Viennale Highlights 2016

Mein zweites Vienna International Filmfestival. Geordnet von schlecht bis gut.

Dieses Jahr war die Viennale für mich schwieriger zu besuchen als letztes Jahr, da ich eigentlich jeden Tag zwischen zehn und zwölf Stunden arbeiten musste. Ich komme trotzdem auf die Anzahl von neun Filmen, auf die ich angesichts der Umstände stolz bin. Weniger stolz bin ich auf die Tatsache, dass ich zwei (!) Filme nicht sehen konnte, obwohl ich sie käuflich erworben hatte. „Paterson“ wollte ich am Sonntag besuchen bis ich merkte, dass er bereits am Samstag lief. „Personal Shopper“ verschlief ich schlichtweg vor Erschöpfung. Immerhin hieß es aus meinem Umfeld bislang, dass beide Filme schlecht sein sollten.
Abgesehen von diesen Filmen sah ich nicht einen einzigen Film, den ich schlecht fand und sah eine für eine Neun-Filme-Auswahl überragende Ausbeute von drei absolut fantastischen Filmen!

In dieser Liste sind der Vergleichbarkeit mit anderen Viennale-Besuchern wegen außerdem vier Filme geführt, die ich bereits auf der Berlinale sah, aber auf der Viennale im Programm liefen. Diese sind mit einem Stern markiert.

13.) „Was kommen wird“ (Mia Hansen-Løve, 2016) *

Dieser Film wurde von der Kritik fast vollständig in den Himmel gelobt. Nur warum? Er redet in einer Tour über Philosophie, bleibt dabei aber so philosophisch wie ein Stück Kuchen. Und genau das war er auch. Eine bequem konsumierbare Bourgeoisie-Kost, die sich selbst am meisten für ihre Konflikte interessiert. Insgesamt ein unsympathisch-selbstgefälliger Film, wenn auch Qualitäten im Handwerk nicht von der Hand zu weisen sind.

12.) „Nocturama“ (Bertrand Bonello, 2016)

Hätte ein Meisterwerk werden können, scheiterte aber schlussendlich an politischer Unentschlossenheit und dem Nicht-Beherrschen der eigenen (spannenden) Form.

11.) „I, Daniel Blake“ (Ken Loach, 2016)

Leute gingen lachend und weinend aus diesem Film. Ich fand ihn okay. Er war weder klasse geschrieben, noch politisch besonders wertvoll. Ein guter Film, nicht mehr. Keine Palme wert.

10.) „Yourself And Yours“ (Hong Sang-Soo, 2016)

Letztes Jahr verzauberte mich auf der Viennale ja „Right Now, Wrong Then“ von Hong Sang-Soo und ich versprach mir selbst, weitere Filme von ihm anzusehen. Sein „Yourself And Yours“ war auch eine schöne Stilübung, aber leider nicht viel mehr. Gerade empathisch könnte mich der Film weniger packen als seine Vorjahres-Leistung.

09.) „Graduation“ (Cristian Mungiu, 2016)

Gut, aber doch eine saftige Enttäuschung. Der Film meditiert ganz interessant über die verschiedenen Spielweisen von Korruption, aber weder ist das tiefgreifend genug, noch stellt sich ein Rausch der Authentizität ein wie bei früheren Filmen von Mungiu. Die Regie-Palme hätte Puiu bekommen müssen.

08.) „Kater“ (Händl Klaus, 2015) *

Hier steht eine sehr authentisch dargebotene homosexuelle Beziehung im Vordergrund und zwar ohne unnötige Erklärungsreflexe wie das Kennenlernen oder das Outing. “Kater” zeigt uns das eine homosexuelle Beziehung nicht nur ein Ziel, sondern selbst als Status Quo in Bewegung sein kann, wie eben eine normale Beziehung auch. Gesellschaftliche Zwänge von außen werden hier nicht verarbeitet. Unter den Gesichtspunkten seiner proklamierten Selbstverständlichkeit auf Eigenständigkeit ist der Teddy-Bär für den besten queeren Film des Festivals sicher gerechtfertigt.

07.) „Scarred Hearts“ (Radu Jude, 2016)

Eine ähnliche Leistung hermetischen Erzählens wie Puius „Sieranevada„. Jude verlässt fast drei Stunden lang ein Krankenhaus nicht, erzählt aber das Judensein in der Morgendämmerung des Nationalsozialismus in Europa und erzählt trotz einer gewissen Manieriertheit im Kamera-Spiel mit fantastisch realistischem Schauspiel so, als wäre man wirklich in diesem Krankenhaus anwesend. Ein wunderbarer Film!

06.) „Aquarius“ (Kleber Mendonca Filho, 2016)

Gleichzeitig ein tiefgreifendes Psychogramm als auch ein toller Film über die Würde des Alterns und der Würde des Beharrens auf eigener, von anderer nicht als zeitgemäß angesehenen Lebenskonzepte. Zurecht im Cannes-Wettbewerb!

05.) „Forushande – The Salesman“ (Asghar Farhadi, 2016)

Wird Asghar Farhadi jemals wieder an sein Meisterwerk „Nader & Simin — A Separation“ heranreichen? Er ist erst 44, er noch genug Zeit. Mit „Forushande“ liefert er wieder einen Riesenwerk ab, das aber doch ein paar Momente der Konstruierheit und des zu großen dramatischen Tiki-Takas innehat.

04.) „The Woman Who Left“ (Lav Diaz, 2016)

Der Venedig-Gewinner ist der bislang schwächste Diaz-Film, den ich sah. Dennoch eine brillante Auseinandersetzung mit Rache und Vergebung.

03.) „Being 17“ (André Téchiné, 2016) *

Ein kleines Epos. Hier geht es gar nicht so sehr um Jugend oder Homosexualität, sondern auch um ein Gesellschaftsbild in einer beeindruckenden Komplexität. Und das alles gerade dadurch, dass man die Figuren aus ihren klassischen Milieus enthebt. Erzählerisch in einem ökonomischen, aber im Rhythmus doch nicht üblichen Vortragsstil verpackt.

02.) „A Lullaby To The Sorrowful Mystery“ (Lav Diaz, 2016) *

Ein gelungenes prosimetrisches Werk, das Erzählzeit effektiv dazu nutzt, um ein Gefühl für die mystische und mysteriöse Wesenheit des Waldes zu entwickeln, in dem der Film (hauptsächlich) spielt. Dieser Handlungsort funktioniert beispielsweise als symbolisches Bezugszentrum für die menschliche Seele, aber auch für die Herausbildung eines nationalen Bewusstseins (jeweils im Guten wie im Schlechten).

01.) „Sieranevada“ (Cristi Puiu, 2016)

Puius Meisterwerk lässt sich als reine Kontemplation einer Familienfeier oder als reiche Meditation über Wahrheit und alternative Wahrheit lesen. Oder auch einfach beides.

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