Candelaria

Charmante Komödie und Allegorie auf den kubanischen Sozialismus.

Originaltitel: Candelaria
Produktionsland: Kolumbien, Norwegen, Deutschland, Argentinien, Kuba
Veröffentlichungsjahr: 2017
Regie: Johnny Hendrix Hinestroza
Drehbuch: Johnny Hendrix Hinestroza
Produktion: Claudia Arango u.A.
Kamera: Soledad Rodríguez
Montage: Jhonny Hendrix Hinestroza, Mauricio Leiva-Cock, Anita Remon
Darsteller: Manuel Viveros, Alden Knigth, Verónica Lynn, Philipp Hochmair
Altersfreigabe: FSK /
Laufzeit: 87 Minuten

Die kubanische Seniorin und Jazz-Sängerin Candelaria (Verónica Lynn), die in einem Hotel arbeitet, kommt durch einen Zufall in den Besitz einer Videokamera von Gästen des Hotels. Ihr Mann (Alden Knigth) und sie denken aber zunächst nicht daran, diese Kamera zurückzugeben. Sie erfrischt die eingestaubte Ehe der beiden und es entstehen erotische Spielereien mit der Kamera bis ein Ausländer (Philipp Hochmair) auf den Plan tritt, der den beiden Geld für die Videos anbietet.

Kritik:

Im September war ich als deutscher Lux-Filmprize-Botschafter und Juror für die Venice-Days-Sektion unter Jury-Präsidentin Samira Makhmalbaf in Venedig. „Candelaria“, eine in Kuba angesiedelte Komödie des kolumbianischen Regisseurs Johnny Hendrix Hinestroza konnte am Ende mit klarer Mehrheit unseren Jury-Preis (GDA Director’s Award) davon tragen. Kein unverdienter Sieg, wenn auch mein eigentlicher Favorit „The Taste Of Rice Flower“ von Pengfei war, der letztlich die drittmeisten Stimmen unter seiner Flagge versammeln konnte. Unser Gewinnerfilm „Candelaria“ funktioniert in doppelter Funktion als äußerst charmante Seniorenkomödie, aber auch als gelungene Allegorie auf den kubanischen Sozialismus.

Sozialismus und Kerzenlicht

„Candelaria“, so der Spitzname der Protagonistin, einer Jazz-Sängerin im Seniorenalter, die kinderlos, aber glücklich mit ihrem farbigen Mann Victor Hugo im gegenwärtigen Kuba lebt. Einem Land des sterbenden, aber immer noch die Gesellschaft durchdringenden Sozialismusses. „Candelaria“ ist aber ebenso ein Wortspiel mit der Kerze (Spanisch: Candela), die in diesem Film eine symbolische Rolle spielt. Es ist das Warme, das Herzliche, das Analoge, aber eben auch das Fragile und im Sterbenbegriffende, von dem dieser Film erzählt. Sowohl das hohe Alter der Figuren im Zusammenhang mit ihrer Armut und ihrem Hunger, als auch über das sozialistische System in dem sie leben. „Candelaria“ erzählt liebevoll von einem Kerzenlicht, das bald erlöschen wird, in dessen letzten Flackern aber eine würdevoller Tapferkeit und Schönheit schwingt.

Optimistisches Gesellschaftsporträt

„Candelaria“ ist ein Publikumsfilm, in dem viel gelacht wird. Vor der Kamera und im Publikum. Es ist ein ansteckender Optimismus, die beiden Figuren streiten sie nicht, haben immer ein Lächeln auf dem Lippen und natürlich ist das über die Anschauung der lebensfrohen kubanischen Mentalität hinaus auch ein Kommentar auf ein kubanisches System, das nicht makellos sein mag, aber in soweit funktioniert, dass die Menschen mit dem wenigen, das sie haben, doch nicht unglücklich sind. Auf der einen Seite spart Hendrix Hinestroza kaputte Straßen und Themen wie Fleischmangel nicht aus, auf der anderen stellt er Kuba doch als eine sehr lebenswerte Gesellschaft dar, in der Solidarität ein sozialer Konsens ist, der tief die bestehenden Strukturen durchdringt. In einer umfangreichen Exposition lernt der Zuschauer zunächst die beiden Hauptfiguren Candelaria und Victor Hugo als urige, aber durchaus progressive Senioren kennen.

Eine Videokamera als „Macht-Apparat“

Candelaria kommt schließlich durch ihre Arbeit in einem Hotel in den Besitz einer Videokamera, die ihr wie ein göttliches Zeichen offenbart wird und auf den Haufen dreckiger Wäsche fällt, den sie jeden Tag in der Waschküche des Hotels routinemäßig abarbeitet. Es ist klar, dass die Kamera Hotelgästen gehört, aber Candelaria und ihr Mann machen sich zunächst einen Spaß daraus, mit dieser Kamera zuhause herumzuspielen. Und darin ist die Kamera auch der zentrale Gegenstand der Sozialismus-Allegorie, die fein und wenig aufdringlich in „Candelaria“ erzählt wird. Ebenso wie eine sozialistische Revolution stellt auch das Erlangen der Videokamera im Film eine zunächst einmal nach geltendem Recht gesetzeswidrige Übernahme einer Macht dar. Die Macht überträgt sich aber zu jenen gesellschaftlichen Mitspielern, denen diese Macht aus moralischer Hinsicht (bzw. aus Hinsicht der Zuschauer-Empathie) eher zusteht: dem gemeinen, hungernden Volk. Und tatsächlich wird — wie wir sehen werden — dieser „Macht-Apparat“ der Kamera nun den beiden Senioren dazu dienen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Prostitution des Sozialismus

Hier kommt die entscheidende Pointe von „Candelaria“: anfangs nur als Spielerei, um frische Luft in die eingeschlafene Beziehung zu bringen, fangen die beiden schließlich an, mit der Kamera erotische Videos zu drehen. Schließlich taucht ein ekliger, ausländischer Kapitalist auf — gespielt vom österreichischen Schauspieler Philipp Hochmair — und bietet für diese Videos Geld, weil „Touristen alles kaufen würden“, macht damit aus der Spielerei einen Brotjob, aber auch eine immer unverschämter werdende Gewinnorientierung. Hier schließt sich der Kreis der Gesellschaftsallegorie. Hendrix Hinestroza thematisiert hier die touristische Selbstausschlachtung des kubanischen Sozialrealismus, der sich darin tendenziell selbst ad absurdum führt, da er sich kapitalistisch verwertbar macht. Anstatt aber diese Prostitution als Option ans Äußerste treiben würde und damit ein tragödisches Klagelied vorzutragen, bleibt Hinestroza immer konsequent in einem komödischen Modus und gewinnt der Pornografierung der beiden Greise einige absurd-komische Situationen ab. Letztlich werden die beiden Alten auch mangels moralischer Identifikation ihre „Underground-Erotik-Karriere“ an den Nagel hängen, womit, ganz gutgläubig, eine würdevolle Absage an den Kapitalismus als möglich erachtet wird. Und das ist in dieser Form legitim und schön anzusehen zugleich.

7/10

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