Soy Nero

Coolness als legitimes (filmisches) Mittel des neuen Prekariats.

Originaltitel: Soy Nero
Produktionsland: Deutschland, Frankreich, Mexiko, USA
Veröffentlichungsjahr: 2016
Regie: Rafi Pitts
Drehbuch: Rafi Pitts, Razvan Radulescu
Produktion: Rita Dagher u.A.
Kamera: Christos Karamanis
Montage: Danielle Anezin
Darsteller: Johnny Ortiz, Khleo Thomas, Rory Cochrane, Michael Harney, Aml Ameen, Joel McKinnon Miller, Ian Casselberry
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 120 Minuten

Nero (Johnny Ortiz) stammt aus Mexiko und wird aus den USA dorthin zurückgeschickt. Weil der 19-jährige Latino die Ausweisung allerdings nicht akzeptieren will, kehrt er auf illegalem Wege über die Grenze in die Vereinigten Staaten von Amerika zurück. Hier hofft er, seine wahre Identität zu finden. Auf seinem steinigen Weg zu einer US-amerikanischen Staatsbürgerschaft trifft er verschiedene Menschen, die in ihrer Verrücktheit alle mit der bitteren Realität des „Landes der Möglichkeiten“ konfrontiert worden sind. Nero tritt der US-Armee bei, weil er als Soldat eine schnellere Chance auf eine Green Card hat. Doch in dem Wirrwarr seiner bewegten Reise droht Nero den Überblick zu verlieren, welcher Nationalität er nun eigentlich angehört. Nur eines bleibt für ihn gewiss: Soy Nero – ich bin Nero.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Dieser Film war nicht gerade der Kritikerliebling der Berlinale 2016. Man kann das verstehen, denn Rafi Pitts‘ Film ist ein lauter, unsubtiler und unreifer Film. Das fängt schon beim Titel an: „Soy Nero“, ich bin schwarz. Und gleichzeitig heißt der Protagonist ebenso Nero. Es ist eine laute, ungehobelte Anklage an die USA und den ganzen Westen und ihren Umgang mit Migranten aus dem südlicheren Teil der Erde. Deswegen lässt sich vielleicht auch einigermaßen verstehen, warum ein Exil-Iraner einen Film über einen mexikanischen Einwanderer macht. Denn der Nord-Süd-Konflikt ist ein globaler Konflikt. Vor allem ein Wohlstandskonflikt, aber auch ein potenzieller Kulturkonflikt. Davon erzählt uns „Soy Nero“ mit seinen Mitteln auf eine ziemlich spannende und trotzdem nicht konventionelle Art und Weise.

Eine moderne Spielweise der Sklaverei

Der Film ist den sogenannten Green-Card-Soldiers gewidmet. Menschen mit Migrationshintergrund (meistens Latinos), die sich in die Army einziehen lassen, um eine amerikanische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Vordergründig handelt „Soy Nero“ von diesem skandalösen Umgang Amerikas mit seinen Zuwanderern, die man durchaus als eine moderne Spielweise der Sklaverei betrachten muss: Zwar gibt es eine Möglichkeit zum sozialen Aufstieg, allerdings wird einem zur Bedingung gemacht, bis dahin in einem sinnlosen Krieg im Nahen Osten sein Leben zu riskieren. Die Möglichkeit des Aufstiegs zur sozialen Dazugehörigkeit unterscheidet sich von der klassischen, historischen Sklaverei. Die Spielweise dieser sozialen Unfreiheit ist jedoch eine genuin kapitalistische Ausprägung. Es gibt im Kapitalismus generell eine Aufstiegschance bis hin zur obersten Klasse für jeden Menschen, unabhängig von tatsächlicher sozialer Herkunft und dem Aussehen als vermeintlicher und rassistischer Indikator für Herkunft.

Irakkrieg als Bruch

Dieser kapitalistische Aufstieg wird in „Soy Nero“ auch im ersten der beiden Kapitel lustvoll umspielt. Da kommt Nero, unser Held, in Amerika an, um seinen Bruder zu finden und bemerkt, dass dieser mittlerweile eine eigene Luxus-Villa bezieht. Aber nach einer durchzechten Nacht stellt sich alles nur als Trug heraus und ein Mann erscheint, der sich als tatsächlicher Hauseigentümer herausstellt. Dieser Mann ist aber kein old white man, sondern selbst schwarz. Es geht also doch im Kapitalismus! Der Tellerwäscher zum Millionär! Aber zu welchen Konditionen? Davon referiert uns „Soy Nero“. Im zweiten Kapitel des Films schlägt sich Nero mit dem Namen seines Bruders Jesús im Irakkrieg herum. Auch diese Namenswahl ist einer der eindeutigen Symbole im Film, auf das man gar nicht weiter eingehen muss. Der Irakkrieg in „Soy Nero“ ist dann zwar im selben realistischen und geduldigen Vortragsstil inszeniert wie das erste Kapitel des Films, gleichzeitig gibt es aber auch tendenziöse Design-Entscheidungen. Nach und nach kommen immer mehr Migranten-Soldaten ins Camp der US-Army und anstatt sich wirklich mit dokumentarischen Bildern mit dem Camp der Army auseinanderzusetzen, wirkt die Stellung der Soldaten die ganze Zeit über wie ein Abiturienten-Abschluss-Zelten von ethnisch durchmischten Soldaten. Natürlich ist das eine beabsichtigte Darstellung der Green-Card-Soldiers als zusammengepferchtes Kanonenfutter in einem sinnlosen Krieg. Das hätte man aber noch realistischer inszenieren können und zeitgleich dennoch auf dasselbe Symbol verweisen zu können. Aber alles wohl auch eine Frage des Budgets.

Coolness als zeitgenössisches filmisches Mittel

Wie auch der erste Teil des Films nimmt sich der Film viel Zeit für Randdetails, er retardiert die Handlung immer wieder, will Autorenfilm sein und gleichzeitig geht es „Soy Nero“ auch um eine Coolness. Was sich nach einer Schwäche anhört, einer ästhetischen Unentschlossenheit, ist eigentlich der große Trumpf des Films. Tatsächlich hält die erzählerische Form, die in zwei kaum verbundene und streng linear herunter erzählte Teile separiert ist, den Zuschauer am Ball. „Soy Nero“ ist kein plotpointorientierter Hollywood-Film, er hat auch immer wieder ein reges Interesse an einer (Pseudo)-Dokumentation. Und wenn zwei schwarze Soldaten über den East-Coast-West-Coast-Konflikt debattieren, den größten Gewaltausbruch in der Geschichte des HipHops, dann kann Rafi Pitts auch mit lockeren und humorvollen Momenten seine politische Intentionalität mit Substanz füllen. Tupac vs. Notorious B.I.G. als ein Mythos der schwarzafrikanischen Bevölkerung, den wiederum keine Latinos und Muslime genauso nachvollziehen können wie es Afroamerikaner tun. Oder doch? Ist das nicht auch ein schönes Symbol eines ethnisch heterogenen Prekariats, das sich selbst erst kennenlernen muss, damit es den Krieg den Palästen erklären kann? Der Autorenfilm sollte sich vor Humor und jugendlichem Impetus nicht verschließen. Denn genau diese Sprache ist eine vorherrschende in den gesellschaftlichen Schichten, die unterprivilegiert sind und ausgebeutet werden. „Soy Nero“ ist der Gegenentwurf zum von der Kritik hochgeliebten „Things To Come“ von Mia Hansen-Løve. Er ist auf eine ganz ähnliche Weise gelungen wie auch Spike Lees Rap-Musical „Chiraq“. Gerade wegen fehlender Verblümung der schönen Subtilität macht „Soy Nero“ den Mund auf für die Schwachen, mit ihrer eigenen Sprache.

7/10

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