Beautiful Things

Ein synthetisches Film-Poem als innovative filmische Ausdrucksform.

Originaltitel: Beautiful Things
Produktionsland: Italien
Veröffentlichungsjahr: 2017
Regie: Giorgio Ferrero
Drehbuch: Giorgio Ferrero
Produktion: Federico Biasin
Kamera: Federico Biasin
Montage: Giorgio Ferrero
Musik: Giorgio Ferrero, Rodolfo Mongitore
Darsteller: Van Quattro, Danilo Tribunal, Andrea Pavoni Belli, Vito Mirizzi, Vittoria De Ferrari Sapetto, Andrea Valfré
Altersfreigabe: FSK /
Laufzeit: 94 Minuten

Eine semidokumenarische Montage aus vier Episoden: Ein Ölförderungsfeld in Texas, ein Frachtenschiff auf dem Ozean, ein schallloser Raum, eine Müllverbrennungsanlage.

Kritik:

Das Biennale-College der Filmfestspiele von Venedig lädt jedes Jahr zwölf ausgewählte Filmcrews zu Workshops nach Venedig ein, wo sie die Idee ihres Filmprojekts weiterentwickeln können. Drei der zwölf Finalisten erhalten schließlich ein Budget von 150.000€ und die Gelegenheit, einen Langspielfilm zu produzieren, der dann in Venedig seine Premiere feiert und Vertriebe auf den Film aufmerksam machen kann. Eine schöne Sache. Gar nicht so sehr wegen dem Budget, das für Spielfilmverhältnisse sehr gering ist, sondern die Tatsache, dass im Biennale College offenbar mutige Filmkonzepte gefördert und begleitet werden. Wenn man sich die drei Filme dieses Jahres anschaut, bemerkt man das ästhetisch extrem hohe Niveau, das locker mit den etablierten Nebensektionen des Festivals mithalten kann. Einer der drei diesjähjrigen Finalisten war der Film „Beautiful Things“, der für mich eine filmische Sensation darstellt. So einen Film wie „Beautiful Things“ hat es zuvor tatsächlich noch nie gegeben. Ein synthetisch-sinfonisches Film-Poem.

Ein synthetischer Film

Ein Erdölfeld in Texas. Ein Frachtschiff auf den Weiten des Ozeans. Ein schalloser Raum. Eine Müllverbrennungsanlage.
Die vier Episoden oder besser gesagt vier Akte des Filmgedichts „Beautiful Things“ schweben in einem schwindelerregenden Medium zwischen Dokumentation und Fiktion, Wahrheit und Lüge. Gleich in der ersten Episode sehen wir den Schauspieler Van Quattro als Ölfeldarbeiter. Er stellt sich unter seinem echten Namen vor, erzählt von seinen italienischen Wurzeln — vermutlich die wahre Herkunftsgeschichte Quattros — aber gleichzeitig erzählt er, dass er und sein Vater schon ihr ganzes Leben lang einsam auf dem Ölfeld vor sich hin arbeiten, was ja für die Person Van Quattro nicht stimmen kann. Laut Regisseur Giorgio Ferrero gab es ein genaues Drehbuch, dem gegenüber irritiert die gerade zu reportagenhaften Intertitel, die uns wissenswerte Fakten über die Orte verrät, die der Film betritt. Das macht „Beautiful Things“ so schwer faszinierend. Es ist ein unauthentischer, synthetischer Film, aber einer, der keiner Erwartung eine Rechnung schuldig ist. Ein Film, der mit der süßen Lüge spielt und dessen zentrales Interesse darin liegt, eine ästhetische Erfahrung zu sein. Reale Fakten, dokumentarische Beobachtungen, Laien-Darsteller, alles Elemente eines Kinos der Echtheit. Aber alles wird aufgeopfert, so geordnet wie es passt, manchmal mehr, manchmal weniger stilisiert. Im Medium Film, wo viel über Authentizität geredet wird, wagt Ferrero die Flucht in die andere Richtung, um eine filmische Form zu erzeugen, die bislang einzigartig ist. „Beautiful Things“ ist ein Polyester-Derivat von einem Film, aber — weil das irgendwie negativer klingt als es gemeint ist — er ist auch ein Kunst-Stoff.

Sinfonische Montage

Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal des Films ist aber seine Musikalität. Es ist der einzige mir bekannte Film, der als reine Tonspur immer noch funktionieren würde. Als ein experimentelles Progressive-Electronica-Album, vielleicht. Der lyrische Bildfluss ist sinfonisch der Tonmontage untergeben, jeder Ton des Films, sei es ein Ausruf einer porträtierten Figur, sei es ein metallernes Klackern, sei es das Quietschen der Ölturme, sei es die Stille selbst; alles ist zu einer perkussiven Tonkollage verbunden, die sich symbiotisch mit dem Bildfluss verbindet. Als Film-Sinfonie nimmt „Beautiful Things“ Bezug auf den Filmklassiker „Der Mann mit der Kamera“, mit dem er sich den seltenen Status eines hochgradig stilisierten Dokumentarfilms teilt, dem es mehr um eine artifizielle Komposition als um Wahrheitswiedergabe geht. Eigentlich ist Ferreros Film geradezu die Antwort auf Vertovs Film, der noch die Technologie preiste und in einen sozialistischen Utopiegedanken einbezog. Ferrero zeigt ebenso Technologie, Errungenschaften der Menschheit, aber er zeigt sie als nihilistische Schönheiten. Es gibt keine normative Schönheit mehr wie bei Vertov, die Technologie ist nicht mehr schön als Ausdruck der sozialistischen Idee, es gibt nur noch Schönheit per se. Losgelöst von allem. Eben auch von der Verantwortung nach Authentizität und Echtheit, aber auch von ethischer Wertigkeit. Es ist ja gerade das Hässliche, Giftige und Umweltzerstörerische, das in „Beautiful Things“ als ästhetische Erfahrung aufbereitet wird. „Beautiful Things“ zeigt wie (schön) die Welt ohne ein Gewissen aussieht, als Tabula Rasa rein auf seinen akustischen und optischen Ausdruck reduziert.

Letzte Szene als Fuckyou

Da passt dann auch die letzte Szene. Ein fünfter Akt eigentlich, den Ferrero entgegen vieler Ratschläge unbedingt in seinem Film haben wollte. Wir sehen ein Tanzpaar, das in einer sehr langen Plansequenz in einem Einkaufszentrum eine Choreografie tanzt, während die Beleuchtung des Shopping-Centers munter umherflackert. Diese letzte Szene ist irgendwie ein Fuckyou, es hat etwas Abgehobenes, enorm Selbszelebratives. Die Tanzchoreo und aufwendige Kamerabewegung offenbaren ihre eigene Schwierigkeit. Und gleichzeitig scheint die Szene die bisherige Struktur des Films über den Haufen zu werfen. Wie ein Hidden-Track erscheint diese Szene nach dem großen Furioso, dort wo man den Abspann erwartete, wie ein süßsaurer Bonbon. Und auf diese Weise ist diese Szene auch von geradezu genialer Konsequenz, stellt sie doch nochmal alles in Frage. Die Künstlichkeit dieser Szene und ihre kontextlose Angeberei weisen den Film ein letztes, feierliches Mal als das aus, was er ist und auch sein möchte: eine aller Verantwortung entsagte, künstliche Schönheit.

8/10

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