Wut

Laut und reißerisch hinein in die Integrationsdebatte.

Originaltitel: Wut
Alternativtitel: Can
Produktionsland: Deutschland
Veröffentlichungsjahr: 2006
Regie: Züli Aladag
Drehbuch: Max Eipp
Produktion: Christian Granderath
Kamera: Wojciech Szepel
Montage: Andreas Wodratschke, Dora Vajda
Musik: Johannes Kobilke
Darsteller: Oktay Özdemir, August Zirner, Corinna Harfouch, Robert Höller, Ralph Herforth, Demir Gökgöl, Melika Foroutan
Altersfreigabe: 12
Laufzeit: 90 Minuten

Als feinsinniger Teenager mit bildungsbürgerlichem Hintergrund ist Felix Laub für den jungen Berliner Türken Can und seine Gang ein willkommenes Opfer. Hilflos und ängstlich erträgt der Schüler Cans Schikanen, bis sein Vater Simon bemerkt, was Felix durchmacht. Angetrieben auch durch seine Frau Christa, stellt sich der angehende Universitätsprofessor schützend vor seinen Sohn – um festzustellen, dass die Sache so einfach nicht aus der Welt zu schaffen ist (…)
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

„Immigrantenkinder“ oder „Migrationshintergrund“, das sind hässliche Wörter. Umso schöner ist es, wenn die „Betroffenen“ selbst das Wort ergreifen und dabei mehr zu sagen als die Deutschen das mit ihren präziösesten Umschreibungskünsten je könnten. Im Film ist das nicht anders. Die Millieufilme mit „Migrationshintergründe“ heißen „Kurz und Schmerzlos“ (Fatih Akin), „Kardesler“ und „Dealer“ (Thomas Arslan) und neuerdings auch „Chiko“ (Özgür Yildirim). Was der Kurdischstämmige Züli Aladag 2006 jedoch mit „Wut“ schuf, unterscheidet das neue multikulturelle deutsche Kino mit seinen erfrischenden Ansätzen kein bisschen vom versteiften deutschen Integrationsdiskurs. Ein stereotypisierter TV-Thriller ohne Lösungsansätze.

Stereotypen mit Alibi-Relativierungen

Das Autorenteam um „Wut“ kalkülierten einen lauten, reißerischen Film, der sich Antworten verwehrt und lediglich auf den obligatorischen öffentlich-rechtlichen Diskussionsabend hinkonzipiert gewesen sein dürfte. Man nehme einen völlig ausgelutschten Konflikt zwischen türkischer Unterschicht und deutscher, bildungsbürgerlicher Oberschicht und pumpe ihn mit klischeehaften Drehbuchfragmenten und Stereotypen auf. Doch halt! Ganz so einfach will man es sich ja nicht machen und so ist der deutsche Familienvater natürlich kein strenger Konservativer, sondern ein liberaler Vater, der in der Freizeit auch gerne mal in den Genuss einer Cannabiszigarette kommt.

Das türkische Elternhaus ist völlig desinteressiert an einer persönlichen Note Aladags und gibt dem deutschen Zuschauer die patriarchalische Post-Anatolien-Bauernfamilie preis, die er sehen will. Dass eine solche Erziehung in der Kriminalität enden muss, ist aus dem proklamierten Gesellschaftsbild ein Selbstverständnis. Auf der Straße wird natürlich HipHop gehört, gebreakdanct, Leute angepöbelt und gefährliche Wettspiele gespielt. Ein Zustand, der nicht weiter erläutert wird oder nach Gründen für diesen Status gesucht wird. Es wird als eine selbstevidente Gegebenheit abgetan.

Unglaubwürdig und borniert

Was dem Film letztlich aber den Todesstoß gibt, ist die gnadenlose effekthascherische Überdimensionierung der Stereotype, die an sich schon abseits jeglicher Seriosität sind. Eine typisch-deutsche Film-/TV-Krankheit: Ein schauspieltechnisch alles andere als schlechter Cast baut zunächst eine glaubwürdige Atmosphäre auf, um dann von Storywendung zu Storywendung alles gnadenlos einzureißen. In „Wut“ vertickt ein primitiver Mechaniker, der mit einem Literaturprofessor befreundet ist, aber hinterrücks mit seiner Frau schläft, eine Kleinkaliberpistole an ebenjenen Literaturprofessor. Das sei mal als Beleg der Glaubwürdigkeit dieses Films in den Raum geworfen.

Unverständlich wie man diesen Film als gelungenen Integrationsbeitrag bezeichnen kann. So borniert kann nur der deutsche TV-Film-Zuschauer sein, dass er wirklich glaubt, die Manifestation des Bildes eines kriminellen, primitiven Türken, der unbelehrbar in seiner asozialen Energie ist und es nur das pessimistische Ergebnis einer Konfrontation mit alles anderem als humanistischen Charakter geben könne, wäre ein gelunger Beitrag zur Integrationsdebatte. In diesem Licht würde sogar der Integrations-Bambi für Bushido Sinn machen.

2/10

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