Hacksaw Ridge

Jesus im Kriegerland. Gibsons bigottes Kämpfen unter falscher Flagge.

Originaltitel: Hacksaw Ridge
Alternativtitel: Hacksaw Ridge — Die Entscheidung
Produktionsland: USA, Großbritannien
Veröffentlichungsjahr: 2016
Regie: Mel Gibson
Drehbuch: Robert Schenkkan, Andrew Knight
Produktion: David Permut, Bill Mechanic, Brian Oliver, William D. Johnson, Bruce Davey, Paul Currie, Terry Benedict
Kamera: Simon Duggan
Montage: John Gilbert
Darsteller: Andrew Garfield, Sam Worthington, Luke Bracey, Teresa Palmer, Hugo Weaving, Rachel Griffiths, Vince Vaughn, Ryan Corr
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 140 Minuten

Hacksaw Ridge spielt zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Die Vereinigten Staaten kämpfen nicht nur an der europäischen Front, sondern auch im Pazifik rund um Japan. Unter den jungen, für die Armee ausgebildeten Männern, die 1945 auf den nördlichen Teil der japanischen Insel geschickt werden, ist auch Desmond T. Doss (Andrew Garfield). Er macht sich während der Kämpfe als Sanitäter im 77. Regiment der 307. Infanterie als einer von vielen Soldaten verdient. Doch eines macht Doss zu etwas Besonderem: Er trägt keine Waffe bei sich. Auch wenn sein eigenes Leben bedroht ist, weigert er sich, das Leben eines anderen Menschen zu nehmen.
Quelle: imdb.com

Kritik:

Es ist schon kurios. Ausgerechnet 2017, im Jahr der großen Oscar-Versöhnungspolitik mit der vernachlässigten People-Of-Colour-Bevölkerung des Landes, scheint man auch dem verstoßenen Sohn Mel Gibson verziehen zu haben. Ein Mensch, der sich mit Antisemitismus, Rassismus, Homophobie und Amerikanozentrismus (trotz australischer Herkunft) nicht gerade zurückgehalten hat. Aber sein neuer Film „Hacksaw Ridge“, der immerhin die drittmeisten Nominierungen, darunter beste Regie und bester Film, aufweist, ist keinesfalls ein reumütig humanistischer Antikriegsfilm. Er ist all das, was man an Mel Gibsons Film immer schon (zurecht) bemängeln konnte, noch einmal in potenzierter Form. So gesehen ist der Film ein Opus Magnum des Mel Gibsonschen Weltbildes. Wir erleben hier eine martialische, widerlich pathetische und patriotische Geschichte des weißen Mannes, unterlegt von erzchristlichen Engelschören. Zudem ist „Hacksaw Ridge“ rein handwerklich wohl einer seiner schwächsten Filme. Mel Gibson hat eine Parodie auf sich selbst gedreht.

A true story

Nicht wie andere Filme, die angeben, der Film sei „based on a true story“, macht Mel Gibson gleich im Anfangstitel unmissverständlich klar, dass „Hacksaw Ridge“ nicht nur auf einer wahren Geschichte basiert, sondern eine ist. Ein arroganter Dogmatismus, wenn man vor allem im Weiteren darauf achtet, wie der Film inszeniert ist. Mel Gibson zeigt den Krieg als Spektakel. Mit Bildern, die an Actionfilmen erinnern. Männer, die noch aus vollem Rohr auf Gegner feuern, wenn sie gleichzeitig schwer verletzt von dem Sanitäter-Protagonisten Desmond Doss aus der Deckung gezogen werden. Körper, die herumfliegen, zerplatzen, verbrennen, im Sekundentakt. Die Heldengeschichte von Desmond Doss, der als pazifistischer Sanitäter 75 Menschenleben im Pazifikrieg rettete, mag womöglich wahr sein. Aber die Bilder von „Hacksaw Ridge“ sind es nicht. Es sind pubertäre Kriegsfantasien, denen nicht wenig Perversion anhaftet, weil sie sich an der Intensität der Gewalt ergötzen.

Billiges Handwerk

Das Geballer wirkt zudem absolut billig, weil es über keinerlei Ruhephasen oder psychologische Momente verfügt. Kaum ein Kriegsfilm häufte bisher so sehr klischeehafte Gefechtszenen an einer wie „Hacksaw Ridge“. Auch sein Budget von „nur“ 40 Millionen merkt man dem Film negativ an. Hässliche CGI-Kriegsschiffe sind eine Sache. Das größere Problem ist aber die Beliebigkeit einer Schlachtfeldstudiokulisse, die keine geografische Orientierung zulässt und somit beliebig und unglaubwürdig wird. Der Kamm, über den die Soldaten jeden Tag klettern müssen, um aufs Schlachtfeld zu gelangen, wirkt wie eine Erlebnisweltkletterwand. Das Schlachtfeld selbst hat kein Hinten und Vorne, kein Norden und Süden, nicht einmal eine erkennbare Frontlinie. Es ist eine Bühne, erbaut für Ballerei, die möglichst zu jeder Zeit aus allen Richtungen dröhnen darf.

Ein irritierender Blickwinkel

Dieser kriegstreibende Blickwinkel, der sich an Gewalt und Chaos ergötzt, ist deshalb so irritierend, da es in diesem Film um einen pazifistischen Kriegshelden geht, der eine Waffe nicht einmal berühren möchte. Prädestiniert wäre diese Geschichte für einen Film gewesen, der sich auch bildstrategisch an dem Lebenskonzept von Desmond Doss orientiert. Mehr dabei und weniger mittendrin. Mehr Interesse an optischen Momenten des Sanitätsdienstes, mehr Furcht vor der Gewalt in der kinematografischen Perspektive. Tatsächlich rebelliert aber die Optik des Films gegen seinen eigenen Protagonisten. „Hacksaw Ridge“ ist ein Macho-Gewaltgewitter. Eine Kriegsdarstellung, die nicht pazifistisch, sondern sadistisch ist.

Bigottes Kämpfen unter falscher Flagge

Man könnte diese Diskrepanz zwischen Story-Motiv und Bildbereitung als Scheitern betrachten. Tatsächlich scheint dahinter aber geradezu eine perfide Programmatik zu stehen. Denn der christliche Pazifismus von Desmond Dess wird hier ja eben nicht dazu angewandt, Krieg in Frage zu stellen. Gewalt und Verweigerung von Gewalt sollen hier als eine heilige Symbiose verstanden werden. Die US-Amerikaner müssen nicht selbst pazifistisch sein, sie müssen nur an den Pazifismus glauben. Sie müssen auch nicht christlich leben, sondern es reicht, wenn sie unter der Fahne des Christentums kämpfen. Und wenn ein einziges Individuum der USA Heldenhaftes schafft, dann strahlt das selbstredend auf eine ganze Nation nieder. Sprich: Wir können töten, so viel wir wollen, solang einer von uns eigentlich dagegen ist und wir ihn irgendwie in unsere Ideologie mit einbinden. Was Gibson hier eigentlich macht, ist es, einer falschen demokratischen Dialektik zu huldigen, die eigentlich eine Bigotterie ist. Das ist besonders traurig, da genau dies den Kern vieler Vorwürfe trifft, die man amerikanischer Außenpolitik immer wieder macht. Der Vietnamkrieg wird ja auch nicht heiliger dadurch, dass das Epizentrum der Vietnamskrieggegner, die 68er-Generation, im eigenen Land gewesen sein mag.

Beten für den amerikanischen Sieg

Wenn dann am Ende tatsächlich die amerikanische Nation siegreich aus der Schlacht hervorgeht, weil sie zuvor gebetet hat (bzw. von Doss beten lassen hat) und wir in heroisch überhöhten Bildern abermals antipazifistisches Gemetzel sehen dürfen, macht der Film seine christliche Heilsbotschaft ganz offenkundig. Ja, Desmond Doss war ein Heiliger, ein moderner Jesus und auch ein patriotischer Amerikaner. Dieser parteiische Blickwinkel ist ganz besonders dann unhumanistisch, wenn wir kurz für einige Sekunden die japanischen Soldaten sehen dürfen (oder müssen). Die Japaner werden nicht einmal wie Menschen inszeniert, ihre Bewegungen sind mechanisch bis diabolisch und erinnern sogar ein wenig an die Insekten aus „Starship Troopers„. Selbst wenn die dargestellte Bestialität der Japaner im Krieg eine historische Fundierung haben mag, ist der filmische Blickwinkel auf sie unfair, da ihr jegliche Individualität und Menschlichkeit genommen wird. Meist sehen wir sie nur Sekunden bis Milisekunden, meist dunkel beleuchtet wie Monster aus Horrorstreifen. Damit schlägt sich der Film auf die Seite jenen Zynismusses, mit dem der Pazifikkrieg tatsächlich geführt und mit dem Abwurf zweier Atombomben beendet wurde, anstatt sich ernsthaft mit einer (christlichen) pazifistischen Perspektive auseinandersetzen, wie sie sich der Film fälschlicherweise auf die Flagge geschrieben hat.

1/10

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