Tore tanzt

Tore, der ach so Heftige.

Originaltitel: Tore tanzt‎
Alternativtitel: Nothing Bad Can Happen, Rising
Produktionsland: Deutschland
Veröffentlichungsjahr: 2013
Regie: Katrin Gebbe
Drehbuch: Katrin Gebbe
Produktion: Verena Gräfe-Höft, Katharina Dufner
Kamera: Moritz Schultheiß
Montage: Heike Gnida
Musik: Johannes Lehniger, Peter Schütz
Darsteller: Julius Feldmeier, Sascha Alexander Gersak, Annika Kuhl, Swantje Kohlhof, Til-Niklas Theinert, Daniel Michel, Laura Lo Zito, Enno Hesse u.A.
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 110 Minuten

Dass Tore (Julius Feldmeier) gleichzeitig Punk und tief gläubig ist, stellen für ihn keine Gegensätze dar. Er will nach Hamburg, um dort bei den sogenannten “Jesus Freaks” ein Leben ohne Gewalt nach christlichen Maßstäben zu führen. Auf dem Weg dorthin hilft er allerdings einer Familie bei einer Autopanne und glaubt, dass ihm das nur durch göttliche Vorhersehung gelang. Zum Dank dafür wird Tore von Familienvater Benno (Sascha Alexander Gersak) in den Schrebergarten der Familie eingeladen. Zusammen mit Benno, dessen Freundin Astrid (Annika Kuhl), der 15-jährigen Tochter Sanny (Swantje Kohlhof) und Sohnemann Dennis (Til-Niklas Theinert) soll er den Sommer in der Gartenlaube der Kleinfamilie verbringen. Doch je mehr Zeit Tore mit Benno verlebt, desto deutlicher tritt der Sadismus des Mannes zu Tage und Tores tief verankerte Nächstenliebe wird auf eine harte Probe gestellt. Doch wie wiedersetzt man sich der drohenden Gewalt, wenn man selbst nicht auf diese zurückgreifen will?
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Das Cannes-Publikum versteht mich. Schon der unerträglich prätentiösen „Only God Forgives“ wurde in Cannes ausgebuht und jetzt auch dieser deutsche Beitrag, der mit aller unbeholfenen Dringlichkeit versucht, irgendwie kontrovers und besonders heftig zu sein, dabei aber so überzeugend wie ein an der Tür läutender Zeuge Jehovas wirkt. Das ist beileibe nicht das einzige Problem, das „Tore tanzt“ hat, es ist aber eine ganz gutes Symbol für den Status Quo des deutschen Films. Wenn irgendwer durch Kontroversen provozieren will, wirkt es verkrampft und planlos („Bedways„) oder muss sich dann doch irgendwelchen Konventionen anbiedern („Kriegerin„, „Wir sind jung, wir sind stark“ usw.). Wobei hier natürlich nicht ganz klar ist, ob dies tatsächlich von Autoren und Regisseuren mit beschränktem Horizont oder von Produzenten mit kommerziellen Zwängen von außerhalb zu tun hat. Zurück zu „Tore tanzt“: leider ein misslungenes Experiment.

Solide Exposition

Der Film fängt gar nicht so verkehrt an. Das Milieu der Jesus Freaks, also einer höchst interessanten Mischform von sich eigentlich eher ausschließender Punk- und Christenszene, wird eingeführt und somit auch die Titelfigur Tore. Ein nicht besonders reflektiert denkender, naiver, aber durchaus auf seine Weise gut aussehender junger Landstreicher, der einen tiefen Glauben in Jesus Christus hat. Eigentlich eine interessante Figur, zudem auch hinreißend gespielt von Julius Feldmeier. Das Jesus-Freaks-Milieu wird aber nur angeschnitten, stattdessen verlagert sich die Handlung schnell in einen Hamburger Schrebergarten, wo der Lebemann Benno mit seiner Freundin und seinen zwei Stiefkindern seinen Sommer verbringt und Tore freundlich, trotz seiner offensichtlich freakigen Religiosität bei sich aufnimmt. Bis hierhin ist der Film ein solides Psycho-Spiel. Die Figuren Benno, Tore und Bennos fünfzehnjährige Stieftochter Sanny werden behutsam dramatisch eingeführt und mit kleinen Details psychologisch fundiert. Allerdings sind die Profile bis dato auch nicht besonders komplex angelegt. Tore ist eben der naive Gutgläubige und Sanny das rebellische Backfisch-Töchterchen. Einzig Benno ist unberechenbar, ein charismatischer Kumpeltyp, ebenso aber auch innerlich frustriert.

Der bösartige Atheist

Aber mit fortlaufender Handlung erscheint ein Riesenbruch im Benno-Profil. Das Kumpelhafte, ja, das Menschliche in der Figur verschwindet und kommt nie wieder zurück. Benno fängt Tore nach ein paar Reibereien auf einmal an zu quälen. Es scheint ihm Spaß zu machen. Und auf einmal ist Benno ein Monster. Er vergreift sich an seiner Stieftochter, er provoziert perfide die Familienmitglieder gegen Tore und wo Benno am Anfang noch ein toleranter, unvoreingenommener Mensch ist, der einen totalen Christenfreak anhört und ihm sogar das Leben rettet, wird Benno jetzt zu einem bösartigen Atheisten, der Tore verspottet und ihn leiden lässt. Diese Charakterentwicklung kommt so sprunghaft, unglaubwürdig und in schlechten Dialogen gefasst daher, dass „Tore tanzt“ hier schon beginnt, zu frustrieren.

Ein religiöser Film

Aber es wird schlimmer. Ungefähr jetzt fängt der Film auch mit Off-Stimmen-Glaubensgesäusel, metaphysischen Begegnungen usw. zu nerven und es fällt doch die sträfliche Distanzierung von bevormundendem Umgang mit Religion auf. Ist „Tore tanzt“ tatsächlich ein religiöser Film, statt nur ein Film über Religion zu sein? Ja. Denn dieser Film unternimmt eine peinliche Parallelsetzung vom Leben Tores mit dem Jesu Christis, inklusive Drehbuch-Lines wie „Wo ist dein Gott jetzt?“ und eine Andeutung, man solle aus dem Tod Tores doch eine zu verbreitende Lehre ziehen, die in der Figur Sanny im Prinzip institutionalisiert wird.

Ein unvergessliches Hühnchen

Dabei hat „Tore tanzt“ ein paar interessante Nuancen zu bieten, die dem deutschen Film in der Tag abgehen. Viel wird berichtet über die Hühnchen-Szene, in der Tore dazu gezwungen wird, ein völlig schlecht gewordenes Hühnchen zu essen. Diese Szene ist deshalb so gut, weil sie wirklich mal ganz mutig die Kamera draufhält. Die Wirkung dieser Szene ist zugegebenermaßen auch bei mir angekommen. Auch die Szene, in der Tores Kopf mit einem Keyboard zerschmettert wird, war gekonnt intensiv und realitätsnah inszeniert. Was aber danach kommt, deckt leider schonungslos auf, dass Regisseurin Katrin Gebbe, diesen Stoff eben nur gelesen und nicht selbst erlebt hat.

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Nach wahren Begebenheiten

Dabei bezieht sich „Tore tanzt“ doch auf ein wahres Ereignis, das laut der Regisseurin so auch in Deutschland passiert sein soll. Dabei erinnert die Geschichte sehr stark an eine andere, jedoch US-amerikanische wahre Begebenheit, nämlich an den Fall Sylvia Likens, die ebenso ein Engel ohne schlechten Absichten war, der in einer Leihfamilie untergebracht wurde, dort vergewaltigt, gequält und getötet wurde. Tore ist wie eine männliche, gottesfürchtige Version von Sylvia Likens, deren Fall zweimal verfilmt wurde. Im gelungenen Drama „An American Crime“, wie auch im furchtbaren Thriller „Jack Ketchum’s Evil“, an den „Tore tanzt“ leider, ob der Unglaubwürdigkeit wegen, eher noch erinnert.

Gut vs. Böse

Die religiöse Programmatik eines Märtyrertodes fährt „Tore tanzt“zudem nicht nur furchtbar nervtötend und offensichtlich, sondern er stellt sich auch auf einen biblischen Gut-Böse-Dualismus, der in der Realität, auf die sich der Film mit der Beschäftigung einer „wahren Begebenheit“ ja bezieht, einfach keinen Sinn ergibt. Menschen sind nicht einfach böse, selbst den größten NS-Verbrechern liegt ein komplexes psychologisches Profil zugrunde, das meistens damit zusammengeht, dass diese Menschen tatsächlich eine gute Absicht für sich hatten. Aber wo ist diese in der Figur Benno zu finden, die einfach grundlegend böse zu sein scheint und die blass gezeichneten Freunde des Schrebergartens, sowie seine Freundin Astrid, mit seiner Böshaftigkeit geradezu anzustecken scheint? Dabei weiß man nicht so recht, was schlimmer ist. Dass der Film den Großteil seiner Figuren haaresträubend vereinfachend als bösartig darstellt oder dass er sich auf die Seite einer religiös-rückwärtsgewandten Figur wie Tore schlägt, die — so ehrlich müssen wir doch sein — mit seinen dogmatischen Werten das Gute verkörpern soll, anstatt eine neutral beobachtete Person zu sein.

3/10

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