Sturm

Hans-Christian Schmids erster wirklich internationaler Film schafft einen breiten diskursiven Rahmen.

Originaltitel: Sturm
Produktionsland: Deutschland, Dänemark, Niederlande
Veröffentlichungsjahr: 2009
Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Hans-Christian Schmid, Bernd Lange
Produktion: Britta Knöller, Hans-Christian Schmid
Kamera: Bogumil Godfrejow
Montage: Hansjörg Weißbrich
Musik: The Notwist
Darsteller: Kerry Fox, Rolf Lassgard, Anamaria Malinca, Stephen Dillane, Alexander Fehling, Steve Scharf
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 110 Minuten

Dem Kriegsverbrecher Duric soll der Prozess gemacht werden. Schnell erkennt Anklägerin Hannah Maynard, dass ihre Aufgabe einer Sisyphosarbeit gleicht. In Bosnien macht sich Hannah selbst auf Indiziensuche und stößt auf die Schwester eines ermordeten Zeugen, die sich aus Angst, ihr mühevoll aufgebautes neues Leben in Deutschland aufs Spiel zu setzen, zunächst in Schweigen hüllt, schließlich aber doch zur Aussage bereit erklärt. In Den Haag sprechen sich jedoch nur Durics Anwälte gegen die neue Zeugin aus, sondern auch der Richter.
Quelle: Videomarkt/Amazon.de

Kritik:

Haben sie was für solche Filme übrig? Wo der Gute am Ende immer gewinnt? Das ist, was er wollte …

„Er“, Alen Hajdarevic, Muslim und Zeuge der genozidalen Vorgänge während des Balkankrieges ist vorgeladen beim internationalen Strafgerichtshof in Den Haag um gegen den serbischen Kriegsverbrecher Goran Durics auszusagen. Als sich seine Aussagen als Lügen entpuppen und der Fall verloren zu gehen scheint, begeht er Selbstmord. Darauffolgend beleuchtet Hans-Christian Schmids Film „Sturm“ aus Sicht der Anwältin Hannah Maynard und Mira, der Schwester des verstorbenen Alen sukzessiv die tatsächlichen Vorgänge im Balkankrieg. Dabei legt Schmid deutlich mehr den Fokus auf einen politisch-ethischen Diskurs, denn auf eine wendungsreiche Kriminalgeschichte und stellt mit seinem routiniert vorgetragenen Polit-Drama somit ein ernsthaftes Statement in der internationalen Aufarbeitung von Kriegsverbrechen dar.

Zitierfähige Dialogzeilen

„Sturm“s Figuren weisen zwar eine grundlegend realistische Charakterzeichnung auf, fungieren aber auch deutlich als jeweilig figurative Veranschaulichung ihrer Position. Hannah als moralisches Gewissen, inmitten des Gerichtshof, der eher auf eine schnelle Lösung, zu Gunsten der fortschreitenden EU-Beitrittsverhandlungen bedacht ist, Hannahs Lebensgefährte Jonas Dahlberg (Mal wieder superb gespielt von Rolf Lassgard) als vernünftiger Politiker, der den Gegenpol zur emotionellen Hannah darstellt und schließlich Alen und Mira als Brecher des Schweigens, die sich der Gerechtigkeit wegen ins Schussfeuer der serbischen Nationalisten bewegen. Schmid kann sich bei dieser zwecksmäßigen Charakterisierung jedoch auf sein großes Talent verlassen eine Authentizität zu entfachen, die bei der Behandlung eines so heiklen Themas von Nöten ist in diese Fall, aber auch deutlich kühler und distanzierter ausfällt als in Schmids atemberaubend realistischem Episodendrama „Lichter“. Sein inhaltsschwangeres Skript lässt sich zwar prima zitieren, liest sich aber ab und an aber auch ein wenig gestellt:

Heiz die Stimmung im Pulverfass Balkan noch mehr an und du ertrinkst in Fällen aus dem Krieg, den du dann zu verantworten hast (…) Ihr fahrt da rein in gepanzerten Fahrzeugen mit kugelsicheren Westen an, als wärt ihr alle auf Safari … Aber was wisst ihr wirklich über die Länder dort unten?

Ein internationaler Schmid-Film

Der Film wurde in vier Sprachen gedreht, welches den internationalen Gültigkeitsanspruch des Films unterstreicht. Schmids erste Zusammenarbeit mit einem international bunt zusammengewürftelten Cast konnte alles in allem zu einen stimmigen Gesamtbild zusammengeführt werden. Einzig die Darbietung des deutschen Schauspielers Steve Scharf entäuscht mit einer etwas blutleeren Darstellung des Ehemanns von Mira.

[Klicken, um Spoiler anzuzeigen]

Hans-Christian Schmids Arbeit „Sturm“ ist ein Polit-Drama von internationalem Format, das sich mutig in diesem noch jungen Thema positioniert und einen breiten Rahmen schafft, in dem fruchtbare Diskussionen stattfinden können. Diskussionen, die notwendig sind. Denn „Es hört nicht auf, solange sie wegrennen!„.

7/10

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.