an seiner faszinierenden Monostruktur der reinen Straßenprügelei. Sein Gewalt-Furioso im Finale unterliegt trotz immer noch großer filmischer Qualität unnötigerweise der Sehnsucht einen besonders krassen Film machen zu wollen (was der Film zuvor schon längst auf seine Weise ist!). Gleichzeitig fängt der Film aber auch an über sein oben beschriebenes Motiv zu diskutieren. Hierzu muss man sich die Figuren nochmal genauer anschauen. Zunächst Taira, der im gesamten Film ca. zehn Worte sagt. Ein schweigsamer, psychologisch nicht wirklich nachvollziehbarer Charakter (auch wenn der Film hier ein paar Alibi-Ursachen einstreut, warum Taira so ein Arschloch ist). Taira ist eine Urgewalt, mehr die Bewegung der Gewalt als eine Psychologisierung oder eine empathische Grundlage. Und genau so wird sie ja auch von Yuya missbraucht. Yuya, zunächst selbst Opfer der Prügeleien, schafft es schließlich, Taira auf seine Seite zu bringen und damit einen hedonistischen Amoklauf zu starten. Erst jetzt wird die Moral vollständig zerbrochen, denn erst jetzt werden Frauen geschlagen, Gefangene genommen und gemordet. Yuya ist der Ausdruck eines politischen Missbrauchs einer (Ur)Gewalt. Yuya ist derjenige, der sich mit der gesamten Gruppe identifiziert, der Visionen des Größenwahns äußert, der die Prostituierte Nana später als Komplizin oder Verräterin bezeichnet und somit zu politischen Figuren macht. Und Nana schließlich ist womöglich so etwas wie eine Position des Zuschauers, der vom Gefangenen zum Komplizen und schließlich zum aktiven Mittäter wird. Für dieselbe Funktion hat Tetsuya Mariko aber auch schon eine andere Figur vorgesehen: Tairas kleiner Bruder Shota, der immer mal wieder in kurzen Sub-Episoden auf der Suche nach seinem Bruder ist und eine dramatische Klammer installiert, die im Grunde einer gewissen Notwendigkeit entbehrt. Man kann bei „Destruction Babies“ weder von einem reinen, noch von einem reifen Film sprechen. Doch aber von einer Erfahrung von Naturgewalt; als Schönheit und Projektionsfläche.

8/10

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