Eye On Juliet

Weltpolizei und Roboterliebe.

Originaltitel: Eye On Juliet
Produktionsland: Kanada, Marokko, Frankreich
Veröffentlichungsjahr: 2017
Regie: Kim Nguyen
Drehbuch: Kim Nguyen
Produktion: Pierre Even
Kamera: Christophe Collette
Montage: Richard Comeau
Musik: Timber Timbre
Darsteller: Joe Cole, Lina El Arabi, Faycal Zeglat u.A.
Altersfreigabe: FSK /
Laufzeit: 96 Minuten

Im Drama Eye on Juliet begegnen sich Gordon (Joe Cole) und Ayusha (Lina El Arabi): der Wächter einer Wüsten-Pipeline und eine junge Frau aus dem Mittleren Osten. Zum verbindenden Glied wird dabei eine Roboter-Spinne, die Gordon steuert. (ES)
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Man kann diesen Moment gar nicht in Worte fassen: Meine Perplextheit und die meiner Juroren-Kollegen (die dieses Jahr in der Venedig-Nebensektion Giornate Degli Autori tätig waren) als ausgerechnet „Eye On Juliet“, der als einziger Film der Sektion ausnahmslose Ablehnung von der Jury erhalten hat; als ausgerechnet dieser Film den Kritiker-Preis in unserer Sektion als „bester Film“ bekam. Und wieder einmal fragte ich mich: Ist dieser Film vielleicht doch eine Satire? Aber nein, die Anzeichen sprechen dagegen. Vielleicht ist diese Kritik auch ein Versuch der Reflexion, wie und ob man diese Story, die uns Kim Nguyen auftischt, wirklich ernst meinen kann. Tut man das nämlich muss man von nichts anderem als einem ethischen Desaster sprechen.

Vielversprechende Prämisse

Dabei beginnt alles ganz vielversprechend. Wir haben eine spannende Prämisse: Ein junger Mann, von der Schnelllebigkeit des Internetdatings (Tinder lässt hier prominent grüßen) seiner Arbeit als Global-Policeman nachgeht. Pipelines eines amerikanischen Ölkonzerns im „Nordafrika“ der Zukunft werden mit krebsartigen Robotern verteidigt. Gordon, so heißt der Protagonist, muss diese Krebsroboter per Joystick steuern und ist dank neuester Dolmetsch-Software in der Lage, alle nordafrikanischen Einwohner zu verstehen als auch mit ihnen zu kommunizieren. Die Roboter sind mit Luftdruckgewehren bewaffnet und damit zumindest „weich militarisiert“. Das ist alles erstmal so blödsinnig nicht. Diese Zukunft ist denkbar, die Thematisierung von amerikanischem Wirtschaftsimperialismus und dem Anspruch der Weltpolizei ist interessant und der Konnex zur leidenschaftslosen Internetkommunikation intelligent. So weit, so gut.

Romeo und Julia als Diktat des weißen Mannes

Wo man aber jetzt davon ausgeht, dass Kim Nguyen eine kritische, vielleicht ironische Distanz zu seinem Heroen entwickelt, passiert mit fortschreitender Handlung genau das Gegenteil. Nguyen installiert eine nicht wenig kitschige Liebesgeschichte, für die er sich dann einzig und allein interessiert. Die „Nordafrikanerin“ Ayusha, eine recht mordern denkende junge Frau, die in einem Internet-Café arbeitet, möchtet die große Liebe ihres Lebens, Kaarim heiraten, wird aber von ihrer Familie mit einem älteren Mann verlobt. Der gute alte Topos der arranged marriage also. Wie schön, dass es einen amerikanischen Mann gibt, der das Ganze beobachtet, sich zunehmend dafür interessiert und sich in die Geschichte hinter den beiden verliebt und sich im Weiteren dann für die beiden einsetzt. Bequem von seinem Computer in Detroit aus tauft er die beiden Romeo und Julia.

Der amerikanische Held (nicht spoilerfrei)

Aber es kommt noch bescheuerter. Die Katastrophe geschieht und Gordon tötet versehentlich Kaarim, weil dieser illegal Öl abzwacken will und dann durch einen Unfall stirbt. Gordon wäscht natürlich seine Hände in Unschuld, denn es war ja ein Unfall. Davon schafft er es schließlich auch Ayusha zu überzeugen. Und diese junge Frau, die ihr ganzes Leben lang darauf gehofft hat, Kaarim zu heiraten, wird sich jetzt tatsächlich durch den Heroismus des weißen Mannes, der ihr helfen will aus der Hölle auf Erden, „Nordafrika“, zu fliehen, in ebenjenen verlieben. Ohne ihn je gesehen zu haben, einfach durch seine Leidenschaft und die Güte seiner Taten.

Am Ende treffen sich die beiden tatsächlich in Paris, an einem ganz bestimmten Ort zu einer ganz bestimmten Zeit, und verlieben sich in einander. Gerade aufgrund dieses Before-Sunrise-Zitats ist eine Nähe zur Satire wirklich naheliegend. Das kann man doch nicht ernst meinen. Aber als Ganzes betrachtet, scheinen mir die Ironien des Films (einschließlich des Endes) immer noch Agenten einer alles in allem ernstgemeinten Handlung zu sein und einzig publikumsaffine Späße sein zu wollen, die kein Interesse daran haben, sich sarkastisch gegen die eigene Geschichte zu richten. Nein, „Eye On Juliet“ ist viel mehr Neill Blomkamp als Paul Verhoeven.

Propaganda für amerikanische Außenpolitik

Und das ist schon ein ganz schönes Problem, aus ethischer Sicht. „Eye On Juliet“ — der Film eines Franko-Kanadiers mit vietnamesischen Wurzeln — ist am Ende nichts anderes als ein Propagandafilm für das US-amerikanische Selbstverständnis geworden. In ökonomischer und militärischer Hinsicht (amerikanischer Wirtschaftsimperialismus in „Nordafrika“ wird hier als gegeben dargestellt und nicht wirklich kritisch hinterfragt), vor allem aber in ethisch-kultureller Hinsicht: Hier wird ja der Individualismus des amerikanischen Systems bis zum Himmel gejubelt. Das heroische Individuum darf sich gegen alles und jeden stellen, solang sein Herz auf der richtigen Seite schlägt. Gleichzeitig wird auf ein ganzes Werte-und-Normen-System der islamischen Welt durch die Brille des Vorurteils herabgeblickt und sie auf arranged marriages reduziert. Eigentlich warten die Muslime dort ja nur auf den weißen, aufgeklärten Romantiker, der sich ihrer annimmt und sie errettet. Mit demselben Selbstverständnis werden und wurden arrogante und inhumane Angriffs- und Stellvertreterkriege im nahen Osten geführt. „Eye On Juliet“ ist ideologisches Rüstzeug für die amerikanische Außenpolitik der letzten zwei Jahrzehnte.

Mehr kann man dazu nicht sagen. Außer vielleicht die Hoffnung zu äußern, dass wir uns doch alle täuschten, in der Jury, und „Eye On Juliet“ eigentlich eine Satire ist.

2/10

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.