
Rebellische Flucht. Wenig Neues im türkischen Feminismus.
Originaltitel: Mustang
Produktionsland: Türkei, Frankreich, Deutschland
Veröffentlichungsjahr: 2015
Regie: Deniz Gamze Ergüven
Drehbuch: Deniz Gamze Ergüven, Alice Winocour
Produktion: Patrick Andre, Charles Gillibert, Violaine Gillibert, Frank Henschke, Emre Oskay, Anja Uhland, Mine Vargi
Kamera: Lukas Strebel
Montage: Mathilde Van de Moortel
Musik: Warren Ellis
Darsteller: Güneş Nezihe Şensoy, Doğa Zeynep Doğuşlu, Tuğba Sunguroğlu, Elit İşcan, İlayda Akdoğan, Ayberk Pekcan, Nihal Koldaş
Laufzeit: 97 Minuten
Lale (Günes Sensoy) ist zuweilen ungebändigt wie ein Mustang, also ein Wildpferd, dass sich seine Freiheit nicht nehmen lassen will. Ihren vier Schwestern Nur (Doga Zeynep Doguslu), Ece (Elit Iscan), Selma (Tugba Sunguroglu) und Sonay (Ilayda Akdogan) haftet der gleiche eigenwillige Charakterzug an. Seit dem Tod ihrer Eltern wohnen die fünf Schwestern bei ihrem Onkel in einem Dorf im Norden der Türkei. Der Sommer lockt sie nach draußen und so kehren sie nach der Schule nicht immer sofort nach Hause zurück, vor allem, da das Meer so nah liegt. Ein paar harmlose Spiele mit einigen Jungs werden den Mädchen allerdings zum Verhängnis, denn ihr unschuldiger Umgang mit dem anderen Geschlecht wird als Sittenbruch gedeutet und es kommt zum Skandal. Die Folge sind Hausarrest, Verhaltensunterricht und ein paar hastig arrangierte Ehen für die jungen Frauen. Doch auch wenn sie zu Gefangenen ihres eigenen Zuhauses werden, wollen Lale und ihre Schwestern sich von niemandem in ihrer Freiheit einschränken lassen.
Quelle: Moviepilot.de
Replik:
„Mustang“ ist ein offensichtlicher Film, ein gesellschaftspolitischer Publikumsfilm. Ein solcher, der auch für das einfache Volk als Empathie-Vehikel zur politischen Agitation funktionieren soll. Natürlich spricht er mit der rückständigen Rolle der Frau in der (ländlichen) türkischen Bevölkerung ein dringend zu änderndes Problem an und findet hierzu auch durchaus neue und interessante Symbole des Feminismus, kann seinen erfrischenden Ansatz allerdings nicht über die volle Länge ausspielen, verliert sich in erzählerischen Fettnäpfchen und Entscheidungsfaulheit, ob Komödie oder Drama die Erzählform des feministischen Freiheitskampf sein solle. Es ist nicht verkehrt, einen Film mit solcher Thematik eine größere Bühne bieten zu können wie es aktuell mit der Auszeichnung durch den LUX-Preis des europäischen Parlaments (neben „Urok“ und „Mediterranea„) getan wird, warum es aber gerade „Mustang“ und nicht ein ähnlicher Film das sein sollte, erschließt sich nicht.

Provokation durch Nymphen-Erotik
Ergüvens Film fängt durchaus großartig an. Da wird (eine nymphenhafte) Erotik als freche Provokation gegenüber der religiösen Anständigkeits- und Reinheitsanforderung der Frau eingesetzt. Fünf Schwestern, vier davon im sexuell relevanten Alter, spielen mit Jungs und wenig Kleidung am Meer herum und entdecken ihre erotische Ausstrahlungskraft. Auch wenn die jungen Frauen dafür von Oma und Onkel (die Eltern sind verstorben) bestraft und gemaßregelt werden, bleibt der Film diesem Modus treu. Auch als die Mädchen in eine „Ehe-Fabrik“ gezwungen werden, wo sie zu perfekten Ehefrauen ausgebildet werden und nur noch schmöde, braune Kleider zu tragen haben, zeigt der Film sie ständig erotisierend in Unterwäsche. Der Film zeigt das, was der Islam eben nicht zeigen will. Diese Strategie ist simpel, aber funktioniert ganz wunderbar.
Vormarsch der Archaischen
Die familiäre Struktur, die uns präsentiert wird, ist ebenfalls symbolisch aufgeladen. Die Eltern der Mädchen sind tot und ihre Erziehung wird von Oma und Onkel übernommen. Dies weist einerseits daraufhin, dass die Religiosität in der türkischen Gesellschaft wieder auf dem Vormarsch ist, sozusagen eine Wertevorstellung auftritt, die schon für die Elterngeneration befremdlich archaisch war. Zum anderen, anhand des Onkels, sieht man auch wie patriarchalisch diese sozialen Strukturen sind. Ein eigentlich verhältnismäßig recht weit entfernter Verwandter ist hierin die Führungsfigur der Familie, einfach, weil er ein Mann ist.

Frausein in zerrissener Gesellschaft
In einer Szene, in der die Jungfräulichkeit einer der Töchter festgestellt werden soll, macht der Film Religiosität und Anti-Laizismus auch zum Problem des einfachen, ungebildeten Volkes. Ein Arzt, wenn auch ein Dorfarzt, erkennt die Notwendigkeit sich nicht auf Traditionismen einzulassen und von seiner Schweigepflicht „Gebrauch zu machen“, indem er verschweigt, dass das Mädchen bereits Sex hatte. Diese Szene ist generell ein wunderbarer Verweis auf die Zerrisenheit der türkischen (weiblichen) Seele, als das Mädchen behauptet, sie sei regelrecht eine Dorfmatratze gewesen, was der Arzt ihr mit Blick auf ihre Vagina aber nicht glaubt. Dann sagt sie den wohl besten Satz des ganzen Films, dass man ihr nicht glaube eine Schlampe zu sein und gleichzeitig nicht glaube, dass sie noch Jungfrau sei. Was glaube man denn dann? Wer oder was ist sie dann also? Genau. Einfach eine Frau.
Zitate iranischer Vorbilder
Der Film untergräbt sich allerdings dann in seiner Glaubwürdigkeit, in seinem Verve und seiner intentionalen Direktheit, indem er sich in Genre-Anleihen recht alberner Komödien flüchtet. Die Mädchen dürfen nicht ins Fußballstadion, weil dort zu viele Männer sind. Doch plötzlich ereignet sich ein kleines Wunder und Männer im Stadion benehmen sich so sehr daneben, dass der Fußballverein entscheidet, nur Frauen zum nächsten Spiel als Zuschauer zuzulassen. Was erstmal nach einer bescheuerten, märchenhaften Geschichte klingt, passierte 2011 wohl tatsächlich so ähnlich beim Verein Fenerbahce. Der Film hingegen zeigt dieses Phänomen irritierenderweise beim Stadtrivalen Galatasaray und dann auch so laienhaft, dass es wohl 90% der (ohnehin zu wenigen) Zuschauer wohl niemals als Bezug auf reales Zeitgeschehen verstanden haben werden. Der Film weist hier dem iranischen emanzipatorischen Kino eine Reverenz. In „Mossafer“ hatte Abbas Kiarostami ein Stadienbesuch eines kleinen Jungen zu einer Odyssee gemacht, Jafar Panahi zitierte den Film später mit „Offside“, der ein Mädchen auf die Stadionodyssee schickte und somit erstmals feministisch machte bis schließlich Ergüven das Motiv mit derselben ideologischen Färbung zitierte.

Zäsur der Glaubwürdigkeit
Vieles an „Mustang“ ist leider unausgegorenes dramatisches Stückwerk. Die Off-Stimme des jüngsten Mädchens erzählt in der Präteritum-Form davon wie eine Schwester nach der anderen mit Männern aus der Nachbarschaft verheiratet werden und nutzt im Grunde auch ein westliches Vorurteil gegenüber dem Islam aus. Denn dass es im Islam de jure auch möglich ist, biologische Kinder zu verheiraten und somit auch die Möglichkeit, dass die kindliche Protagonistin Lale selbst verheiratet wird, schwingt hier in der Spannung des Films schon wissentlich mit. Auch ein tragischer Freitod einer der Schwestern ist kein neuer Griff und zudem in „Mustang“ so dermaßen misslungen, dass man empathisch kaltgelassen und irritiert auf das Gezeigte blickt. Spätestens mit dieser Zäsur in Glaubwürdigkeit und emotionaler Teilnahme wird „Mustang“ merklich schwächer als es der Anfang noch versprach.
„Das ist 100km entfernt und ich kann nicht fahren.„
Letztendlich wählt „Mustang“ auch einen gewöhnlichen und geradezu klischeehaften Ausweg aus dem Patriarchat: Eine rebellische Flucht. Und diese Flucht kann nur über die Hilfe eines (feministisch toleranten) Mannes funktionieren, figuriert anhand der Figur eines charmanten, aber eher rudimentär charakterisierten LKW-Fahrers. Und diese Flucht kann nur ins Urbane, nach Istanbul funktionieren. Da muss man sich schon fragen, ob die Suggestion, Frauen könnten nur durch Großstadtmigration aus dem patriarchalischen Moloch entkommen, so befriedigend ist. Aber abgesehen davon, ob sie im Falle der Figuren tatsächlich die einzige Option gewesen sein könnte oder auch nicht, war sie das aus dramatischer Sicht mit Sicherheit nicht, wenn man von Anfang an einen Film gemacht hätte, der diese klischeehafte Conclusio nicht nötig gehabt hätte.
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