Citizen Kane

Mythisierung durch Verfremdung.

Originaltitel: Citizen Kane
Produktionsland: USA
Veröffentlichungsjahr: 1941
Regie: Orson Welles
Drehbuch: Orson Welles, Herman J. Mankiewicz
Produktion: Orson Welles
Kamera: Gregg Toland
Montage: Robert Wise
Musik: Bernard Herrmann
Darsteller: Orson Welles, Joseph Cotten, Dorothy Comingore, Agnes Moorehead, Ruth Warrick, Ray Collins
Laufzeit: 119 Minuten

Charles Foster Kane (Orson Welles) – so heißt der ehrgeizige junge Medienzar der zwanziger Jahre in Amerika. Als vielfacher Millionär herrscht er Jahrzehnte lang über unzählige Zeitungen und Radiostationen. Der Erfolg ist es jedoch auch, der ihn mit der Zeit zu einem korrupten und machtgierigen Menschen macht. Verlassen von allen Freunden endet er schließlich in der völligen Einsamkeit seines geheimnisvollen Anwesens Xanadu. “Rosebud” ist das letzte Wort auf seinen Lippen, bevor er stirbt. Ein Journalist verfolgt die Spur dieses Rätsels und deckt bei seiner Recherche ein faszinierendens Leben auf.
Quelle: Moviepilot.de

Replik:
(ursprünglich erschienen als Post
im mittlerweile inaktiven Filmtiefen.de-Forum, 26.03.2013)

Meiner Meinung nach genießt dieser Film zu Recht seinen gigantischen Ruf in der Filmwelt; neben den handwerklichen Nova und dem Pionierstatus im Autorenfilm finde ich vor allem die Erzählweise bis heute noch beeindruckend. Gerade dass die Figur Charles Foster Kane so unnahbar ist, keine emotionale Teilhabe zulässt, was ja generell dem Film als einzige Schwäche vorgehalten wird, gefiel mir. Wie Welles beabsichtigte, steht die Rolle des fast-anonymen Researchers, der sich auf die Suche der Bedeutung des Wortes „Rosebud“ macht, stellvertretend für die Rolle des Zuschauers. Wir wissen wer Charles Foster Kane war, was er gemacht hat, wie seine Karriere verlief, später auch wie sein Privatleben verlief, wir wissen aber nicht, was seine Beweggründe waren, warum er so gehandelt hat, was seine Leitmotive seines unverhofft-wohlhabenden Lebens waren.

Mythisierung durch Verfremdung

Diese Verfremdung des Protagonisten führt zu einer Mythisierung, wie sie wohl kein anderer Film ein zweites Mal so hinbekommen hat. Verstärkt durch den Lebenslauf des Kanes, der immer wieder andere Wege einzuschlagen scheint, nicht so handelt wie erwartet. Eindrucksvoll schreibt er den Verriss seines Mitarbeiters und langjährigen Begleiters Leland über seine eigene Sängerin-Frau genauso vernichtend zu Ende wie Leland ihn begann, nur um ihn anschließend zu entlassen. Solche Kniffe garantieren dem Citizen Kane mit relativ einfachen Mitteln eine interessante Tiefe, der man auf die Schliche kommen will, immer kreisend um diesen Begriff „Rosebud“, die letzten Worte die Kane sagte, bevor er starb.

„American“

Dazu legt Orson Welles immer wieder Fährten. So sei das Handeln Kanes immer durch die Suche nach Liebe motiviert, heißt es da einmal aus dem Munde seines Freundes Bernstein. Mit Geld könne er angeblich nichts anfangen, er eröffnet eine reißerische Zeitung und erfindet quasi den Boulevardjournalismus. Ist ihm wirklich etwas an radikaler Ehrlichkeit gelegen oder handelt er doch als Medienmogul, der an Ausweitung seiner Macht interessiert ist? Diese Fragen machen die Stoßrichtung des Films auch schwer einzuordnen. Allgemein meint man, der Film sei eine Abrechnung mit dem Medienmogulen William Randolph Hearst, der diesen Film nicht gutheißte und eine Hetzkampagne arrangierte. Aber ist Kane wirklich der finstere Machtbesessene, der die Vermutung eines direkten Angriffes auf Hearst zuließe? Eine frühere Drehbuchfassung des Films soll auch schlicht „American“ geheißen haben. Ist der Film vielleicht auch eine Auseinandersetzung mit der nationalen Mentalität und des American Way of Lifes an sich?

Hadern mit eigenem Schicksal (SPOILER)

Interpretation: Wie wir alle wissen ist letztendlich der Schlitten, mit dem Kane als Kind seinen neuen Ziehvater Thatcher attackiert mit der Aufschrift „Rosebud“ versehen. Der Schlitten steht stellvertretend für das Wehren des Kindes gegen den Reichtum und sein Schicksal als Agitator des Kapitalismusses. Dabei ist es schwierig zu sagen, ob der Schlitten eher dafür steht einen kindlich-ehrlichen Angriff auf die Perversion der Wirtschaft darzustellen oder, ob er einfach ein letztes Bleibenwollen im heimischen Schoß der Mutter darstellt. Eins ist für mich jedoch klar: „Rosebud“ steht für das Hadern mit dem eigenen Schicksal. Kane konnte in seiner Rolle als reicher Mann nie wirklich glücklich werden, kein Geld, keine Besitzestümer, keine Macht schienen ihm das Idyll seiner unbeschwerten Kindheit zurück geben zu können. Somit liegt die Vermutung durchaus nahe, Kane sei sein Leben lang nur auf der Suche nach Liebe und Zuneigung gewesen. Als seine zweite Frau ihn verlässt, merkt er, dass er mit keinem Kapital der Welt das Glück der Liebe aufrecht erhalten kann und klammert sich mit dem Aussprechen des Wortes „Rosebud“ an den Schlitten als Symbol einer (im Moment des Kindseins zu haben geglaubten) Chance sich seines trostlosen Schicksals erwehren zu können.

So wunderschön wie dieser Film auch sein mag, ich hätte den Film noch ein wenig anders gemacht. Was „Rosebud“ letztlich bedeutet, wird am Ende des Films aufgeklärt und somit die Möglichkeit vieler Interpretationen geschmälert. Hier wäre es vielleicht besser gewesen, mit noch mehr Fährten in verschiedene Richtungen zu arbeiten und u.A. auch den Schlitten mit der Aufschrift „Rosebud“ auftauchen zu lassen, jedoch nicht so vordergründig, wie es das Ende abspielt. So würde die Suche nach dem Wort „Rosebud“ noch über den Abspann hinaus weitergehen und ihn für mehrere Sichtungen interessant machen. Aber so revolutionär und neu der Film damals wie heute ist, war wohl ein so gewollt-unbefriedigendes Ende doch ein wenig zu gewagt für das Publikum des 40er-Hollywoods.

Die Bedeutung der Bedeutung

„Citizen Kane“ ist legendenumwoben, von ungeklärter Intention und so episch breit präsentiert, dass es auch Jahrhunderte nach Erscheinen des Films immer noch eine helle Freude sein wird, sich dieses Debüt- und Lebenswerk Orson Welles‘ anzusehen. Das Ende des Films verrät dem Zuschauer, nicht aber seinen Figuren was die Bedeutung des Wortes „Rosebud“ hat, wiederum aber auch nicht, was die Bedeutung der Bedeutung ist. Ein Film, der die vierte Wand durchbricht und dabei noch zwei drei andere Wände mit sich einreißt.

100%

Bildrechte aller verlinkten Grafiken: © RKO Radio Pictures / Mercury Productions

2 Comments

Add a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.