Wo Ist Coletti?

Ja, es gibt diesen Film wirklich.

Originaltitel: Wo Ist Coletti?
Produktionsland: Deutsches Reich
Veröffentlichungsjahr: 1913
Regie: Max Mack
Drehbuch: Franz von Schönthan
Produktion: Jules Greenbaum (Vitascope G.m.b.H., Berlin)
Kamera: Hermann Böttger
Darsteller: Hans Junkermann, Madge Lessing, Heinrich Peer, Anna Müller-Lincke, Hans Stock, Max Laurence, Axel Breidahl
Altersfreigabe: /
Laufzeit: 64/86 Minuten

Der bekannte Detektiv Jean Coletti hat es in nur 48 Stunden geschafft, einen Bankräuber dingfest zu machen. Da macht sich eine Berliner Zeitung wichtig und behauptet, der Mann wäre noch viel schneller erwischt worden, hätte man die ganze Bevölkerung an der Fahndung beteiligt. Um diesen Blödsinn zu widerlegen, setzt Coletti eine Belohnung von 100 000 Mark aus, wenn ihn einer der Amateurfahnder ebenfalls in 48 Stunden aufspürt. Er verbreitet massenhaft Steckbriefe und garantiert den Verfolgern, Berlin nicht zu verlassen. Er spaziert mitten durch die Stadt, besucht Kneipen und Kinos und erlebt jede Menge Abenteuer. Doch keinem von denen, die den Mund so voll genommen haben, gelingt es, ihn zu fassen und die ausgesetzte Prämie zu kassieren.
Quelle: KoKi Freiburg

Kritik:

Ja, es gibt diesen Film wirklich. Eine Internet-Recherche zu „Wo ist Coletti?“ gestaltet sich als kurzes Unterfangen mit bescheidenem Erfolg und das einzige Filmplakat, was bei Google.Bilder auffindbar ist, scheint ungarisch zu sein. Der einzige Weg, diesen Film zu sehen, ist die seltene Gelegenheit zu ergreifen, wenn das Kommunale Kino des Vertrauens diesen Film besorgt und zur Verfügung stellt, denn der Film ist nur in streng begrenzter Anzahl als Archiv-Kopie existent. Ergo: Der Film ist extrem selten. Allein deshalb sollte man also die Gelegenheit nutzen, diesen Film zu sehen, wenn sich eine solche irgendwann im Leben auftun sollte.

Ein fast verschwundener Film

„Wo ist Coletti?“ gilt als einer der ersten, wenn nicht der erste Film der deutschen Filmgeschichte überhaupt, der aus ökonomischer Sicht kein Minusgeschäft war. Zu den Anfangszeiten des Kinos schon so etwas wie ein Blockbuster. Ein großangelegtes, heiteres Komödienspiel mit allerlei bekannten Schauspielgesichtern. Obwohl der Film ein kommerzieller Erfolg und für seine Zeit durchaus ein „Kultfilm“ war, sind beinahe alle Kopien des Films verschwunden. Die Gründe dafür sind nur zu mutmaßen. Womöglich gab es in diesen Anfangsjahren der Kino-Unterhaltung keine ausreichende Infrastruktur für Filmmaterial-Archivierung, vielleicht noch nicht genug Menschen, die einen einzelnen Kinofilm als etwas Nachwelterhaltenswertes hielten. Das singularistische Kulturverständnis der Nationalsozialisten muss man in dieser Hinsicht wahrscheinlich eher freisprechen, denn Filme wie „Die Feuerzangenbowle“ hatten Jahrzehnte später einen ähnlich „hohen“ Grad an Albernheit und auch Obrigkeitsungehorsam.

Wette mit der Öffentlichkeit

Der Detektiv Coletti ist ein von sich selbst überzeugter Spitzbub. Ein gerissener Taktikfuchs, gleichzeitig ein Spielkalb, für den Zuschauer schnell ein Sympathieträger. Der Kritik der Presse, man hätte seinen letzten Fall mit Einbezug der Öffentlichkeit noch schneller lösen können, begegnet er mit einer frechen Wette gegen die Öffentlichkeit, dass es ihm gelingt, ebenso für 48 Stunden in der Millionenmetropole Berlin unterzutauchen wie es zuvor auch der von Coletti gefangene Verbrecher schaffte. Dabei spielt er ein doppeltes Spiel, da er seinen Barbier-Freund Anton noch die eigene Identität übernehmen lässt und er sich selbst fortan in verschiedensten Rollen im Großstadtdschungel in Slapstickeinlagen verpackt in der Öffentlichkeit tarnt. Das ist natürlich deutsch-albern und wäre aus heutiger Sicht bestenfalls für ein schwaches Schweighöfer-Schweiger-Drehbuch zu gebrauchen. Skripttechnisch ist das hier natürlich aus heutiger Sicht kein Wunderwerk, aber wir besprechen hier auch eine Zeit, in der Filmkunst noch Jahrmarktstradition war und den Kampf als Kunst ernst genommen zu werden, noch kaum angenommen hatte.

Thematisierung des Kino selbst

Zudem ist „Wo ist Coletti?“ ein Film über das Kino selbst. Das fängt beim Anfang an, der buchstäblich Regisseur und Drehbuchautor zeigen wie sie die Schauspielerwahl besprechen (gut, das war in den 1910er-Filmen häufiger zu beobachten). Vor allem thematisiert Max Mack die junge Kunst Kino aber unterschwellig, wenn er das Wirken seiner Figuren auf die Öffentlichkeit durch einfache Make-Up-Tricks fundamental umkrempelt, wenn seine einfache Geschichte durch absolute Rummelplatzfilmlogik weitererzählt wird oder spätestens in der Kinobesuch-Szene, die nie zu ihrem verdienten Kult gekommen ist.
Für einen Film von 1913 ein wirklich sehr unterhaltsamer, quicklebendiger Film, der leider in Vergessenheit geraten ist. Wer kein Kontakt zu Filmarchivaren oder Kommunalen Kinos hat, wird diesen Film nie sehen können. Aber vielleicht ist dieser Text ja ein klitzekleiner Teil einer Renaissance, die das digitale Zeitalter spielend leicht ermöglichen könnte.

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