Der Spiegel
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Das Reich jenseits des Spiegels als filmisches Paradies.

Originaltitel: Зеркало (Serkalo)
Produktionsland: Sowjetunion
Veröffentlichungsjahr: 1975
Regie: Iwan Tarkowskij
Drehbuch: Iwan Tarkowskij
Produktion: Erik Waisberg
Kamera: Georgi Rerberg
Montage: Ljudmila Feiginowa
Musik: Eduard Artemjew
Darsteller: Margarita Terechowa, Ignat Danilzew, Anatoli Solonizyn, Alla Demidowa, Nikolai Grinko, Oleg Jankowski, Filipp Jankowski u.A.
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 108 Minuten

Der Film erzählt in assoziativer Form eine autobiografische Geschichte, die 1930 beginnt und bis in die späten 70er Jahre reicht. Der Protagonist ist ein Mann in den Vierzigern, der Bilanz ziehen will über sein bisheriges Leben. Er versucht zu begreifen, was es an Wertvollem gab und gibt. Es werden nebeneinander drei Geschichten erzählt: Die erste beinhaltet Kindheitserinnerungen, die zweite Chroniken historischer Ereignisse, die unter einem sehr persönlichen Blickwinkel betrachtet werden, und die dritte philosophische Überlegungen, die schließlich eine Synthese des Gezeigten bilden. Das Ereignis ist ein verwirrend vielschichtiger Film, dessen poetisch-traumhafte Bilderwelt dem Zuschauer noch lange im Gedächtnis bleibt. Ein Bekenntnis, nannte der sowjetische Regisseur Andrej Tarkowskij seinen vierten Film. Er erzählt von seiner Mutter, seiner Kindheit und Jugend vor und während der Jahre des Großen Krieges. “Der Spiegel” ist der am stärksten autobiografisch geprägte Film Tarkowskijs, ein verschachteltes, verschlüsseltes Werk, in dem sein Konzept vom “Film als Bildhauerei aus Zeit” am deutlichsten wird.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Vorausgeschickt die Warnung, dass man meiner Meinung nach über “Der Spiegel” schreiben sollte, wie es auch Tarkowskij in seinem Film in kinematografischer Schrift tat. Nämlich mit Gedanken, die vielleicht unfertig, vielleicht aber auch gar formvollendet, jedenfalls freie, umherkreisende, lose Gedanken sind. Ich will deshalb schreiben und was ich schrieb nicht mehr nachträglich verändern, auch wenn ich mich wiederholen oder gedankliche Sackgassen betreten sollte.

Vor Andrej Tarkowskijs “Der Spiegel”, manche würden ihn gar als Kernwerk des russischen Filmemachers bezeichnen, kapitulieren viele Verehrer ebenso wie Gegner bereits beim Versuch den Film in Worte zu fassen. Noch schwieriger ist es bei einer denotativen Synopsis des Werks, denn “Der Spiegel” ist ein höchst subjektivistischer Rausch der Bild- und Zeitebenen, bei dem jede dramatische Konvention zerschmettert wird. Und solches was davon übrig bleibt, kann man nur als Ultrakunst oder selbstverliebte Prätention bezeichnen. Während ich bei meiner ersten Sichtung des Films noch zur Ablehnung neigte, hatte ich beim zweiten Mal (und mit Kenntnis anderer Filme Tarkowkskijs) nicht nur einen positiveren, sondern sogar einen halbwegs klaren Blick auf diesen Film. Habe ich „Der Spiegel“ tatsächlich verstanden?

Eine Tarkowskijsche Autobiografie

Die Handlung von “Der Spiegel” beschreibt das Leben eines Mannes (der Schauspieler hierfür bleibt ungezeigt, wir hören nur eine Stimme), der in der Sowjetunion lebt und sich von seiner Frau trennt, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat. Bestimmte Details weisen daraufhin, dass der Film in der damals gegenwärtigen Sowjetunion spielt. Zum Beispiel die zeitlichen Relationen zu den Flashbacks in die Kindheit des Protagonisten, sowie in das frühere Leben seiner Mutter, die im Stalinismus vor und nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt sind. Erzählt werden einige Fragmente, so etwa der Beruf der Mutter als Druckerin, das Abbrennen einer Scheune der Familie oder die Ausbildung der Kinder in einer Militärschulung.

Jedoch verengt die Erzählweise des Films aus der Ich-Perspektive das Gezeigte in eine klar subjektivierte Perspektive, mit einem Stream of Consciousness vergleichbar. Weswegen all das, was „Der Spiegel“ erzählerisch aufstellt, hinterfragbar sein muss und eventuell auf etwas ganz anderes, außerhalb der Bilder liegendes verweist. Und die naheliegendste Interpretation dieser Meta-Filmebene ist das Leben des Regisseurs, Andrej Tarkowksijs, selbst. „Der Spiegel“ vermittelt uns also eine Selbstreflexion mit den Mitteln der eigenen Kunst. Und ist im Grunde natürlich jedes Werk eines Künstlers (vor allem in Künsten, bei denen ein Werk möglichst eigenständig ist) eine Selbstreflexion, so ist “Der Spiegel” eine besonders konsequente. Eine Selbstreflexion, die noch das genuine selbstreflexive Moment der Filmkunst mitdenkt und in jedem Element dieser Kunst das Reflexive betont. Allein schon im Filmtitel ist es zu finden: Der Spiegel.

Überall Spiegeloberflächen

Auch der Spiegel als (narratives) Objekt befindet sich im Film in auffallender und bei jeder Sichtung scheinbar wachsender Anzahl. Hierzu sind auch unbedingt Nicht-Spiegel mit Spiegel-Funktion zu zählen, wie es in Tarkowskijs Film z.B. eine lackierte Tischplatte oder ein Fenster sind. Auch im historischen Found-Footage-Material gibt es (mindestens) eine Einstellung, in der ein Spiegel vorkommt. Der Film macht also mit der Auswahl seiner Objekte seinen Titel manifest, aber wer oder was in den jeweiligen Einstellungen gespiegelt wird ist unterschiedlich und verstärkt die Opazität der Lesbarkeit. Manchmal ist der Spiegel als Objekt per se vorhanden, als ein Spiegel, der nichts spiegelt und nur als autonomes Objekt behandelt wird. So z.B. in einer Einstellung, in der er unter glimmender Glut verbrennt oder in einem Found-Footage-Einsprengsel, in der er von Menschen (vermutlich im spanischen Bürgerkrieg) getragen wird. Dann wird der Spiegel auch als ein spielerisches Mittel der kinematografischen Gestaltung verwendet, wie etwa in einer der ganz sicher brillantesten Plansequenzen der Filmgeschichte als die Scheune auf dem Anwesen der Mutter brennt und wir dieses Ereignis zunächst gespiegelt und erst dann im direkten Schuss der Kamera sehen können. Schließlich spiegelt er natürlich verschiedenste Figuren, vor allem solche, mit denen der Protagonist Alexej in einem Verhältnis der Identifikation steht, z.B. seiner Mutter, seinem Sohn usw. Nie aber sehen wir den Protagonisten als erwachsenen und somit gegenwärtigen Ich-Erzähler der Geschichte (solang man bei diesem Bewusstseins- und Bilderstrom noch von erzählen sprechen kann).

Ein Guss der subjektiven Empfindsamkeit

In “Der Spiegel” verschmilzt kunstvoll Dramaturgie, Audiovisuelles und das Spiel seiner Figuren zu einem Guss der subjektiven Empfindsamkeit. Aber wer oder was dieses erzählende Subjekt des Films ist, lässt sich relativ klar und stichhaltig interpretieren (auch wenn es bei der Uneindeutigkeit des Films dennoch bei einer Interpretation bleiben muss). Das erste Mal als wir den Protagonisten Alexej aus der Ich-Perspektive erleben wie er mit seiner Mutter telefoniert, ist eines der ersten Elemente, die wir in der Wohnung des Protagonisten sehen ein großes, internationales Poster des Tarkowskij-Films “Andrej Rubljow”, der zwar nicht definitiv der Vorgänger-Film vor “Der Spiegel” war (sondern “Solaris”), von Tarkowksij aber ursprünglich als solchen vorgesehen war. Alexej ist also eine Minimalvariation von „Andrej“, also des Regisseurs Tarkowskij selbst, samt autobiografischer Überschneidungen. Allgemeinwissen über russische Namenskultur ist hier aber anzuraten, denn das mit dem kleinen Jungen, der im Film „Aljoscha“ gerufen wird, derselbe Mensch wie “Alexej” gemeint ist, verstehen vielleicht Menschen, die schon einmal Dostojewski gelesen haben, aber nicht unbedingt jeder Zuschauer beim ersten Mal.

Eine (freudianische) Selbsttherapie

Das Besondere an “Der Spiegel” als ein autobiografischer Film ist nun, dass er nie dazu neigt, aus dem eigenen Leben bzw. bestimmten Abschnitten desselben eine Geschichte mit Anfang und Ende, einer Logik oder Moral zu machen, sondern stattdessen ist “Der Spiegel” eine Art Selbsttherapie. Ein Film, der einfach das zu visualisieren scheint, was da irgendwo im Innenleben des Autoren vor sich hin lebt. Und als solches ist er wohl um einiges intimer und ehrlicher als ein klassischer Autobiografie-Film des Weltkinos wie “Sie küssten und sie schlugen ihn” oder “This Is England”. Die ödipal anmaßende Entscheidung Mutter und Frau von ein und derselben Schauspielerin spielen zu lassen, kann eigentlich nur von einem überzeugten Freudianer stammen. Je nachdem, ob Tarkowskij tatsächlich ein solcher war oder nicht — dazu fehlt mir das Wissen — könnte man diese Annahme also ent- oder bekräfti(ge)n. Schauspielleistungen bei diesem Film zu diskutieren, würde jedoch ins Nichts führen, denn Tarkowskij ging es offensichtlich einzig um die Motiv-Wirkung seines Casts als um eine besonders herausragende Schauspielführung (und das lässt sich wohl auch über das gesamte Werk Tarkowskijs sagen). Margarita Terechowa spielt diese entscheidende Doppelrolle der Mutter und Frau wohl einfach und einzig aufgrund der Wirkung ihres melancholischen, vom Leben erschöpften Gesichts.

Ein einziges Mal das Wort “Spiegel”

Das Wort “Spiegel” als Schlüsselbegriff kommt (abgesehen von den Titeleinblendungen) genau einmal im ganzen Film vor. In einem Gedicht von Tarkowskijs Vater Arseni Tarkowskij, der diese lyrischen Off-Kommentare höchst selbst eingesprochen hat und im Film auch von einem Schauspieler mit einem Alter Ego versehen wird. Die Gedichte sind einer der fruchtbarsten Zugänge zur Mutter Tarkowskijs; sie umkreisen diese Figur erotisierend und mythisierend und Andrej Tarkowskij schließt sich mit der Paraphrasierung durch seine lyrischen, teilweise surrealen Bilderstrecken der Wirkungsabsicht seines Vaters an. Auch für Andrej Tarkowskij ist die Mutterfigur eine erotische, madonnenhafte Projektion von Wünschen, Hoffnungen, Obsessionen usw. Hierzu zitiere ich aus dem Gedicht von Arseni Tarkowksij, in der das einzige Mal das Wort “Spiegel” auftritt:

Du kamst die Treppe runter,
Und führtest mich durch nasse Fliedersträuche
In dein Reich jenseits des Spiegels.
Als die Nacht kam,
wurde mir Gnade erwiesen.
Die heilige Pforte öffnete sich
und drüben in der Dunkelheit
erschien dein nackter Körper.
Und morgens flüsterte ich:
“Sei gesegnet!”

Ein ewiger Kreislauf der Natur

“Das Reich jenseits des Spiegels”, also einer Überwindung des bloßen Ichs bzw. dem Zwang mit dem eigenen, unvollständigen Ich konfrontiert zu sein (Spiegelbild), kann natürlich nur durch Vereinigung mit dem anderen Geschlecht gewährleistet werden. Was Tarkowskij hier im lyrischen Off-Kommentar schon früh im Film aufführt und später dann auch mit zwei sich im Gras liebenden Eltern andeutet, ist die Freudsche Ur-Szene, also die eigene Zeugung. Laut Freud hat jeder Mensch eine grundlegende, unabwendbare Fantasie vom initialen Sex der Eltern, der zur eigenen Existenz führte. Die angesprochene Erotisierung der Eltern, samt Repetition in der eigenen Beziehung (etwa durch Einsatz derselben Schauspieler für Mutter und Frau sowie Sohn und junges Ich) suggeriert das romantische Bild eines ewigen Kreislaufs der Natur. Hier ist die sehr spät auftretende Frage des Vaters an die Mutter, ob sie denn einen Sohn oder eine Tochter haben wolle, höchst interessant. Diese wird nämlich nicht beantwortet, sondern nur mit einem fröhlichen Lächeln begegnet. Diese Nicht-Beantwortung ist wie eine Metapher für Tarkowskijs Nicht-Wissen, ob seine Existenz überhaupt gewollt war, ob sie überhaupt einen Sinn, geschweige denn so etwas wie ein Telos hat.

Eine keineswegs willkürliche Trennung von Farbe und Schwarzweiß

Es ist zudem auffällig, dass Tarkowskijs Film Fragen nach der Autoren-Psyche nie offensichtlich beantwortet, dafür aber doch mitunter mit recht klaren, wenn auch nichtsdestotrotz aufregenden Symbolen und Metaphern spielt. Etwa das Motiv des Vogel-Fangens, lesbar als Versuch der Arbitrarität der Freiheit zu entkommen und diese im Symbol des Vogels einzufangen und bestimmbar zu machen. Der Kontrast zu diesem Symbol ist aber das Köpfen des domestizierten Hahns, dem sich das filmische Subjekt womöglich eine Freiheit wünscht. In einer kurzen, surrealen Einstellung sieht man den Hahn aus einem Fenster flüchten, vielleicht als unterbewusstes Motiv einer Umkehrung seiner Tötung. Ist “Der Spiegel” vielleicht auch Michael Hanekes Lieblingsfilm, weil Haneke nach eigener Aussage mit dem Köpfen eines Hahns das exakt selbe Kindheitstrauma durchlitt wie es auch das filmische Subjekt in “Der Spiegel” tut?

Der Einsatz von Schwarz-Weiß und Farb-Einstellungen erscheint meiner Ansicht nach nur auf den ersten Blick willkürlich. Denn bei genauerem Hinsehen bemerkt man den eklatant angehobenen Grad an mystischen, sowie un- bis surrealistischen Elementen in den schwarz-weiß fotografierten Szenen. Zudem ist die Episode der Mutter in der stalinistischen Druckerei in Farblosigkeit gehalten. Während die in warmen Farben präsentierten Einstellungen für mich bildhafte Erinnerungen, sowie reale Gegenwart präsentieren, stehen die schwarz-weißen Szenen für unterbewusste, verzerrte psychische Prozesse. Ängste, Hoffnungen, Wünsche und im Falle der Druckerei Interpretationen von Nicht-Erlebten. Das Grau des Traumartig-Surrealen ist ein tiefer Fundus psychonanalytischer Symbole und Identifikationen. So steht der Enkelsohn der Mutter vor einem Spiegel mit einer Vase Milch, so als habe er sich in einem Lacanschen Moment selbst als abhängig von der Muttermilch, also sinnbildlich des Schoßes der Mutter entdeckt. Aber stattdessen, dass der Film triumphal mit einem Spiegel (und etwa der finalen Selbsterkenntnis Alexejs) endet, wie es sicherlich viele andere Regisseure einschließlich Kubrick täten, verschwindet in „Der Spiegel“ die Kamera langsam im Dunkel des Waldes, sinnbildlich zurückfließend ins Dickicht des Unterbewussten.

Schlusswort: Ein Aufruf an Filmemacher

Noch viel mehr als jeder Cinephile, sollte dieser Film von jedem Cineasten angesehen werden. Nach jeder Sichtung von “Der Spiegel” werden Muster und festgefahrene Vorstellungen, wie man einen Film zu machen hat, auf Null gestellt, wie eine gleichzeitig affektive wie intellektuelle Reinigung. Vermutlich scheitert der Versuch kläglich, einen zweiten Film wie „Der Spiegel“ zu machen, seinen Flow zu kopieren. Zu versuchen, auf dieselbe Weise Lyrisches, Dramatisches, originäre Bildgewalt und intime Selbstreflexionen in Einklang zu vermengen. Doch erinnert uns der Film immer wieder (und jedes Mal ein bisschen mehr), dass schöpferische Einzigartigkeit möglich und ihr stetiger Versuch dringlich notwendig ist. Das Reich jenseits des Spiegels ist filmisches Paradies.

10/10

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