Uzak — Weit

Das Pendant zu Tarkowskijs Zone: Ein Istanbul in abendländischer Winterlandschaft.

Originaltitel: Uzak
Produktionsland: Türkei
Veröffentlichungsjahr: 2003
Regie: Nuri Bilge Ceylan
Drehbuch: Nuri Bilge Ceylan
Produktion: Nuri Bilge Ceylan
Kamera: Nuri Bilge Ceylan
Montage: Ayhan Ergürsel
Musik: Ismail Karadas
Darsteller: Muzaffer Özdemir, Mehmet Emin Toprak
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 109 Minuten

Mahmut, früher ein engagierter Fotograf, verdient jetzt seinen Lebensunterhalt mit Aufnahmen für Werbekataloge. Er ist geschieden und hat kaum soziale Kontakte. Eines Tages taucht Yusuf auf, ein Verwandter aus Mahmuts Heimatstadt, die er vor Jahren verlassen hatte. Yusuf ist arbeitslos und will auf einem Schiff anheuern. Bis er einen Job findet, soll er bei Mahmut wohnen. Mahmuts kleine heile Welt, sein durchgeplanter Alltag und Ordnungswahn, verpackt in einem vermeintlichen intellektuellen Dasein, kommen durch Yusufs Anwesenheit durcheinander. Die Jobsuche stellt sich als aussichtslos heraus. Immer mehr muss Mahmut feststellen, dass Yusufs einfaches Leben und Scheitern, sein jugendliches Chaos ihm einen Spiegel vorhält.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Nuri Bilge Ceylan gehört zu den zurzeit interessantesten und erfolgreichsten europäischen Autorenfilmern. Für „Uzak – Weit“ bekam er internationale Anerkennung in Form des großen Jurypreis‘ in Cannes. Der türkische Ausnahmeregisseur liefert mit „Uzak“ nicht nur eine dramaturgische, sondern einmal mehr auch eine fotografische Glanzleistung.

Andrej Tarkowskijs „Stalker“

„Uzak — Weit“

Symbole des politischen Kontexts

Die Cousins Yusuf und Mahmut könnten unterschiedlicher nicht sein und stellen eine bipolare Figurenkonstellation heraus: Klare Pro- oder Antagonisten gibt es in „Uzak“ nicht, vielmehr zeigt Ceylan beide Figuren als Symbole ihrers politischen Kontextes. Die wunderschön anzusehenden Bilder, in denen der Film erzählt werden, avancieren somit zum eigentlichen Protagonisten.
Yusuf steht stellvertretend für die ländliche, religiös geprägte und konservative Bevölkerung der Türkei, Mahmut hingegen für eine urbane, weltliche, laizistische und aufgeklärte Bevölkerung. Natürlich ist die türkische Bevölkerung als Ganzes so differenziert und wenig auf ihre Herkunft reduzierbar, dass Ceylan klug seine naturalistische, wenig aufdringliche Erzähl- und Charakterisierweise nutzt um die Figuren den jeweiligen „Polen“ zuzuordnen. Der Zuschauer begreift die Figuren weniger durch Dialog und Diskussion miteinander und vielmehr durch Verhalten und Interaktion mit der so europäischen Großstadt (wunderschön metaphorisiert: Ein Istanbul in abendländischer Winterlandschaft).

Familie und Fotografie

Typisch für Ceylans Schaffen ist es, ein möglichst kleines Drehteam und Schauspieler aus Freundes- und Familienkreisen zu wählen. So ist auch „Uzak“ großenteils mit Laiendarstellern besetzt, die man bereits aus den ersten beiden Nuri Bilge Ceylan-Filmen „Kasaba – Die Kleinstadt“ und „Bedrängnis im Mai“, kennt. Diese machen einen hervorragenden Job und tragen viel zur funktionierenden Atmosphäre des Films bei. Der kurz nach Drehende verstorbene Mehmet Emin Toprak, sowie sein Gegenüber Muzaffer Özdemir wurden für ihre Leistungen in Cannes als beste Hauptdarsteller geadelt.
Dreh- und Angelpunkt des Erfolgs von „Uzak“ stellt jedoch die atemberaubende Kameraarbeit dar. Ein winterliches Istanbul, das unglaublich detailverliebt und bedeutungsschwanger in Szene gesetzt wurde. Marode Schiffsleichen am Hafen oder Minarette die mit rauchenden Industrieschloten kontrastiert werden sind nur einige wenige Höhepunkte, die man in den 109 Minuten, die klar ihre Liebe zur Fotografie bekennen, erleben darf.

Der Urbane als Sklave?

Mahmut, ist selbst Fotograf, kann aber aus seiner künstlerischen Tätigkeit keine deutliche Lebensfreude beziehen. Ist es etwa der urbane Lifestyle, der ihn von Aufträgen abhängig und zu einem Sklaven macht? Sein Gegenüber Yusuf hingegen scheitert in der Metropole Istanbul auf andere Weise. Seine ländlich-konservative Attitüde macht sich z.B. in seinem unfähigen Verhalten gegenüber Frauen deutlich bemerkbar, trotz all ihrer Makel bleiben Ceylans Figuren stets nahbar und nachvollziehbar.

Wie Tarkowskijs Zone

„Uzak“ erinnert nicht selten an die Werke Andrej Tarkowskijs, vor allem die Winterlandschaften erinnern an Tarkowskijs „Stalker“ (siehe Bilder). Auch inhaltlich lässt sich eine Schnittmenge auffinden, erzählt er doch die Geschichte von Individuen, die von inneren Wünschen getrieben sind und ihre Erfüllung an einem bestimmten Ort zu finden glauben. Istanbul ist in diesem Fall das Pendant zur „Zone“. Vor allem Yusuf kommt mit falschen Hoffnungen (und vielleicht auch falschen Wünschen?) nach Istanbul, die er dort nicht befriedigen kann.

Eine direkte Message verbietet sich „Uzak – Weit“, provoziert aber gekonnt eine Reflexion über die verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen in der Türkei. Der Konflikt zwischen ländlicher und städtischer Lebensweise drängt sich dem Zuschauer förmlich auf. Dabei kann sich der Regisseur ganz auf seine Laiendarsteller und sein großartiges Kameratalent verlassen, die diesem Film viel Platz für Interpretationsspielereien verleihen.

9/10

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