Underdog

Kinderfilm, Sozialdrama und Horrorfilm. Ein verstörender Mashup im Hundepelz.

Originaltitel: Fehér isten
Alternativtitel: White God
Produktionsland: Ungarn
Veröffentlichungsjahr: 2014
Regie: Kornél Mundruczó
Drehbuch: Kornél Mundruczó, Viktória Petrányi
Produktion: Viktória Petrányi, Eszter Gyárfás
Kamera: Marcell Rév
Montage: Dávid Jancsó
Musik: Asher Goldschmidt
Darsteller: Zsófia Psotta, Sándor Zsótér, Lili Horváth, Lili Monori, Gergely Bánki, Tamás Polgár, Kornél Mundruczó, Ervin Nagy, Erika Bodnár
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 121 Minuten

Underdog erzählt von den Missgeschicken eines Mädchens und ihrem besten Freund, einem Hund, in einer Welt von Gewinnern und Verlierern, in der die Abstammung ein entscheidender Faktor ist. Es fängt damit an, dass in Ungarn eine hohe Steuer für Mischlings-Hund erhoben wird: Das Gesetz soll die Zucht von Rasse-Hunden fördern, führt jedoch zum vermehrten Aussetzen der ungewollten Vierbeiner. Auf diese Weise verliert auch Lili (Zsófia Psotta) ihren geliebten Mischlingshund Hagen. Der schließt sich in seiner unfreiwilligen Freiheit einem Rudel Straßen-Streuner an, die Tierheimen und Hundefängern den Kampf ansagen. Doch das Mädchen will sich mit der Trennung nicht abfinden …
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

„Underdog“ ist ab zwölf Jahren freigegeben. Stellen wir uns mal vor, ein zwölfjähriges Mädchen fühlt sich von der Geschichte des Films angezogen und will ihn sich im Kino anschauen. Im Film sucht ein ebenso zwölfjähriges Mädchen ihren Hund in der ganzen Stadt, den sie vorher verloren hat. Zugegeben: Das ist trotz der erzählten Geschichte unwahrscheinlich, denn dieser Film ist ein ungarischer Kunstfilm, der in der Un-Certain-Regard-Sektion in Cannes 2014 lief und unverkennbare politische Untertöne hat. Dass sich also ein zwölfjähriges Mädchen freiwillig in den „Underdog“-Kinosaal verirrt, kann man sich kaum vorstellen. Es wäre aber eine sehr interessante Perspektive auf Kornél Mundruczós Film, der storytechnisch genau dieselbe kindliche Geschichte abspult, wie sie z.B. „Garfield — Der Film“ schon ganz ähnlich erzählt hat. Nur eben anders. Ganz anders. „Underdog“ ist ein Kinderfilm nur insoweit, dass er wie ein gemeinsam gezeugtes Kind, ein Bastard, von einem politischen Sozialdrama als Mutter und einem surrealistischem Horrorfilm als Vater daherkommt.

Mit einer Zwölfjährigen im Kino

Bleiben wir bei dem zwölfjährigen Mädchen, das ins Kino geht. Sie sieht ein ebenso zwölfjähriges Mädchen namens Lili, die einen Hund namens Hagen hat. Ihr Hobby bzw. womöglich auch ihr berufliches Ziel ist das einer Musikern, sie spielt Trompete in einem Orchester. Ihre Eltern leben getrennt und und sie muss zu ihrem Vater ziehen, zu dem sie ein eher distanziertes Verhältnis hat. Ihr Vater hasst den Hund an sich bereits und sieht sich auch noch damit konfrontiert, dass dieser Hund überall unerwünscht ist. Im Orchester stört er, als Mischlingshund entspricht er nicht dem Idealbild des ungarischen Hundes, welches gestärkt werden soll und aus diesem Grund muss der Vater auch eine hohe Hunde-Steuer für den Hund entrichten. Er wirft den Hund danach einfach raus und fortan sehen wir neben dem Leben Lilis, wie sie langsam erwachsen wird und sich beginnt für Jungs zu interessieren, immer wieder den Hund auf seiner Odyssee durch die Straßen Budapests.

Hundefilm mit Disney-Gaze

Das zwölfjährige Mädchen im Kinosaal sieht jetzt einen zweigeteilten Film, bestehend aus einem ungarischen Themen-Drama mit leichtem Coming-of-Age-Einschlag und realistischem sozialdramatischen Touch. Nicht unbedingt ein Film, der von dieser Zielgruppe interessant gefunden wird. Auf der anderen Seite aber auch den Hund, wie er versucht auf den großstädtischen Straßen zu überleben. Dies ist empathisch und irgendwie recht heiter bis niedlich inszeniert. Vor allem in einer Szene, in der der Hund Hagen spektakulär vor Hundefängern fliegt, verfällt dieser Kunstfilm in einen disney gaze. Die Hundefänger hierin sind idiotische Bösewichte, die Hunde werden vermenschlicht. Fast schon, so kommt es einem vor, kann man sie sprechen hören. Diese Szenen würden sogar bei einem Publikum unter zwölf Jahren funktionieren. An dieser Stelle ist man ziemlich verdutzt und fragt sich, was Mundruczó eigentlich erreichen will.

Die brutale wahre Fratze

Doch dann kommt Hagen über Umwege in die Hände eines illegalen Hundekampf-Betreibers und an dieser Stelle wandelt sich der Film und zeigt sein (vielleicht) wahres Gesicht. Der Hund wird unter Drogen und Hormone gesetzt, seine Zähne werden mit einer Säge scharf-präpariert, er wird abgerichtet und zu einer brutalen Bestie umfunktioniert. Und mit brutaler Bestie ist hier nicht gemeint, dass Hagen nun dem Bild eines heroischen Kampftieres entspricht, wie man es immer noch in Disney-Filmen denken könnte. Nein, Hagen tötet später mit ziemlich realistischer Brutalität einen anderen Hund im Zweikampf. „Underdog“ wird blutig, gerät aus der Kontrolle einer hypothetischen zwölfjährigen Zuschauerin. Oder doch nicht?

Surreale Brutalität als Gedankenwelt einer Zwölfjährigen?

Spätestens bei einer spektakulären Ausbruchsszene aus einem Hunde-Auffangheim, aus dem eine ganze Armada an Hunden ausbricht und von nun an wie eine animalische Spezialeinheit durch die Straßen Budapests wütet, driftet dieser Film ins Surreale ab und erinnert in seiner Hybrid-Wirkung ein wenig an den einheimischen Horrorfilm „Kontroll“ von Nimród Antal. Und man muss sich fragen: Wenn etwas surreal ist und sich ziemlich eindeutig als solches erkennbar macht, dann ist es doch vermutlich eine Bebilderung eines psychischen Prozesses, denn das ist schließlich die Gründungsidee des Surrealismus. Was sehen wir also gerade? Einen Traum, einen Wunsch, eine Angst? Aber von wem? Natürlich von der Protagonistin Lili. Einer Zwölfjährigen. Vielleicht liegt hier, in der immer düster und brutaler werdenden Narration des Films eine Art Coming-of-Age-Feminismus. Lili stellt sich hierin vor, ob nun als Wunsch oder Angst, dass ihre Widersacher, also die Feinde ihres Hundes, brutal hingerichtet werden. Wenn eine zwölfjährige Protagonistin so etwas denkt, dann kann es auch die zwölfjährige Zuschauerin des Films attraktiv finden, oder? Vielleicht ist „Underdog“ der ideale Brückenschlag zwischen dem Ethos des Kindseins, also dem Wiederfinden des Hunde-Freundes Hagen auf der einen Seite, und dem Ethos des Erwachsenen, indem Gewalt in ihrer Detailliertheit eine gedankliche Option ist, passiv oder aktiv, auf der anderen Seite.

Politisch bissig wie problematisch

Und hier ist der Film, wie viele Zuschauer völlig richtig hingewiesen haben, natürlich auch politisch. Natürlich stehen die Hunde in „Underdog“ für die unterdrückten und gedemütigten ethnischen Minderheiten im ungarischen Staat unter Viktor Orbán. Die Parallelen sind provokant und kaum zu übersehen. Der Film thematisiert Das Einfangen, Kriminalisieren, Ausgrenzen, Töten, Aussortieren sowie die Artenhygiene von Hunden und verweist auf Verlierer der ungarischen Gesellschaft wie es z.B. die Roma sind. Aber die brutale Ermordung der Peiniger hat, ganz unabhängig davon, wie alt derjenige ist, der sie sich vorstellt oder ob sie nicht vielleicht sogar real sind, einen bitteren Nachgeschmack. Denn hier kommt der Film wie eine merkwürdige Vorwärtsverteidigung einer unverhältnismäßigen Wehr bzw. sogar Rache der Schwachen an den Starken vor. Und es ist ja nun auch nicht so als gäbe es unter den Starken nur Schuldige.

Im Finale des Films stellt der Film aber, so viel sei verraten, doch wieder etwas anderes als Lösungsweg vor: Die Musik. Und so institutionell wie die Musik hier durch das ungarische Orchester usw. kontextualisiert ist, so sehr scheint hier ein (nationales) Kulturgut das zu sein, was Starke und Schwache, Ungarn und Minderheiten, Menschen und Hunde zusammenbringt und zusammenhält. Das alles fängt Mundruczó auf, in einem finalen, absolut memorablen Shot. Den dann wohl auch Zwölfjährige verstehen und bewundern würden. Vielleicht sollten mehr Zwölfjährige diesen Film sehen. Vielleicht.

6/10

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