Fifty Shades Of Grey

Das Skandalöse liegt im Subtext: Ein antifeministischer Hausfrauenfilm.

Originaltitel: Fifty Shades Of Grey
Alternativtitel: 50 Shades Of Grey
Produktionsland: USA
Veröffentlichungsjahr: 2015
Regie: Sam Taylor-Johnson
Drehbuch: Kelly Marcel
Produktion: Michael De Luca, Dana Brunetti, E. L. James
Kamera: Seamus McGarvey
Montage: Anne V. Coates, Lisa Gunning, Debra Neil-Fisher
Musik: Danny Elfman
Darsteller: Dakota Johnson, Jamie Dornan, Eloise Mumford, Luke Grimes, Rita Ora, Victor Rasuk, Max Martini, Dylan Neal, Callum Keith Rennie, Jennifer Ehle, Marcia Gay Harden
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 125 Minuten

Während eines Interviews für ihre College-Zeitung lernt die 21-jährige Studentin Anastasia Steele (Dakota Johnson) den 27-jährigen Milliardär Christian Grey (Jamie Dornan) kennen. Nachdem sich zwischen ihr und Christian langsam eine Beziehung entwickelt, erfährt sie, dass Christian in seinem Appartement zahlreiche BDSM-Utensilien bereithält. Dort überreicht er ihr einen Vertrag, der klarstellt, dass ihre Beziehung eine rein sexuelle Form von Dominanz und Unterwerfung sein soll, und zwar ohne romantische Bindung. Ana willigt ein und begibt sich damit auf eine immer intensivere Reise ins Reich der sexuellen Praktiken.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Vorausgeschickt eine Anekdote: Ein Kumpel von mir arbeitete in einem Multiplex-Kino und durfte Popcorn und andere Leckereien in die Kinosäle bringen, bevor der Film losging (bzw. in den Pausen der Filme). Einer der Filme war natürlich „Fifty Shades Of Grey“, das große pseudo-skandalöse Kino-Ereignis des Jahres. In diesem Kinosaal sollen 90% Damen über 40 gesessen haben und der Saal soll nach Vaginalflüssigkeit förmlich gerochen haben. Mein Kumpel wurde von einer Frau sogar anzüglich angesprochen worden sein. Es scheint also nicht ganz verkehrt zu sein, diesen Film, den man ohne ein großes Geheimnis daraus zu machen, schonmal vorweg als einen filmhandwerklich absolut unterirdischen Film ausweisen kann, primär im Hinblick auf seine Zielgruppe zu analysieren. Wieso schaut man diesen Film „Fifty Shades Of Grey“? Auch wenn es zunächst als dreiste Marginalisierung vorkommen mag, diesen Film als „Film für Hausfrauen“ zu beschreiben, wird sich diese Beschreibung, wie wir sehen werden, als gar nicht so verkehrt erweisen.

Ab in die Gesprächskreise

Es ist kein Geheimnis, dass die Zusammenkunft der werten Damen im Kino kein Zufall war, sondern beispielhaft für die Zielgruppe dieses Films/Buches ist. Schon das Buch hat sprachästhetisch auf ein eher spärlich gebildetes Publikum im Alter von 30-50 abgezielt (bzw. jüngere Frauen, denen selbes Schicksal beschert ist) und ihnen handlungsärmlich eine Sadomaso-Geschichte, samt wohl kalkuliertem Skandal-Effekt, aufbereitet. Der Film von Sam Taylor-Johnson führt diese Strategie konsequent weiter. Alles, wirklich alles, an dem Film ist kommerzielles Kalkül, um eine Zielgruppe auszunehmen, die sich zu unrecht für erwachsen hält. Denn wenn wir ehrlich sind, begründet genau das den Hype von „Fifty Shades Of Grey“: Das Menschen durch das Vehikel einer seichten Liebesgeschichte (und somit einer Kompatibilität mit ihren Sehgewohnheiten) in ein Thema des Sadomasos eingeführt werden, die dieses Thema eben nicht einmal aus Büchern kennen. Und derart oberflächlich behandelt dieser Film auch ein Thema, das nur zur Erschließung eines neuen Marktpotenzials dient. Denn Sex und Fetisch wurde ja bisher in Filmen und Büchern für diese Zielgruppe in blumigen Liebesgeschichten verklausuliert und der Fantasie der Leserin überlassen. „Fifty Shades Of Grey“ macht jetzt den Schritt weiter, dieses Thema gezielt in die Gesprächskreise fallen zu lassen, wobei völlig egal ist, ob in den Betrachterinnen dieses Werks wirklich eine aggressivere, durch Nicht-Aussprache frustrierte Sexualität schlummert oder ob es sich um tatsächlich prüde Frauen handelt. Das Gespräch wird so oder so angeheizt, nichts anderes will dieser Film erreichen.

Eine Mischung aus Hausfrau und engelsgleicher Teenagerin

Und ihm sind dazu alle Mittel recht; das fängt schon bei der Charakterzeichnung an. Die Protagonist des Films ist eine 21-jährige Literaturwissenschaftsstudentin und, nein, eigentlich ist sie das auch wieder nicht. Denn sie verhält sich nicht wie eine 21-jährige, sie hat keine interessanten Macken und Jugendlichkeiten, die etwa ein Publikum im Alter der Figur ansprechen würde. Nein, sie ist eher eine Mischung aus einer engelsgleichen, zwölfjährigen Jungfrau und einer vierzigjährigen Hausfrau, die ihre Prüderie als vermeintliche Vernunft ansieht. Die Protagonistin Anastasia Steele ist also gleichermaßen Alter Ego der Zuschauerin im Jetzt, als auch — und das ist noch viel wichtiger — so etwas wie eine jüngere, vergangene Version der Zuschauerin. Sie erfüllt damit eine Funktion, Dinge nachzuerleben, die im spießigen Vorstadtleben der Zuschauerin nicht Realität wurde. Und so handelt dieser Film nicht nur von Luxus, gutem Aussehen und gesellschaftlichem Erfolg, es geht hier auch um Bildungserfolg. Anastasia ist eine Literaturstudentin und selbstverständlich auch sehr erfolgreich in ihrem Studium. Problem nur, dass für die Autorin des Buchs, sowie die Drehbuchautorin des Drehbuchs eine Literaturstudentin anscheinend nur dadurch charakterisiert ist, dass sie irgendwelche Weltliteratur-Passagen auswendig kann. Das ist ein Klischee. Glaubhafter wäre diese Figur, wenn sie irgendeinen reflektierten Zugang zu ihrem Medium hätte und man ihre Liebe zur Literatur wirklich spüren könnte. Aber sie und ihre beste Freundin Kate, die auch so ziemlich alle Stereotypen einer Beste-Freundin-Figur in sich vereint, reden niemals über Literatur oder ähnliches, auch wenn beide sogar dasselbe studieren (wenn ich das richtig verstanden habe). Aber wer in der Zielgruppe von „Fifty Shades Of Grey“ hat schon Literaturwissenschaften studiert? Eigentlich schon eine Frechheit, dass ein Buch, das die Literaturwissenschaft beleidigt und mit Füßen tritt, auf sie Bezug nimmt.

Dramatische Funktion zwischen Teeny-Schmonzette und Horrorfilm

Auch die dramatische Funktionsweise des Films ist in ihrer Schlechtheit interessant. Vordergründig ist der Film eine klassische Liebesschmonzette. Die Problematik, dass ein attraktiver, netter Mann eine Grenze übertreten will, die die Frau nicht übertreten will und sich daraus eine Tragödie ergibt, die aber schließlich mit der Kraft der Liebe überwunden werden kann, findet man genau so in jeder x-beliebigen Teenager-Romanze. Nur ist diese Grenze meistens Sex an sich, also das erste Mal. In diesem Fall ist es eben sadomasochistischer Sex, da die Zuschauerinnen mit ihren 30-50 Jahren natürlich alle schon Geschlechtsverkehr hatten. Gleichzeitig wird aber mal mehr oder weniger suggestiv auch auf den jüngeren Vergangenheits-Alter-Ego bezuggenommen, wenn Anastasia z.B. wie ein kleines Kind von ihren ersten Dates mit Christian erzählen darf. Interessant ist aber auch, dass der Film streckenweise tatsächlich nicht unähnlich eines Horrorfilms funktioniert. Die Andeutungen Christian Greys werden immer mehr und immer düsterer und es ist das Brutal-Sexuelle, vor dem die unschuldigen, prüden Zuschauer gleichzeitig Angst als auch Erregung spüren. Im Grunde ähnlich, wie es sich auch bei brutaler Gewalt gegenüber Splatterfilm-Fans verhält. Wie prüde das Publikum tatsächlich ist, zeigt sich auch daran, dass die Protagonistin lächerlicherweise wirklich Jungfrau ist, weil — Achtung! — sie bisher noch nicht den richtigen Mann gefunden hat.

Der „richtige“ Mann ist weiß und erfolgreich

Und jetzt wird der Film richtig schlimm. Denn was ist eigentlich der richtige Mann? Nun, liebe Leser, der richtige Mann ist reich, konservativ und ein Yuppie wie er im Buche steht. Er ist sportlich, gut aussehend und das Wichtigste: Er ist herrisch. Es ist ja beileibe nicht so, dass „Fifty Shades Of Grey“ nicht auch andere Mannestypen vorstellen würde. Wir haben einen soliden, freundlichen Handwerker in Anastasias Pfadfinderladen und vor allen Dingen haben wir einen reizenden, künstlerisch veranlagten Latino José, der ebenfalls um Anastasias Hand anwirbt. Aber er ist eben arm, nicht so elegant und (wirklich ideologiekritische Analysen könnten jetzt durchaus mit Recht anmerken, dass José einfach ein Latino ist und deswegen nicht für Anastasia sexuell interessant ist. Sie steht lieber auf den Archetypen eines weißen, erfolgreichen Mannes: Christian Grey). José ist jedenfalls auf gar keinen Fall der Richtige, nicht einmal zum Küssen. Über ihn wird gelacht: „Ich und José? Haha, nein, er ist ein Freund!

Keine psychosexuelle Reflexion

„Fifty Shades Of Grey“ hätte eine zumindest im Ansatz interessante Abhandlung über die Diskrepanz zwischen einem Menschen als soziales Individuum und seiner Sexualität werden können. Denn, auch wenn es natürlich psychologische Verknüpfungen zwischen Sexualität und sozialem Verhalten geben muss, ist natürlich jeder Mensch auch in einem gewissem Umfang in der Lage seine eigene Sexualität zu reflektieren und sie gesellschaftlich nicht oder kaum auszuleben. Sonst müsste man ja alle Pädophilen prinzipiell in Gefängnisse stecken.
Genau diese Reflexion bringt „Fifty Shades Of Grey“ aber genau nicht. Nein, Christian Grey ist genau derselbe herrische und konservative Mensch als soziales Wesen, wie er es auch in der Sexualität ist. Nur dass die Menschen im Film in ihm komischerweise einen netten, psychisch integren Ideal-Typus Mensch sehen. Der aufmerksame Zuschauer sieht in Christian Grey aber einfach ein riesiges, aufgeblasenes, arrogantes Arschloch, das sich Liebesbeweise nur mit materiellen Geschenken erkaufen kann (und von der Filmhandlung dafür nicht bestraft wird!). Christian Grey funktioniert als positive Bezugsperson für die Zuschauerin nur, weil er ein absolutes Sexsymbol ist.

Greys Sexualität ist erzkonservative Ideologie

Natürlich ist Sadomasochismus als Sexualität nichts Schlechtes, solang dieser auf Einvernehmlichkeit beider Seiten beruht. Aber das Problem an „Fifty Shades Of Grey“ ist eben, dass Sexualität nicht nur Sexualität, sondern auch Ideologie ist. Der herrische, konservative und unterdrückerische Typ Mann, wie er Christian Grey viel mehr außerhalb als in seinem sexuellen Folterkeller ist, wird hier zu 100% romantisch affirmiert und entschuldigt. Das Skandalöse an „Fifty Shades Of Grey“ sind nicht die tendenziös leidenschaftlich und gleichzeitig absolut prüde inszenierten Sex-Szenen (man sieht im ganzen Film kein primäres Geschlechtsteil), sondern vielmehr sein Subtext. Die Szenen, in denen unsere Protagonistin Anastasia für ihren Traum-Mann freiwillig kocht (!), wie ein Fan-Girl (!) sich seine Rede auf ihrer Bachelor-Entlassung anhört, sich von ihm im Hubschrauber anschnallen (!) lässt, ständig von Grey herumgetragen wird wie ein kleines Mädchen von ihrem Papa, oder sie ganz am Anfang der Handlung submissiv, wie eine Dreizehnjährige gegenüber ihrem Pop-Idol, ein Interview für ihre unbedeutende Studentenzeitung gegenüber seines Medium-Imperiums führt bzw. sich von ihm führen lässt. Dieser Film ist ein neo-konservativer, antifeministischer Film, der gar nicht so sehr verdeckt von einer Zurück-an-den-Herd-Ideologie schwärmt. Genau deswegen kann man „Fifty Shades Of Grey“ auch mit Fug und Recht als „Hausfrauenfilm“ beschimpfen. Das Traurige ist, dass dieser geistige, entwürdigende Abfall von einer Frau stammt.

Eine neue Schlechtheitsdimension

Und da sadomasochistischer Sex für unsere Protagonistin tendenziell kein Problem war, da er ja eh ihrem innersten Bedürfnis nach Unterdrückung durch den dominanten Mann entspricht, macht es auch wenig Sinn, dass es zum Ende zu einem Streit zwischen den beiden Liebenden kommt, ob der zu harten sexuellen Gewalt, zumal die Szene nicht brutaler oder sexuell skandalöser war als die vorherigen. Ein Film wie „Nymphomaniac„, der dieselbe Kino-Altersfreigabe erhalten hat, kann über eine solche Darstellungsweise nur lachen. Aber auch der lächerliche, unglaubwürdige Story-Bruch hat mit viel Kalkül zu tun. Denn nach 2 Stunden, zufällig exakt der Zeit des Überlängen-Kinoticket-Aufschlages, ist die Handlung erst an der obligatorischen Liebesfilm-Krise angelangt. „Fifty Shades Of Grey“ wäre also der erste mir bekannte Film, der seine klischeehaften 5-Akt-Struktur gar nicht erst zu Ende bringt, sondern schon im dritten Akt abbricht, damit er den Rest im nächsten Film erzählen kann. Ohne die Bücher gelesen zu haben, geschweige denn die Filme gesehen zu haben (der nächste Teil soll 2016 erscheinen), sage ich einfach mal voraus, dass sich die beiden vertragen werden und sich Anastasia auf seine herrische Sexualität/Ideologie vollends einlassen wird? Oder irgendwie so etwas ähnliches. Ähnlich beschissenes.

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