Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Behinderung als Komplikation zwischen geistiger und körperlicher sexueller Reife.

Originaltitel: Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern
Produktionsland: Schweiz, Deutschland, Österreich
Veröffentlichungsjahr: 2015
Regie: Stina Werenfels
Drehbuch: Stina Werenfels, Boris Treyer (nach einem Theaterstück von Lukas Bärfus)
Produktion: Karin Koch, Samir
Kamera: Lukas Strebel
Montage: Jann Anderegg
Darsteller: Victoria Schulz, Lars Eidinger, Jenny Schily, Inga Busch, Teresa Harder, Hildegard Schroedter
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 92 Minuten

Dora (Victoria Schulz) ist 18 und leidet unter einer geistigen Behinderung. Sie nimmt starke Medikamente, die sie jedoch in einen zunehmend apathischen Zustand versetzen. Deshalb beschließen ihre Eltern Kristin (Jenny Schily) und Felix (Urs Jucker), die Pillen abzusetzen, um ihrer Tochter ein normales Leben zu ermöglichen. Als Konsequenz setzt bei Dora nun, reichlich verspätet, die Pubertät ein. Auf einmal hat die 18-Jährige ein übermäßiges Interesse an der Sexualität. Ihre Eltern begrüßen das sichtbare Aufleben ihrer Tochter sehr und beschließen, ein zweites Kind zu bekommen. Währenddessen muss Dora allerdings feststellen, dass ihre Behinderung einer normalen Beziehung Steine in den Weg legt. Gerade wenn sie Paare trifft, spürt sie ihre eigene Einsamkeit. Doch dann begegnet sie Peter (Lars Eidinger), der auf einer Bahnhofstoilette Sex mit ihr hat. Ziemlich durcheinander wird Dora später von der Polizei gefunden, doch während ihre Eltern eine Vergewaltigung vermuten, beharrt Dora darauf, dass ihr der Geschlechtsakt gefallen hat. Verkompliziert wird die Situation zusätzlich, als sich kurze Zeit später herausstellt, dass Dora schwanger ist.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

„Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ hat nicht nur einen der längsten und wirrsten Titeln im Kinojahr 2015, sondern auch eine der interessantesten Prämissen. Eine geistig Behinderte, eindeutig auf dem geistigen Niveau einer jüngeren Grundschülerin, aber eben schon 18 Jahre alt und vor dem Gesetz mündig, entdeckt hier ihre Sexualität und wird von einem älteren Mann sexuell ausgenutzt. Das Thema Behinderung und Sex steht hier im Grunde weniger spezifisch im Fokus als eine mutige Reflexion über die Frage von geistiger und körperlicher sexueller Reife. Glücklicherweise findet Stina Werenfels einen filmischen Stil, der ebenso erwachsen daherkommt, wie ihr Topic. Naturalistische Nacktheit und unverblümte Sprache gehören ihr zum selbstverständlichen Repertoire und sorgen dafür, dass sich der Film vom deutschen Einheitsbrei ähnlicher Problemfilme (z.B. „Die Liebe der Kinder“) abhebt.

Fokus auf geistige Sexualität

Sexualität wird primär als rein körperliches Phänomen wahrgenommen. „Dora“ fokussiert sich aber auf den geistigen Aspekt der Sexualität, der sich eher im Bereich einer Moralfrage, denn einer biologischen Notwendigkeit bewegt (denn Tiere sind ja auch zu Sexualität in der Lage und dürften in der Regel nicht an die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen wie Dora herankommen, auch wenn diese geistig behindert ist und auch wenn der Vergleich an sich schon schwierig ist). Wenn sich also ein mündiger, erwachsener Mann wie Peter in diesem Film an Dora heranmacht und ihre sexuelle Unerfahrenheit ausnutzt, ist das nicht nur ein Kommentar auf den Spezialfall, den der Film denotativ thematisiert, sondern spielt auch auf Sexualakte von Minderjährigen an, die biologisch, aber eben (vermeintlich) geistig noch keine sexuelle Reife aufweisen. Anders als Alex Garlands „Ex Machina„, indem eine künstliche Intelligenz die Sexualität „von außen“ entdecken und verstehen lernt und dies eben durch kognitive Kapazitäten tut, geht es in „Dora“ um genau das Gegenteil. Die Entdeckung der Sexualität „von innen“ durch reines, körperliches, unkognititves Begehren. Der Film tut sich aber insgesamt gut daran, Fragen aufzuwerfen (und das mit wirklich beeindruckendem Nachdruck), sie aber letztendlich doch nicht so wirklich beantworten zu wollen. Denn schwierig sind diese Fragen allemal.

POVs als Anmaßung

Schwierig und meiner Ansicht nach auch falsch ist zudem die ästhetische Entscheidung, Doras Perspektive mit unscharfen POV-Shots zu zeigen. Zum einen, da dieser POV-Aspekt ohnehin kaum konsequent verfolgt wird, zum anderen, da der Unschärfe-Effekt sich über die Integrität ihrer Figur erhebt. Dass Dora vermutlich eine beschränkte Wahrnehmung haben wird, ergibt sich auch ausreichend auf der externen Narration, aber hineinschauen kann Regisseurin Stine Werenfels in solche Menschen trotzdem nicht, was sie sich aber mit dieser Designentscheidung anmaßt. Insgesamt wirkt das Filmhandwerk aber routiniert und überzeugt vor allem in Momenten großer sexueller Intimität, in denen Werenfels nicht wegschaut, sondern Interesse offenbart, eine realistische Inszenierung von Sex zu gewährleisten. Hier muss man auch klar konstatieren, dass diese Theater-Adaption wirklich legitim und vielleicht sogar notwendig auf Zelluloid gehört, denn wenn man es nicht besser wüsste, würde man das Drama für eines für den Film geschriebenes halten, so selbstverständlich wirken hier die Möglichkeiten filmischer Mittel.

Ein reicher Schnösel namens Peter

Am großen Story-Sprung, dem Schwangerwerden Doras, zeigt sich nun die Dimensionalität und Qualität der ambitionierten Figurenkonzeption dieser Theaterstück-Inszenierung. Der größte und gar potenziell epische Konflikt zeigt sich in der Mutter. Diese wünscht sich nichts sehnlicher als ein gesundes Kind und scheint es dann ausgerechnet von der behinderten Tochter als Enkelkind geboren zu bekommen. Werenfels ist interessiert, diese theatralisch-große Problemstellung in ihrer Sprengkraft zu verringern, ihr psychologische Feinheiten und Widersprüchlichkeiten zu geben. So zeigt sie die Mutter nicht nur als Eifersüchtige, sondern eben auch als rührend liebende Mutter. Ähnlicher Vorgang beim Antagonisten, den reichen Schnösel Peter, der Dora zunächst anscheinend als eine Art Sexsklavin hält, aber im Verlauf des Films immerhin einmal glaubwürdig moralische Bedenken an seinem Handeln (bzw. an dem seines Freundes bei einer Gruppensexszene) äußern darf. Auf dem Papier sind das also Figuren, die um eine Tiefe bemüht sind, diese allerdings nicht durchgehend erreichen. Die Figur Peter wird zwar durch den einen moralischen Charakter-Wandel davor bewahrt, komplette Schablone zu sein, trotzdem ist Peter kurz davor eine Schablone zu sein, denn seine Figur ist derart unsympathisch, dass hier auch Glaubwürdigkeit verloren geht (Welches Interesse hat dieser Mann daran, eine Frau wissentlich zu schwängern?) Vieles wirkt nur angerissen und dadurch recht flach. Warum z.B. ist Peter überhaupt reich? Was macht er? Für eine so wichtige antagonistische Figur mit so einem geringen sozialen Einfühlvermögen wäre diese Information wichtig gewesen.

„Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ ist letztlich dennoch ein sehenswerter, beeindruckend kompromissloser und gewagter Film. Er lässt sich mit Mitteln der Psychoanalyse wunderbar analysieren. Ist nicht Dora ein Kind mit den Mechanismen der freudschen infantilen Sexualität? Nur dass sie eben körperliches Verlangen im Gegensatz zum biologischen Kind spüren kann? Was passiert also? Masturbation zur Gute-Nacht-Geschichte, Zungenkussversuch mit dem eigenen Vater und eine Mutter, die auf körperliche Vitalität der Tochter eifersüchtig ist. Freud hätte dieser Film sicherlich nicht kaltgelassen.

6/10

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