Wolfzeit

Ein Feuer in der Dunkelheit: Haneke spult eine Gesellschaft auf den zivilisatorischen Neubeginn zurück.

Originaltitel: Le Temps Du Loup
Produktionsland: Frankreich, Deutschland, Österreich
Veröffentlichungsjahr: 2003
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Produktion: Margaret Ménégoz, Veit Heiduschka
Kamera: Jürgen Jürges
Montage: Monika Willi, Nadine Muse
Darsteller: Isabelle Huppert, Daniel Duval, Anais Demoustier, Lucas Biscombe, Hakim Taleb, Olivier Gourmet
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 113 Minuten

Anne und ihre Familie bereiten sich auf ein Wochenende im Ferienhaus vor, als sie schockiert feststellen müssen, dass sich dort eine Flüchtlingsfamilie eingenistet hat. Es kommt schlimmer: Annes Mann wird erschossen und sie muss mit ihren Kindern fliehen. Von den Nachbarn im Dorf zurückgewiesen, von Fremden des Autos und ihres Proviants beraubt, zieht Anne mit den Kleinen durch die bedrohliche Nacht. Schließlich landen sie – wie zahllose andere Vertriebene auch – in einem Bahnhof. Ein Hoffnungsschimmer?
Quelle: Amazon.de

Kritik:

Familie Laurent besucht das Ferienhaus mit ihrem Auto. Dort hat sich eine Flüchtlingsfamilie eingenistet, die die Familie mit einem Gewehr bedroht und von ihnen Nahrungsmittel und Benzin verlangt. Erst an diesem Punkt angelangt wird dem Zuschauer klar: Die Welt, die „Wolfzeit“ zeigt, ist eine andere als die uns bekannte. Irgendetwas ist passiert. Ein Atomkrieg etwa? Eine unvorstellbare ökonomische Krise? Die Welt, der Kontinent, das Land — was auch immer — ist nicht mehr klaren Regeln unterworfen.

Die Menschen laufen marodierend umher und klauben alles zusammen, was sie finden können. Für das Warum, den Auslöser dieses sozialen Dystopias interessiert sich Hanekes Film jedoch keineswegs, es ist das Wie, was er mit Nachdruck zu zeigen gewillt ist. Umherziehende hilflose Menschen, die sich zusammen tun und doch für sich leben. Auf den Wiederaufbau von Zivilisation und Menschenrechten bedacht sind und doch von Vorurteilen und dem eigenen Egoismus immer wieder eingeholt werden.

Mensch gleich Hund gleich Wolf

Seit sie nichts mehr zu fressen und zu saufen haben (…) Sie streunern herum und sind vorsichtig geworden — hinterlistig. (…) Zwei Tage bevor ich euch getroffen habe, hat er mich gebissen (…) Weil er verrückt spielte, weil er Lust auf Fleisch hatte, was weiß ich … vielleicht hat er mir auch übel genommen, dass wir nicht genug zu fressen hatten.

Zitierte Worte beschreiben das Verhalten von Hunden in der verkommenden Welt, die „Wolfzeit“ heraufbeschwört. Es könnten aber genauso gut auch Worte über Menschen sein. Die Metapher, den Mensch zu einem umherstreunernden Hund, bzw. namensgebendem Wolf zu machen, ist der zentrale Leitfaden des Haneke-Films. Der Mensch reduziert auf seine nötigsten, animalischsten Bedürfnisse. Im Gewissenskonflikt zwischen zivilem und egoistischem Gedanken, dargestellt anhand einer sich (patriarchalisch) aufbauenden Zwecksgesellschaft und eines allein durch die Wälder streunernden Jungen, der sein eigenes Wohl so hoch postiert, dass er gar die Annäherungsversuche des jungen Laurent-Mädchens komplett auszublenden scheint.

Feuer als Leitsymbol

Hanekes Film ist auf Realismus gepolt und umkurvt mit bemerkenswerter Lässigkeit Genre-Konventionen, in die eine Endzeitgeschichte schnell abzurutschen vermag. Feuer in der Dunkelheit als mögliche Metapher für den initiativen zivilisatorischen Gedanken ist das zweite Markenzeichen des Films. Anfangs sucht die Mutter den verlorenen Sohn nur mit einer provisorischen Strohfackel in atemberaubender Dunkelheit, später kündigen Fackeln in der Ferne die Ankunft einer neuen Gruppe von Menschen an, am Ende des Films flackert ein Feuer auf den Schienen. Ein Leuchtfeuer in der Nacht, ein Hilfeschrei …

Kaum Platz für Isabelle

Technisch wie darstellerisch ist Hanekes Film grundsolide, aber eine glatte Klasse schwächer als den gewohnten, cannes-dominierenden Qualitätsstandard. Wirklich in den Vordergrund spielen kann sich nur die junge Anais Demoustier, währenddessen „die Klavierspielerin“ Isabelle Huppert zwar die Kaputtheit ihrer Figur gut visualisieren kann, aber wenig Platz hat (und von Haneke bekommt) um die völlige Verzweiflung ihrer Figur herauszustellen und den Zuschauer wirklich mit in die Ausweglosigkeit der „Wolfzeit“ zu nehmen.

Fruchtbarer Boden für Reaktionismus

Rassistische Vorurteile finden genauso fruchtbaren Boden in der sozialen Notlage der Menschen, wie den Glauben in (absurde) religiöse Erlösungsprophezeiungen. Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf — oder doch nicht? Wie vieles kann Haneke die verschiedenen Mechanismen in der Wolfsgesellschaft jedoch nur an- und nicht durchleuchten. Hier wäre mehr auch wirklich mehr gewesen. „Wolfzeit“ ist ein solider Film mit dem ein oder anderen interpretativen Zugang, dem aber rückblickend das letzte Quäntchen Konsequenz fehlt.

6/10

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