Kinatay

Manila und die Banalität des Bösen.

Originaltitel: Kinatay
Alternativtitel: Butchered, The Execution of P
Produktionsland: Philippinen
Veröffentlichungsjahr: 2009
Regie: Brillante Mendoza
Drehbuch: Armando Lao
Produktion: Didier Costet, Ferdinand Lapuz
Kamera: Odyssey Flores
Montage: Kats Serraon
Musik: Teresa Barrozo
Darsteller: Coco Martin, John Regala, Maria Isabel Lopez, Jhong Hilario, Julio Diaz, Mercedes Cabral u.A.
Altersfreigabe: FSK 18
Laufzeit: 105 Minuten

Ein neuer Tag in Manila: Der junge, in bescheidenen Verhältnissen lebende Polizeistudent Peping heiratet am Morgen seine Verlobte Cecille, mit der er bereits ein Kind hat. Nach der kleinen Feier in einem Restaurant und dem Unterricht in der Polizeischule treibt er am Abend Schutzgeld für seine korrupten Vorgesetzten ein, um seinen Unterhalt etwas aufzubessern. Doch heute wird er dazu aufgefordert, bei einer besonderen Aktion dabei zu sein. Arglos willigt er ein, aber als die Gruppe die junge Prostituierte Madonna kidnappt, muss Peping schnell erkennen, dass dies eine Erfahrung sein wird, die ihn an den Rand seiner moralischen Integrität bringen wird. Wird er seine Unschuld bewahren können oder zum Mittäter werden?
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

2009 war Brillante Mendoza in Cannes mit seinem „Kinatay“ der Titel „Skandalfilm des Festivals“ sicher. Die Story, denkbar einfach: Wir beobachten in dokumentarisch angehauchten Bildern eine Gruppe von Verbrechern und korrupten Polizisten, wie sie eine Prostituierte für ihre nicht bezahlten Schulden bestialisch ermorden. Genauso oft, wie man „Kinatay“ dafür menschenverachtend nannte, wollten Kritiker in dem Drama auch eine Abrechnung mit dem Kapitalismus erkannt haben. Dabei ist beides falsch bzw. unzureichend. Denn eine Geschichte wie „Kinatay“ (Tagalog für „Schlachten“) wäre ja genauso gut auch in Kuba oder Venezuela denkbar. Ähnliche Grade der Bestialität kennen wir auch vom Islamischen Staat, der eine bekennende Opposition zum westlichen Kapitalismus darstellt. Was ist also der Grund für dieses Ausmaß der Gewalt in Mendozas spannendem und, um das noch einmal zu erwähnen, keinesfalls mitschuldigen, keinesfalls wirklich menschenverachtendem Film?

Eine heile Welt

Die filmische Strategie von „Kinatay“ ist eine brillante (pun). Wir werden in eine heile Welt eingeführt, lernen unseren Protagonisten Peping kennen, ein junger Polizei-Kadett, der gerade seine Frau heiratet. Die beiden sind gut gelaunt und späßeln mit ihrer Familie. Gehen essen (in einem Fast-Food-Restaurant) und Peping sagt diesen fatalen Satz, dass er mal eine Waffe wie James Bond tragen will. Peping hat die Welt zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennengelernt, Gewalt kennt er in direkter, erlebter Form nur als etwas Abstraktes, als Unterhaltung in einem Hollywood-Film wie James Bond. Aber am selben Abend noch nimmt ihn sein Freund mit auf ihre „Arbeit“ und es kommt zu der Ermordung der Prostituierten, die der Film in einer beachtlichen Simulation von Echtzeit erzählt. Am Ende entlässt der Film seinen Protagonisten zurück in seine heile Welt, die immer noch heile ist, aber nicht mehr als heile wahrgenommen werden kann, denn Peping hat sich verändert.

Psychologie der Bestialität

Vordergründig ist der Mord an der Prostituierten (die wir als Zuschauer kaum kennenlernen) eine monetär motivierte. Es geht um Schulden. Auch hat die ökonomisch getimte Ermordung von ihr sicher auch einen kapitalistischen Charakter und trotzdem ist das wirtschaftsideologische System, in dem die Philippinen eingebunden sein mögen, ein nicht ausreichendes Erklärungsmotiv. Es erklärt maximal die Umstände, die zum Mord führten. Aber was in Erinnerung bleibt, ist vor allem die immense Brutalität, die an den Tag gelegt wird und die in der Welt von „Kinatay“ längst Routine ist. Und vor allem die Frage danach, wie eine Gruppe von Menschen mit so einer Alltäglichkeit die Prostituierte ermorden als sei es ein gewöhnlicher Handwerksjob. Die Psychologie ist das fehlende Element, das sich meiner Meinung nach nicht nur durch den Verweis auf Angebot und Nachfrage aufklären lässt.

Die Banalität des Bösen

Vielmehr, glaube ich, ist in „Kinatay“ das Moment entscheidend, dass Hannah Arendt die „Banalität des Bösen“ genannt hat. Arendt tat dies um die Gräuel der NS-Verbrecher zu beschreiben und stieß auf großen Widerstand, da sie damit die Nazis vermenschlichte und damit teilweise auch entschuldigte. Und natürlich hatte sie Recht damit. Die Nationalsozialisten waren allesamt Menschen, wie es auch die Figuren in Brillante Mendozas Film sind. Sie sind aber in einer psycho-sozialen Struktur aufgewachsen, die menschliches Leben relativiert hat. Und dadurch ist in der Geschichte des NS-Terrors eine interessante Eigendynamik entstanden, in der sich die Frage nach Schuld und Unschuld schwer aufschlüsseln lässt. Es stimmt ja, dass der NS-Machtapparat den Genozid an den Juden und politischen Gegnern diktiert und organisiert hat. Es stimmt auch, dass der NS-Machtapparat bewusst ein psycho-soziales Klima initiiert hat, dass man als „Gehirnwäsche“ bezeichnen möge und die deutschen Bürger zu eigenen Hass auf Juden und politische Gegner erzogen hat. Es stimmt aber nicht, dass jeder einzelne Mord exakt durch die oberste Machtinstanz des NS-Regime abgesegnet wurde. Es gab eben eine Menge chaotische Willkür; Pogrome, unangeordnete Erschießungen etc. An einem bestimmten Punkt bekam der NS-Terror also auch einen Perpetuum-Mobile-Charakter und die Frage wäre eigentlich sehr interessant, wie erfolgreich Hitler damit gewesen wäre, wenn er sein Unrecht erkannt hätte und versucht hätte, sein eigenes Werk zu stoppen.

Ein diffuses Gefühl der Legitimität

Um auf „Kinatay“ zurückzukommen, denke ich, dass hinter der Möglichkeit dieses Szenarios, samt seiner Brutalität, so etwas wie ein diffuses Gefühl der Legitimität steckt, wie es auch Nazis verspürt haben müssten, wenn sie ohne Anweisung einer oberen Instanz Morde an ziviler Bevölkerung begangen haben. Dieses Gefühl hebt andere soziale Einflüsse wie christliche Motivik oder ein durch Eltern und Freunde konstituiertes soziales Gewissen nicht vollständig aus. Der Mörder weiß immer noch des Unrechts, das er begeht. Und trotzdem wird es genug relativiert, um es zu ermöglichen. Vor allem aber wird es in ein Narrativ eingebunden. Was in der NS-Zeit das Narrativ der siegreichen arischen Rasse war, ist in „Kinatay“ womöglich das Narrativ einer sauberen und guten Arbeit. Die Mörder töten die Prostituierte nämlich aus einem guten Grund. Die Bestialität des Mordes hat einen Abschreckungscharakter, der letztendlich dafür sorgt, dass Schulden bezahlt werden und eine para-autoritäte Hierarchie aufrechterhalten werden kann. Damit muss nicht gemeint sein, dass dem definitiven Mörder, den wir in „Kinatay“ dabei zusehen können, wie er der Prostituierte den Kopf abhackt, dieses Motiv in dem Moment des Mordens vollends bewusst war. Er hatte aber meines Erachtens ein bereits erörtertes Gefühl der Legitimität und würde seine Arbeit wahrscheinlich mit einem Satz wie „Das muss halt gemacht werden.“ verteidigen.

Schlampigkeit und Plumpheit als Qualitätsbremsen

Die Zuschauer nehmen zu einhundert Prozent die Perspektive von Peping an und dadurch wird auch das Publikum auf dieselbe Weise wie Peping „getauft“, in die wirkliche Welt eingeladen und zur Partizipation gezwungen. Das Faszinierende an „Kinatay“ ist diese Beiläufigkeit, Alltäglichkeit, dieses Auffordern an Peping diese Welt als gegeben, unabänderlich und legitim wahrzunehmen. Obwohl Peping und der Zuschauer ohnehin über die Falschheit des Gesehenen Bescheid weiß, bekommt man doch ein (diffuses) Gefühl dafür, wie sich hier ein Gefühl der Rechtmäßigkeit in einer Gewohnheit des Schlechten aufweichen und zu einem neuen Gefühl von Richtigkeit werden kann. Darin liegt die Genialität von „Kinatay“. Diese ideale filmische Form verwässert Brillante Mendoza aber leider hier und da mit schlampigem Symbolismus (vor allem das titelgebende Schlachten kommt hier immer mal wieder vor und es ist einfach plump, wie hier menschliches und tieres Schlachten nebeneinander gestellt werden). Auch die Strategie der Beiläufigkeit wird immer wieder effektiv von einem laut aufdringlichen Score und mitfiebendernden Nah-Aufnahmen gebremst. Hier vergisst „Kinatay“ leider selbst, dass er nicht James Bond, sondern die Wirklichkeit sein möchte.

7/10

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