Starship Troopers

Kämpfen für die Schein-Utopie. Ein Film für eine Medienwissenschafts-Abiturprüfung

Originaltitel: Starship Troopers
Produktionsland: USA
Veröffentlichungsjahr: 1997
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: Edward Neumeier
Produktion: Jon Davison, Alan Marshall
Kamera: Jost Vacano
Montage: Mark Goldblatt, Caroline Ross
Musik: Basil Poledouris
Darsteller: Casper Van Dien, Denise Richards, Dina Meyer, Michael Ironside, Patrick Muldoon, Jake Busey, Neil Patrick Harris, Marshall Bell, Amy Smart, Brenda Strong, Seth Gilliam, Clancy Brown, Rue McClanahan, Dean Norris u.A.
Altersfreigabe: FSK 18 (Indiziert)
Laufzeit: 129 Minuten

Das 25. Jahrhundert. Demokratie wurde abgeschafft und die Menschen leben in einer autoritären Welt-Föderation, in der nur diejenige Bürgerrechte erhalten, die sich zum Militärdienst verpflichten. Nicht nur deshalb zieht es auch Rico (Casper van Dien), Diz (Dina Meyer), Carmen (Denise Richards) und Carl (Neil Patrick Harris) zu den Streitkräften. Sie lockt auch das Abenteuer oder schlicht der Wunsch, in der Nähe ihrer Sweethearts zu bleiben. Kaum, dass sie die Ausbildung absolviert haben, wird ihre Heimatstadt von den Erzfeinden der Menschheit, einer außerirdischen Insektenzivilisation, zerstört. Vom Wunsch auf Rache getrieben, ziehen die vier in den Krieg gegen die Bugs, doch statt der vermeintlich einfachen Ausrottung der Käfertiere, erwartet sie eine Überraschung: Die Kriech- und Krabbeltiere sind nicht nur bedeutend gefährlicher als angenommen, sondern scheinen auch weniger dumm, als von den Vorgesetzten behauptet.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Nicht selten kommt es vor, dass ein vielversprechender Regisseur nach Hollywood emigriert und dort weitestgehend beliebige Filme ohne Haltung dreht und sich für die größere Reichweite verkauft. Ganz anders: Paul Verhoeven. Der Niederländer verband in seiner Hauptschaffenszeit der 80er und 90er Jahre wie kein anderer Filmemacher gekonnten Blockbuster-Bombast mit trashiger Selbstironie, die das Werte-System, in dem wir leben und Verhoeven arbeitet(e), mit Nachdruck kritisiert, auch wenn das manch Zuschauer mangels offensichtlicher Hinweise wie im Falle „Starship Troopers“ gar nicht bemerkt. Solche Filme werden heutzutage einfach nicht mehr gemacht. Zumindest nicht mehr mit so einem Budget. Ein selbstdestruktiver Humor, der das negiert, was er aufstellt, muss heutzutage wenn überhaupt deutlich als (Genre)-Komödie erkennbar gemacht werden. Und der Humor-Gehalt des klassischen, bier-ernsten Blockbuster-Kinos beschränkt sich auf One-Liner, die eher einer leichteren Zuschauer-Verträglichkeit als einer tatsächlichen Positionierung zum Film-Thema wegen im Film ist. Bei „Starship Troopers“ fasziniert vor allen Dingen die direkte Konfrontation des Zuschauers mit dem Gezeigten, ohne Läuterung.

Bis zum Ende in der Platonschen Höhle

In Verhoevens von vielen Anhängern seiner Kunst als besten bezeichneten Film „Starship Troopers“ sehen wir eine Gesellschaft, die zunächst gar als utopisch gelten kann, da sie absolut zentrale Konflikte der Menschheit aufgelöst hat. Es gibt keinen Rassismus mehr, das weibliche Geschlecht ist emanzipiert, es herrscht ein stabiler Frieden mit genügend Ressourcen auf dem Planeten Erde und Nationalitäten sind weitestgehend aufgelöst, in einer ständelosen Gesellschaft. Aber der Schein trügt. Bürger ist man in dieser „Föderation“ nur, wenn man den Dienst an der Waffe leistet. Und die gesamte Gesellschaft ist auf diesen Militarismus hin ausgerichtet. Eine Übermedialisierung gibt zwar vor, dass der Konsument eine Wahl hätte („Would you like to know more?„), aber im Grunde genommen bekommt er nur reine Propaganda vorgesetzt. Es ist eine zufriedene Gesellschaft und genau das ist das Gefährliche und dann doch Dystopische an ihr. Die Menschen haben in diesem Konsum-Faschismus aufgehört kritisch zu denken. Sie denken nur noch leistungsorientiert, wollen sich körperlich optimieren oder das menschliche Imperium wissenschaftlich voranbringen. Es gibt aber keine Vorstellung mehr davon, wie ihre Welt außerhalb der ihnen aufoktroyierten Werte aussehen könnte, geschweige denn sollte. Und genau diese Aufgabe wird über den Film hinaus dem Publikum aufgetragen. Das Besondere an dem Film ist, dass er eben nicht den klassischen Weg wählt, dass der Protagonist das vergiftete System erkennt und dagegen ankämpft, sondern dass er bis zum Ende in der Platonschen Höhle gefangen bleibt. Der Zuschauer muss sich aus dieser höchstselbst den Weg bahnen. Viel mehr als noch die typisch verhoevensche explizite Gewaltdarstellung ist der Film also rein erzählerisch ein Film für mündige Erwachsene. Beziehungsweise ein Film für eine Medienwissenschafts-Abiturprüfung. Wenn dieses wichtige Fach endlich mal ins deutsche Schul-Curriculum aufgenommen werden sollte.

Ein Film, der nach dem Abspann nicht vorbei sein darf

Denn was der Film uns zeigt ist erst einmal ein zweistündiges, zu seiner Zeit 100 Millionen US-Dollar teures CGI-Action-Spektakel mit relativ ausgefeilten Story-Wendungen und einer Darstellung von Kämpfen, die ihren fehlenden Ernst nicht besonders offen zur Schau trägt. Tatsächlich macht der Film auch auf seiner stupiden Oberfläche eine Menge Spaß. Ein Neill Blomkamp hätte daraus wohl wirklich ein Agitator der proklamierten Gesellschaftsordnung, also eines aufgeklärten, sterilen Faschismus gezeichnet. Nicht aber Paul Verhoeven. Und hier zeigt sich auch, dass ein Filmkunstwerk nur teilweise eigenständig funktioniert und manchmal eben doch im Zusammenhang mit seinem Schöpfer betrachtet werden muss, damit es verstanden werden kann. Verhoeven selbst hat diesen Film als Satire auf Faschismus und Militarismus bezeichnet. Und man kommt auch selbst dahinter, wenn man seine Dystopie-Groteske „RoboCop“ kennt, die doch etwas deutlicher darin ist, sein Anliegen als schwarzhumorige Überzeichnung zu kennzeichnen. Gerade in dieser grautönigen Uneindeutigkeit, die „Starship Troopers“ uns aufgibt, liegt sowohl seine Stärke als auch seine Schwäche — das liegt in dem Auge des Betrachters — jedenfalls seinen Reiz.

Es ist ein Experiment, einen Zuschauer mit vertrauten Bildmustern des kapitalistischen Blockbuster-Kinos zu beschießen und ihm gleichzeitig fragwürdige Werte unterzujubeln, die er selbst noch zu hinterfragen hat. Ein Film also, der nach dem Abspann als vorbei betrachtet werden kann, aber eigentlich nicht vorbei sein darf und auch nicht soll. Das Reflektieren des Gezeigten ist hier wichtiger noch als bei jedem ohnehin schon toterklärten Leni-Riefenstahl-Film und man kann das Vorgehen Verhoevens, so reizvoll es auch sein mag, seiner eigenen Verantwortung überlassen zu werden, ebenso natürlich auch verantwortungslos und fahrlässig finden.

Gegenwarts-Hollywoood hat nichts gelernt

Leider sind die Zustände, die Verhoeven hier (noch relativ) subtil ins Lächerliche verkehrt, im aktuellen Blockbuster-Kino genau so absolut gegenständlich. Die Figurenkomposition eines flachsinnigen Sportler-Asses, der in ein schulkluges, aber absolut kindlich-unschuldiges Mädchen verliebt ist, samt schmalziger Liebesbekundungen und Eifersüchtigkeiten zum Beispiel. Und auch lange und zwar technisch brillante, aber im Grunde doch banale Baller-Gefechte, sowie Heroen-Mentalität und sexualisierte Fitness-Körperlichkeit. Das alles ist für „Starship Troopers“ kein unnötiger Story-Ballast, sondern Teil kluger Dramaturgie, die Individuen absolut verloren in einer schein-utopischen und daher dystopischen Gesellschaft zeichnet. Aber das alles sind eben auch Chiffren eines schwachen Hollywood-Kinos der Gegenwart, weswegen man den Film auch schnell missverstehen kann. Paul Verhoevens Schuld ist das aber nur äußerst bedingt. Nicht nur in einer utopischen, auch in einer schon ausreichend medienwissenschaftlich gebildeten Gesellschaft würde man diesen Film als das betrachten, was er ist. Eine meisterhafte, absolut zeitlose Satire.

8/10

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