Melancholia

Ein Film von klassisch-abendländischer Ästhetik.

Originaltitel: Melancholia
Produktionsland: Dänemark, Schweden, Frankreich, Deutschland
Veröffentlichungsjahr: 2011
Regie: Lars Von Trier
Drehbuch: Lars Von Trier
Produktion: Meta Louise Foldager, Louise Vesth
Kamera: Manuel Alberto Claro
Montage: Molly Malene Stensgaard
Darsteller: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Alexander Skarsgård, Kiefer Sutherland, Brady Corbet, Cameron Spurr, Charlotte Rampling, Jesper Christensen, John Hurt, Stellan Skarsgård, Udo Kier
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 135 Minuten

Justine (Kirsten Dunst) und Michael (Alexander Skarsgård) Feiern ihre Hochzeit in Melancholia, dem neuen Film von Lars von Trier. Doch das Glück wird von einem außer Kontrolle geratenen Planeten überschattet, der auf die Erde zu stürzen droht. Darüber hinaus wird das sowieso bereits angespannte Verhältnis zwischen Justine und ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) an diesem Tag auf eine schwere Probe gestellt.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Lars Von Triers zweiter Teil seiner Depressionstrilogie ist vor allem symbolistisch zu lesen. Justines Depression ist nicht Zweck, um eine besonders authentische Behandlung des Themas Depression zu leisten, sondern man sollte sie als den wissenden Menschen begreifen. Sie verfügt über die Gabe bestimmte Sachen einfach zu wissen, sie ist also der Mensch, der das menschliche Wesen selbst als solches begreift, aber auch alle anderen Lebewesen auf der Welt, ihr Urteil: „We don’t need to grieve for it. Life is only on earth and not for long.

Zerstörung der Welt als Erlösung

Ihre Depression ist auch nur solange präsent, wie sie sich an klassisch-menschlichen/irdischen Ritualen wie einer Hochzeit oder der Zuordnung in die eigenen familiären Strukturen beteiligen muss, als Melancholia immer größer und bedrohlicher am Himmel auftaucht, fängt sich an befreiter zu werden. Die Zerstörung der Welt (Das wird wohl kein eklatanter Spoiler sein) ist dann die totale Erlösung für sie. Melancholia ist das absolute Memento, dass DU sterben musst, nicht relativiert durch ein Sterben weniger oder ein zeitversetzes Sterben der Menschen. Alle Menschen sterben gleichzeitig auf dieselbe Art und Weise. Es gibt keine Ablenkung mehr, kein „Ach, ich werde 80 Jahre alt“, Melancholia ist das totale Gewissen zu sterben und die dringlichste Erinnerung des Carpe Diems.

Kollektivhoffnungen als Ausblendung des Sterbenmüssens

Und wie soll dieses Carpe Diem aussehen? Klassische Musik oder Rotwein? Die Figur der Claire ist das Nicht-Wissen und Verdrängen. Sie ist der menschlichere Mensch. Sie hofft. Wie sinnlos eigentlich Hoffnung ist. Man hofft, dass man in einem Examen besteht, aber hey, man stirbt doch sowieso. So what? Der Mensch kann also nur hoffen, wenn er ein generelles Leid des Sterbenmüssens ausblendet. Melancholia ist diese Metapher für das Sterbenmüssen und Claire denkt in ihrer menschlichen Naivität sogar, sie könne ihrem Schicksal entgehen. Ist das eine Anspielung auf metaphysische Kollektivhoffnungen des Menschentums, wie es Religionen sind? Die dem unausweichlichem Tod eine metaphysische Hoffnung entgegensetzen? Oder für die Wissenschaft, die ja Claires Mann John vertritt, die ebenfalls gegen das Unausweichliche, den Tod, Tag für Tag ankämpft.

Melancholie als das geringere Übel

„Melancholia“ ist zweifellos ein großes filmisches Werk, das den Vergleich mit „Antichrist“ und schon gar mit „The Tree of Life“ nicht scheuen muss. Spannung gibt es im Grunde keine, das pompös im Intro eintretende Weltende nimmt das Finale des Films komplett vorweg, aber dadurch schafft der Film die titelgebende Melancholie des Sterbenmüssens. Für die einen ist die Melancholie also ein Fluch wie für Claire, für manche aber auch ein Segen, wie für Justine. Denn Melancholie ist das geringere Übel als Depression. Während der zweite Part des Films also mit unbamherziger Konsequenz das Unvermeidbare passieren lässt, ist vor allem der erste Part interessant, der mit Stars gespickt feine Vorausdeutungen auf das Finale preisgibt.

Deuten und Mitdenken

Lars von Triers Cannes-Verlierer (muss man ja sagen) ist ein unterschätzter Meilenstein in seinem Werk, der mit vielen interessante Details (z.B. die Holzschnitz-Metapher, für das Errichten von Hoffnungen, die nicht erfüllt werden?) zum mehrmaligen Schauen einlädt. Er mutet oft beinahe an, wie der Versuch einen Film von klassisch-abendländischer Ästhetik zu entwerfen mit Zitaten der Werke Albrecht Dürers, John Everett Millais‘ oder Richard Wagners. Schlichtweg genial wie der Film herausstellt, dass das Memento Mori Fluch und Erlösung zugleich sein kann. Wer einen wirklich spannenden Film sehen will, kann sich „Melancholia“ sparen, auch ist der Einsatz der vielen Stars fast schon ein bisschen zu viel des Guten und Identifikationsfläche mit dem Mensch hinter den Figuren bietet der Film auch erheblich wenig, als Film zum Deuten und Mitdenken ist von Triers Film dennoch ein Genuss von extrem hohen Niveau.

8/10

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