Pickpocket

Obsession und Existenzialismus des Taschendiebstahls.

Originaltitel: Pickpocket
Produktionsland: Frankreich
Veröffentlichungsjahr: 1959
Regie: Robert Bresson
Drehbuch: Robert Bresson
Produktion: Agnés Delahaie
Kamera: Léonce-Henri Burel
Montage: Raymond Lamy
Musik: Jean-Baptiste Lully
Darsteller: Martin LaSalle, Marika Green, Jean Pélégri, Dolly Scal, Pierre Leymarie, Kassagi, Pierre Étaix, César Gattegno
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 75 Minuten

Michel schlägt sich in Paris mit Taschendiebstählen durch. Er glaubt, er könne sich über die geltenden Gesetze hinwegsetzen und lässt sich weder von seiner Freundin Jeanne noch von einem ihn verdächtigenden Kommissar davon abbringen. Nach und nach verfeinert er seine Technik und wird vom Amateurdieb zum Profi. Doch auch die größte Meisterschaft kann ihn nicht vom unvermeidlichen Ende seiner kriminellen Karriere abhalten. Erst ganz am Ende realisiert er, dass die Liebe einer Frau ihn läutern und sein ganzes Leben ändern kann.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

(Nicht ganz spoilerfrei.)

Frankreich 1959. Der Zweite Weltkrieg und Holocaust liegen knapp fünfzehn Jahre zurück und die französische Philosophie erobert die Welt. Der Linguistic Turn zum einen, der Existenzialismus von (vor allem) Sartre und Camus zum Anderen. In filmischen Strömungen liegt man zwischen dem Italienischen Neorealismus, dem realistischen Kleine-Leute-Kino auf den Trümmern des Krieges, und der chicen Nouvelle Vague, die so richtig erst Anfang der 1960er Jahre lostrat. Von alledem steckt etwas in Robert Bresson und vor allem in „Pickpocket“, einer kleinen und schlichten Taschendiebgeschichte, die aber irgendwie auch eine leichtfüßige und trotzdem emotional mitreißende Reflexion auf das Leben und die Existenz des (einfachen) Menschen darstellt.

Der Takt des Stehlens

Michel ist ein Angehöriger der Unterschicht im teuren Paris. Er ist ein belesener junger Mann (auch wenn das leider nur sehr marginal thematisiert wird, allerdings ist Bresson auch nicht an intellektuellen Diskussionsgelagen interessiert wie später die Nouvelle-Vague-Initiatoren). Aber Michel hat keinen Plan von Träumen und Zielen, er weiß nicht, wohin mit sich und seiner Energie, ist perspektivlos und nur dann produktiv, wenn es um seine Hobbys und Leidenschaften geht. Und zu dieser Leidenschaft addiert sich schnell der Taschendiebstahl. Anfangs fängt alles mit einfach Geldnot an, er bestiehlt seine Mutter (das erfahren wir erst später im Film), will ihr das Geld folglich vermutlich wiedergeben und beklaut daher andere Menschen bis er sich weiter professionalisiert und den Taschendieb Robert kennenlernt, der ihn in seine hohe Kunst einweist. Michel tut diese Gaunerei aus zwei Gründen: Erstens als Obsession, als psychisches Perpetuum Mobile, er kann einfach nicht mehr anders als zu stehlen. Die Welt voller Brieftaschen schlägt von nun an in einem bestimmten Takt der Stehlopportunität und Michel wird süchtig danach immer präzisier nach diesem Takt zu schlagen. Der Film fügt sich da ein und macht aus Schnitt, Musik und Szenenabfolge eine Komposition des Diebstahls, die in spektakuläre Gruppen-Stehl-Choreografien gipfelt.

Diebstahl als existenzialistisches Startkapital

Zweitens will Michel — er gibt dies zumindest vor — das Geld nutzen, um aus sich selbst etwas zu machen. Er ist von sich und seinem Talent überzeugt, weiß aber auch, dass er als Angehöriger der Unterschicht nur schwer aus dieser herauskommt. In einer Schlüsselszene erklärt er einem Polizeichef frech, dass man Taschendiebstahl als eine Art „Start-Kapital“ in ein höheres Leben legitimieren könne, für Menschen, die dies dringlich benötigen, um ihr Talent zu verwirklichen. Es gibt eine Menge prominenter Beispiele aus der Realität bei denen Kriminalität ein Weg zum späteren Erfolg war (der eine Gesellschaft dann weitergebracht hat — oder auch nicht), man denke in der modernen Gesellschaft z.B. an Gangster-Rapper, die ihr Mikrofon dem Klischee nach durch Rauschgifttransfers verdient haben oder auch an Politiker mit Plagiatsvergangenheit. Viele Zuschauer sollten sich also wirklich mit Michels Arbeitsethos identifizieren können, jedenfalls, wenn sie ehrlich zu sich sind. Das Risiko des Geschnapptwerdens beim illegalen Akt ist hier in etwa mit dem finanziellen Risiko einen Kredit nicht mehr zurückzahlen zu können, vergleichbar. Und hier sind wir auch bei der Existenzphilosophie angekommen. Bei Michel geht klar die Existenz der Essenz voraus. Wir wissen ja gar nicht so recht, wer Michel ist. Er ist sehr dünn bis gar nicht charakterisiert. Seine zentrale Eigeschaft ist das, was er tut und wie er damit moralische Richtlinien außer Kraft setzt, die im Existenzialismus nicht blind zu akzeptieren sein müssen. Michel nimmt in diesem Fall mündig sein Leben selbst in die Hand, der Risiken und Nebenwirkungen bewusst, um aus sich selbst das zu formen, was er für sich selbst ausmalt.

Die Essenz des Obsessiven

Allerdings zeigt sich dann im Laufe des Films doch so etwas wie eine Michel-Essenz. Die des Obsessiven nämlich, der sein Leben nicht in den Griff bekommt. Ein Jugendlicher, der durch Europa reist, seine Diebstähle treibt, aber doch alles verhurt und verspielt. Darin findet er sich selbst in gewisser Weise als Mängelwesen und wird sich dem bewusst, ehe er eine klassische Wandlung zum Erwachsenen vollzieht und mit Jeanne, die jetzt alleinerziehende Mutter eines Kindes geworden ist, diese Bastard-Familie, die wieder im Prekariat fest verankert scheint, mit seiner „Arbeit“ über die Runden bringen will. Das Ende, das Tragik und süßlichen Optimismus in Einklang schwingen lässt, besticht dann durch seine fabelartige Einfachheit wie man sie aus den Meisterwerken des Italienischen Neorealismus kennt, einer Auflösung in eine mondäne Romantik wie man sie aus der Nouvelle Vague kennt, in einer stilsicheren Schlichheit wie man sie vielleicht nur von Robert Bresson kennt.

8/10

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