The Boss Of It All

Komödie à la Von Trier: Über die Entledigung der Verantwortung.

Originaltitel: Direktøren for det hele
Produktionsland: Dänemark
Veröffentlichungsjahr: 2006
Regie: Lars Von Trier
Drehbuch: Lars Von Trier
Produktion: Meta Louise Foldager, Peter Aalbæk Jensen, Vibeke Windeløv
Kamera: Claus Rosenløv Jensen
Montage: Molly Marlene Stensgård
Darsteller: Jens Albinus, Peter Gantzler, Iben Hjejle, Henrik Prip, Mia Lyhne u.A.
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 99 Minuten

Der Besitzer eines IT-Unternehmens will sein Geschäft verkaufen. Das Problem dabei ist, daß er damals, als er angefangen hat, einen Chef erfunden hat, hinter dem er sich bei seinen unpopulären Entscheidungen verstecken konnte. Nun aber wollen potentielle Käufer mit diesem Chef verhandeln, daher muß der Besitzer einen gescheiterten Schauspieler anstellen.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Den Stil Lars von Triers zu beschreiben ist ein unmögliches Unterfangen, weil sich der Däne immer wieder neu erfindet. Er scheint zudem ein Faible dafür zu haben, sich selbst Regie-Herausforderungen zu stellen und wird daher desöfteren dafür angeklagt, dass diese unnötig und aufmerksamkeitshascherisch seien. Für seine Komödie „The Boss Of It All“ erfand er das Automavision, eine Technik, die die Kameraeinstellungen durch einen Zufallsgenerator laufen ließ und so die eigenen Schauspieler im Unwissen ließ wie sie gerade im Bild sind. Natürlich ist das ein kalkulierter Einzug in die Filmgeschichte. Aber Lars von Trier wäre nicht Lars von Trier wenn sein neuer Tick nicht eine cineastische Berechtigung mit sich brächte. Dieser Film ist eine feine Komödie über das Abgeben von Verantwortung und ebenso gibt auch von Trier seine Verantwortung ab, er macht seine eigene Feigheit zum Thema und das ist schon wieder ein beachtliches Kunststückchen. Ein unterhaltsames obendrein.

Zynisch wie ein Gott

Die Geschichte, die dem Film zugrunde liegt, hört sich nach einer schwachen Verwechslungskomödie ohne Mehrwert an: Ravn, ein Firmenchef, kann es nicht verkraften, bei seinen Angestellten unbeliebt zu sein und erfindet einen Chef, der über ihn steht, aber in Wahrheit gar nicht existiert, auf die er alle Schuldzuweisungen abschieben kann. Als die Firma aber gewinnbringend an einen isländischen Investoren abgetreten werden soll, muss der „Boss of it all“ körperlich anwesend sein. Also stellt Ravn den Schauspieler Kristoffer ein, der diesen Chef kurzerhand spielt. Die Prämisse ist also relativ simpel und bekräftigt meine Annahme, die mich schon seit Vinterbergs „Dear Wendy“ beschleicht: Dass Von Trier der einzige ist, der seine Drehbücher versteht und adäquat umsetzen kann. Was Lars von Trier aus dieser Geschichte macht ist nämlich ziemlich genial. Er crossovert seine sich wiederholenden kargen Bilder der Bürofluren mit viel Absurdität und einer Off-Stimme, die er höchst selbst einsprach und seine eigene Geschichte zynisch wie ein Gott kommentiert. Seinem Dogma-Film „Idioten“ ist der Film durchaus ähnlich, trotzdem parodiert der Film die Dogma-95-Bewegung „Das Leben ist wie ein Dogma-Film. Manchmal ist es ganz schön schwer alles mitzubekommen, aber manchmal ist es trotzdem wichtig.“ ebenso wie die Komödie an sich:

Was soll dieser Break? Ganz zu schweigen von diesem primitiven und sinnlosen Zoom? Ich behaupte ohne Breaks keine Komödie (…) An dieser Stelle setzt der Behandlungsplan die Einführung einer neuen Figur vor.

Von Triers Schuldabschiebung

Von Trier demonstriert uns hier wie man mit einfachsten Mitteln und niedrigsten Budgets stimmige Filme drehen kann, wenn man eine kreative Prämisse (oder eine unkreative Prämisse, die man kreativ persifliert) hat, der man den Inszenierungsstil komplett unterordnet. Die Automavision-Technik macht den Film kühl und computer-gesteuert wie die IT-Branche, die er zeigt und gleichermaßen kann der Regisseur ebenso wie Ravn seine Verantwortung auf den Computer abschieben; wenn dem Zuschauer die Optik nicht passt, ist nicht Lars von Trier, sondern der Zufall schuld. Ganz einfach.

Aus Not eine Tugend

Die 95 Minuten gehen trotz fast ausschließlich in grauen Bürogebäuden spielenden Handlung schnell vorüber. Die IT-Nerds sind natürlich sitcomartig überzeichnet, aber gerade deswegen interessant zu ergründen. Ihnen liegt alle eine Kränkung zugrunde, die sich aufgrund des Unwissens des Protagonisten Kristoffer erst nach und nach herausstellt. Das große Highlight des Films ist jedoch der grantige Isländer Finnur und sein glatzköpfiger Dolmetscher, denen das „Laientheater“ des dänischen IT-Unternehmens gehörig gegen den Strich geht. Die Spannung, die sich aus dem Sentimentalismus der Dänen und dem Zynismus der Isländer ergibt, sorgt für die lautesten Lacher im Film. Hier von noch mehr und Von Trier hätte sich vor dem Abspann auch nicht dafür entschuldigen müssen, dass man vielleicht nicht genug von dem bekommen hat, was man sich erwartet hat. „The Boss Of It All“ ist eben nur ein kleiner Betriebsurlaub für den dänischen Autorenfilmer. Wenn man aus der Not eine kreative Tugend macht, erscheint ein Bürokomplex auch kein allzu schlechter Urlaubsort zu sein.

Ein Film über die Verantwortungsabgabe und daher auch unmöglich für mögliche Nichtbefriedigungen verantwortlich zu machen. Sie haben uns mal wieder belehrt, Lars von Trier. Wer intelligent unterhalten werden will, sollte einen Blick riskieren.

7/10

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