Wir sind jung. Wir sind stark.

Die Deutschen und ihr Neonazi(film)problem.

Originaltitel: Wir sind jung. Wir sind stark.
Produktionsland: Deutschland
Veröffentlichungsjahr: 2014
Regie: Burhan Qurbani
Drehbuch: Burhan Qurbani
Produktion: Leif Alexis, Jochen Laube
Kamera: Yoshi Heimrath
Montage: Julia Karg
Musik: Matthias Sayer, Tim Ströble
Darsteller: Jonas Nay, Devid Striesow, Saskia Rosendahl, Trang Le Hong, Joel Basman, Thorsten Merten, Paul Gäbler, Jakob Bieber, Swantje Kohlhof, Mai Duong Kieu, Larissa Fuchs u.A.
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 128 Minuten

Norddeutschland im Sommer 1992: Die Jugendlichen aus dem Rostocker Stadtteil Lichtenhagen haben nicht zu tun – keine Arbeit, keine Beschäftigung, keine Perspektive. Während sich tagsüber Langeweile und Aggressionen breit machen, entlädt sich die angestaute Anspannung des nachts immer wieder in Krawall und Randale. Stefan (Jonas Nay) ist zwar der Sohn eines regionalen Politikers (Devid Striesow), aber auch Teil einer der Cliquen, die Streit suchend durch die Straßen zieht, wenn es dunkel wird. Dabei richten sich die Anfeindungen nicht immer nur gegen Polizisten und Ausländer, sondern auch gegen Mitglieder aus den eigenen Reihen, solange die kleinen Grausamkeiten das Leben nur etwas interessanter machen. Lien (Trang Le Hong) lebt in einer Siedlung, die vor allem von Vietnamesen bewohnt ist. Im nahen Asylbewerberheim warten weitere Landes-Genossen auf ihre Einbürgerung, doch nicht alle Familienmitglieder im lokalen Wohnheim, dem “Sonnenblumenhaus”, glauben daran, dass ihnen Deutschland ein neues Zuhause werden kann.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Es lässt sich wirklich nicht über die Unterpräsenz von Rechtsextremismus-Analyse-Dramen aus deutscher Filmschmiede klagen, vor allem der Diskurs des Post-DDR-Neonazismus wird mit gewissenhafter Regelmäßigkeit aufgegriffen. Man denke vor allen Dingen an David Wnendts Debütfilm „Kriegerin„. Dem deutschen Kino fehlt es aber bisher an einem Meisterwerk, das alles zum Thema ausreichend tiefgehend durchspielt und mit filmischer Qualität unterfüttern kann. Die Briten haben es mit „This Is England“ bereits, die Deutschen, deren Nazi-Rezeption schon ein eigenes urdeutsches Filmgenre begründet, haben es noch nicht. Und daran ändert auch Burhan Qurbanis Zweitlingsfilm „Wir sind jung. Wir sind stark.“ rein gar nichts. Ein Wille zum bildästhetischen Markenzeichen und ein konkreter Zeitbezug verhindern nicht, dass Qurbanis Film massive, unerklärliche Drehbuchschwächen hat und nur vom perfekten Timing inmitten der Pegida-Debatte profitiert.

Dramatischer Giftschrank-Zyklus

Diese Kritik will alles, nur nicht die Dringlichkeit einer analytisch-filmischen Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus und seinen Wachstumstendenzen in Frage stellen. Trotzdem heiligt der Zweck nicht die filmischen Mittel und ein Film ist nicht automatisch gut, weil er ideologisch auf der richtigen Seite steht. Qurbani lässt sich intentional kaum etwas vorwerfen (dazu später mehr), sein Film ist aber einfach rein narrativ äußerst platt geraten und aus dem Giftschrank des Drehbuch-Ein-Mal-Eins zusammenaddiert. Das fängt beim jugendlichen Protagonisten an, der ja eigentlich ganz (Zitat:) „normal“ ist, aber ein Gewissenskonflikt zwischen dem Vater und seinen Freunden mit sich herumträgt. Sein bester Freund ist natürlich ein asozialer Idiot, der ihn nur ausnutzt. Und dann gibt es noch einen Haufen anderer Stereotypen, die alle — und das ist das Blödste — zyklisch miteinander verknüpft sind. Der große Neonazibruder ist natürlich der Boyfriend von der Arbeitskollegin der Ausländerin usw. usw. Ja, die Botschaft, dass jeder Bürger irgendwie Teil des Alltagsrassismus ist, kommt rüber, aber sie überzeugt nicht. Übrigens ist der Film verdächtig ähnlich wie der noch schwächere „Wut“ von Züli Aladag aufgebaut, der die Migrationsgeschichte aus genau umgedrehter Perspektive erzählt.

Klischeehafte Psychologisierungen

Hier muss man eine Grundsatzdebatte eröffnen: Sind Stereotype erlaubt, wo doch die realen Neonazi-Idioten wirklich solche Idioten sind? Ich meine: Jain. Dass Qurbani vehement die Dummheit seiner Nazi-Jugend ausstellt und weitestgehend darauf verzichtet, dass man sich in sie hineinversetzen kann, ist ein Fehler. Denken wir an die Figur Combo aus „This Is England“, die tief-rassistisch ist, aber auch ausreichend dahingehend psychologisiert wird (und das in nur 90 Minuten, Burhan!), denken wir an die ungebildeten und dumpfen Jugendliche aus Larry-Clark-Filmen, die trotzdem irgendwie ein Mitgefühl, wenn nicht gar ein Mittendringefühl verursachen und trotzdem die Chance einer Werte-Distanz zu ihnen bewahrt. Das gelingt Qurbani nicht. Seine Figuren sind weder glaubwürdig, noch mit Verständnis gezeichnet. Stattdessen werden gebetsmühlenartig Psychologisierungen heruntergezählt, die der Drehbuchautor wohl eher aus Büchern, denn aus dem echten Leben kennt: Keine Arbeit, keine Perspektive, Revolution gegenüber dem Elternhaus, blablabla.

Feine symbolische Details fehlen

Dazu kommen hölzerne Dialoge, die von Schauspielern gesprochen werden, die — so fühlt man oft — selbst nicht an das glauben, was sie da spielen, obwohl sie im Prinzip auch nur Aufgüsse alter Rollen spielen. Wer schonmal „Homevideo“ gesehen hat, kennt diesen nachdenklichen Außenseiterjugendlichen, den Jonas Nay hier wieder spielt. Dazu kommt der sehr überflüssige Subplot eines Konkurrenzkampfes des Protagonisten Stefan mit seinem besten Freund Robby um ein Mädchen, der wozu dient? Der Frustration des Neonazi-Freundes Robby nachvollziehbar zu machen? Sowas zeichnet man lieber durch feine symbolische Details, die die Narration nicht unnötig überfrachten. Nicht so wie es Qurbani hier macht. Einmal spielt dieser soziopathische Neonazi-Jüngling Robby auf einmal souverän auf dem bourgeoisen Piano von Stefans Vater. Das wäre ein solches Detail, nur ist es in diesem Fall merkwürdig sinnentleert eingefügt. Ist dieser Robby eigentlich ein intelligenter, gebildeter Neu-Rechter, der seine Stammtischparolen höflich zurückhält, wenn er am Essenstisch des SPD-Vaters seines Freundes sitzt? So etwas würden wir jetzt erwarten. Aber wir bekommen denselben, monovalenten Nazi-Asi, auf den dieser Film die ganze Spielzeit lang verächtlich herabblickt. Warum kann Robby so gut Klavier spielen? Sein Vater, der gerne „Arbeit macht frei“ skandiert, hat es ihm sicherlich nicht beigebracht, das Bildungs- und Moralniveau seines Sohnes assoziieren einen klassischen White-Trash-Alkoholiker-Krüppel-Vater. Und keiner, der seinem Sohn Klavierstunden bezahlt.

128 Minuten ohne Figurentiefe

Da kommen wir wieder zu der Stereotypfrage zurück: Genau, solche Asi-Nazis gibt es. Überall. Im Osten wie im Westen. Aber in 128 Minuten kann man erwarten, dass diese Figuren keine Schablonen bleiben, sondern Tiefe entwickeln. Und damit meine ich nicht, dass sie unbedingt eine intellektuelle Seite an sich haben müssen. Nur etwas, das der Figur Profil verleiht. Das fehlt bei allen Figuren in diesem Film, vom Protagonisten bis in die Nebenrollen der Nazi-Clique. Bei einer Figur aber ganz besonders: Dem strammen Neo-Nazi-Bruder von Robby, der einfach nur dazu verheizt wird, auch dem letzten Zuschauer klarzumachen, dass die Clique nun in absolut völkischem Fascho-Extremismus angekommen ist, der nicht mehr als Jugendsünde verzeihbar ist. Diese Figur ist ihr Klischee. Und sie darf dann ihre gefährliche Brutalität zur Schau stellen, in einer Szene, die komplett und komplett-schlecht aus „This is England“ geklaut ist.

Schwarz/Weiß

„Wir sind jung. Wir sind stark.“ ästhetisiert zudem die Geschehnisse von Rostock-Lichtenhagen, ohne so richtig zu wissen warum. Schwarz-weiß wofür genau? Um zu zeigen, dass es Vergangenheit war? Und der Wechsel zur Farbe dann, um zu sagen, dass die Gewalt aber eben doch gegenwärtig ist (und sein kann). Okay, aber die schwarz-weiße, „vergangene“ Enstehung der Gewalt ist ja ebenso gegenwärtig. Das erklärt sich mir nicht. Ebenso wenig, wieso man die finale Pogromszene in Zeitlupen und wabbernde Elektrobässe einlullen muss, auch wenn diese Szene immerhin halbwegs atmosphärisch und spannend inszeniert ist. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass es keine moralische Kehrtwende gibt, die so typisch für einen TV-Film wäre, wovon der Film sonst drama-taktisch gar nicht weit entfernt ist. Nein, es gibt diese „Erkenntnis des Guten“ nicht. Die Nazis bleiben Nazis. Und dieses simpel zu verstehende Credo ist dann das, was wir aus „Wir sind jung. Wir sind stark.“ mitnehmen können. Aber auch hier ist der Film eine ziemliche Zumutung gegenüber unserer Generation, der man hier suggeriert, sie sei „rechts, als Rebellion gegenüber der demokratischen Elterngeneration“, indem der Protagonist nicht geläutert wird und im letzten Shot Kinder zu rassistischer Gewalt greifen. Wo sind die Linken in diesem Film? Wo sind die jungen Leute, die dagegen waren?

Ein richtiges Statement: Wachsam bleiben!

Es ist ein düster-pessimistisches Zeugnis, das Qurbani einer Postsozialismusgeneration ausstellt, die er höchstens aus Interviews kennt. Aber auch der Generation danach, der die jetzt als jüngste Demonstranten für Pegida auf die Straße geht, aber eben auch zu ca. 95% gegen Pegida ist, verteilt er mit dem finalen Shot dasselbe vernichtende Stigmata. Stolz auf seinen unkonventionellen Verzicht auf die Hinwendung des Protagonisten zum Guten, ermutigt uns Qurbani immerhin mit einem erinnerungswirksamen Nachdruck weiter wachsam zu bleiben. Und weitere Neonazi-Analyse-Filmen zu produzieren. Ich bitte drum. Was lange währt, wird vielleicht endlich gut.

4/10

2 thoughts on “Wir sind jung. Wir sind stark.

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