
Politisch sträflich unentschlossen oder: Unglaubliches zeigen wollen und scheitern.
Originaltitel: Nocturama
Alternativtitel: Paris est une fête
Produktionsland: Frankreich
Veröffentlichungsjahr: 2016
Regie: Bertrand Bonello
Drehbuch: Bertrand Bonello
Produktion: Edouard Weil
Kamera: Léo Hinstin
Musik: George Fenton
Darsteller: Finnegan Oldfield, Vincent Rottiers, Hamza Meziani, Manal Issa, Martin Petit-Guyot, Jamil McCraven, Rabah Nait Oufella, Laure Valentinelli, Ilias Le Doré, Robin Goldbronn, Luis Rego, Hermine Karagheuz, Adèle Haenel
Laufzeit: 130 Minuten
Eines Morgens in Paris: Eine Handvoll Jugendlicher mit unterschiedlichem Hintergrund setzt zu einem mysteriösen Tanz durch das Labyrinth der Metro und den Straßen der französischen Hauptstadt an. Es ist, als verfolgten sie einen Plan. Ihre Gesten sind präzise, fast gefährlich. Schließlich kommen sie an einem Kaufhaus zur Schließungszeit zusammen. Paris entlädt sich, der Angriff beginnt.
Quelle: moviepilot.de
Replik:
„Nocturama“, ein Film wie Licht und Schatten. Einerseits ist Bertrand Bonellos Film ein Kunstfilm, ein gewagter Versuch, sich formell dem Phänomen des modernen Terrorismus anzunähern, dessen Idee seiner Form schlichtweg großartig ist. Andererseits beherrscht der Film seine eigene Form nicht vollständig und positioniert sich politisch derartig ungeschickt uneindeutig, dass man nicht darum kommt, Bonellos Film als Scheitern auf hohem Niveau zu bezeichnen. Es war für mich ein aufregendes Erlebnis, diesen Film beim Scheitern zuzusehen, denn er hat mich mit dem Beschreiten spannender Pfade inspiriert, meinen Kopf zum Rasen gebracht. Mich zum Nachdenken gebracht, wie man hätte diesen Film anders machen können oder sollen, damit er ein Meisterwerk wird.

Spiel mit der Zeit (SPOILER)
Der Film beginnt und wir sehen eine bunte Gruppe von Jugendlichen aus allen sozialen Klassen und ethnischen Herkünften in einer professionell exerzierten Choreographie im und um das Pariser U-Bahn-Netz herum. Wir verstehen die ersten Bilder bereits als terroristischen Akt. Aber nicht, weil Bonellos Film das so eindeutig macht, sondern, weil dem Zuschauer das Zusammenspiel des Gezeigtem bereits unweigerlich in Assoziation mit den Anschlägen in Paris und anderen Ereignissen des modernen Terrorismus stehen. Schon diese erste Sequenz nimmt sich eine Länge raus, die nach dem Verständnis konventioneller Filmkunst in keinem Verhältnis zum Erzählten steht. Eine Strategie, die der Film am Ende dann aufs Äußerste treiben wird. Nach dem vollendeten Terror-Akt sehen wir die Jugendlichen ungefähr zwei Drittel des Films in einem Kaufhaus dabei zu, wie sie sich vom Anschlag erholen, sinnlosen Zeitvertreiben nachgehen und dann am Ende des Films schließlich von Spezialeinheiten der Polizei vollständig niedergeschossen werden. Das auffälligste Stilmittel des Films ist der Umgang mit Zeit. Das titelgebende Einquartieren im Kaufhaus um Mitternacht herum, macht einen so riesigen zeitlichen Anteil des Films aus und will damit ein Gefühl von Echtzeit provozieren. Währenddessen sind die Momente von angewandter Gewalt ziemlich kurz, Rückblenden, wie die Anschläge geplant wurden, sogar derart kurz, dass man sich fragt, ob es diese überhaupt gebraucht hätte.
Ein fehlendes „Warum“
Eine derartig radikale Priosierung der Nicht-Dramatik, der puren destillierten Epik (also beschreibenden Handlung) ist in diesem Film für sich stehend ein genialer Schachzug. Diese Um-Proportionierung der Konvention (wir würden eher eine Priosierung des Terror-Spektakels erwarten) eröffnet dem Film einen Haufen an Möglichkeiten. Vor allem eine psychologische und/oder motivische Ausformulierung, warum so unterschiedliche Jugendliche wie hier porträtiert, eine terroristische Aktion in die Tat umsetzen. Der Film hält sich hier aber vollkommen bedeckt, was anhand ellenlanger Szenen mit Gesprächen der Jugendlichen untereinander geradezu irritiert. Bertrand Benollo wollte offensichtlich die Frage nach der politischen Motivation vollständig ausklammern, was in meinen Augen schon schwierig ist. Aber dass er es nicht einmal wagt, den Jugendlichen irgendein Motiv zu geben, ist ein No-Go. Hierzu funktioniert die Form nicht. Wenn er einen Film hätte machen wollen, der sich mit dem Terrorismus als eine Reinform auseinandersetzen würde, der sich mit seinem Rhythmus und seiner bloßen Funktionsweise beschäftigt, dann hätte Bonello Vorbereitung und Umsetzung der Anschläge in diesem Detailgrad erzählen müssen. Eine Art „Pickpocket“ des Terrorismus.

Unverständliche Ironisierung
Stattdessen erleben wir mehr als den halben Film an der Seite der Figuren, wie sie ihre letzten Stunden in einem schier riesigen Kaufhaus erleben. Ein Kaufhaus mit einem unerschöpflichen Sortiment. Natürlich gibt der Film hier zu verstehen, dass die Figuren sich in ihren letzten Stunden in Errungenschaften des Kapitalismus suhlen. Vor allen Dingen in sinnlosen Luxusgütern. Teuren Klamotten, Go-Karts, Badewannen, waffenförmigen goldenen Lampen und mal mehr mal weniger schriller Populärmusik. Das hat etwas Groteskes, aber was hier fehlt ist das Gegengewicht, um aus dieser Beobachtung eine Ironie oder Aussage zu gewinnen. Dass die Figuren im Film politisch eher links zu verorten sind, liegt relativ nahe, wenn man sich ihre ethnische Zusammengehörigkeit ansieht und merkt, dass anderweitig keine rassistische oder religiöse ideologische Färbung vorliegt. Aber aus den Aussagen der Figuren selbst kann man es zu keinem Zeitpunkt schließen. Und das ist dann auch ab einem bestimmten Zeitpunkt unglaubwürdig. Denn bei einer dermaßen großen kollektiven Aktion muss doch der Sinn der Sache jeder Person gewahr sein und damit muss auch ausgesprochen werden, explizit oder implizit. Ein einziges Mal wird in dem Film davon gesprochen, dass diese Sache „groß“ sei, „größer als alles jemals zuvor“. Diese Aussage legt ein hedonistisches und dekadentes Motiv nahe, eines das einzig am Spektakel interessiert ist. Und es wäre auch legitim darüber einen Film zu machen. Es wäre ein Film, der an „Spring Breakers“ anschließt und diesen logisch weiterdenkt. Benollos Film aber führt diese Möglichkeit nicht konsequent aus. Wenn es kein politisches Motiv gibt, müsste dieses hedonistische Motiv für die gesamte Gruppe die Motivationsursache gewesen sein und das hätte man auch so kontextualisieren müssen. Durch das Ausklammern des Politischen macht Bonello seinen Film nicht reicher und mehrdeutiger, sondern unglaubwürdiger und unmutiger.

Politische Unpositionierung
Diese Mutlosigkeit der politischen Positionierung zieht sich noch weiter durch den Film. Was ist überhaupt von Terrorismus zu halten? An sich ja eine schwierige Frage. Der asymmetrische Krieg des Terrorismus ist ohne Frage nicht gerade ritterlich und (wenn auf Zivilisten gerichtet) barbarisch, aber für unterdrückte Minderheiten oft der einzige Weg, das Machtsystem zu verändern. In „Nocturama“ finden wir nicht den Hauch eines Ansatzes, eine wertende Aussage über den Terrorismus per se zu treffen. Es ist generell eine merkwürdige Unentschlossenheit, die sich durch den Film zieht. Die Terroristen werden ironisch konterkariert, ihr Unterfangen gnadenlos von der Polizei gestoppt. Auf der anderen Seite wird die Polizei aber auch sehr brutal dargestellt, wie sie teilweise unbewaffnete, sich ergebende Jugendliche ohne mit der Wimper zu zucken niederschießt. Wo steht da nun „Nocturama“? Man weiß es nicht.
Potenziell ein Meisterwerk
Nach all der Kritik an diesem Film möchte ich nochmal ausdrücklich sagen: Was hätte das für ein großartiger Film werden können! Es ist ungemein interessant, einer Gruppe zusammengewürfelter Jugendliche dabei zuzusehen, wie sie gerade ein Herzschlagerlebnis, das ein ganzes Land auf den Kopf gestellt hat, in den Knochen haben, wach bleiben müssen, ab irgendeinem Punkt wissen, dass sie wahrscheinlich sterben werden und auf sich selbst zurückgeworfen werden. Diese dramatische Ausgangslage ist sowohl potenziell atmosphärisch einzigartig als auch in der psychologischen Komplexität prädestiniert, großartige Konflikte in sich zu herbergen. Aber ein weiteres Problem, das der Film nicht lösen kann, ist die reine schauspielerische Umsetzung. Wie die jugendlichen Akteure agieren ist an sich nicht schlecht, aber dieser brutal schwierig herzustellenden Meta-Realität einfach nicht vollständig angemessen. Bonello drehte mit einer Mischung aus Profi-Schauspielern und Laien, die in extremeren politischen Organisationen aktiv sind. Diese Mischung ist sicher ein Grund, warum die Schauspieler hier nicht auf ein (leider benötigtes) Weltklasse-Level kommen, aber sicher nicht der einzige Grund. Vieles hängt hier auch von Längen der Einstellungen ab, von den Unfreiheiten der Schauspieler, hier Dinge im Schuss-Gegenschuss-Pingpong sprechen zu müssen. Davon, dass ich den Schauspielern nicht glaube, dass sie das Unglaubliche so unglaublich finden wie ich, obwohl sie es gerade erleben (sollten) und ich ihnen nur dabei zuschauen durfte.
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