Seefeuer

Ein Junge, zwei Metaphern und viele Flüchtlinge.

Originaltitel: Fuocoammare
Alternativtitel: Fire At Sea
Produktionsland: Italien, Frankreich
Veröffentlichungsjahr: 2016
Regie: Gianfranco Rosi
Drehbuch: Gianfranco Rosi
Produktion: Paolo Del Brocco, Donatella Palermo
Kamera: Gianfranco Rosi
Montage: Jacopo Quadri
Darsteller: Samuele Pucillo, Mattias Cucina, Samuele Caruana, Pietro Bartolo, Giuseppe Fragapane, Maria Signorello, Francesco Paterna, Francesco Mannino, Maria Costa
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 162 Minuten

Seefeuer erzählt die Geschichte des zwölfjährigen Samuel. Er geht zur Schule und mag es, mit seiner Schleuder auf die Jagd zu gehen. Der Film zeigt die Schönheit des Landes, die Weite des Meeres und die Strapazen der Männer, Frauen und Kinder, die versuchen, es zu überqueren, um auf die Insel zu kommen. Aber es ist nicht irgendeine Insel, es ist Lampedusa, die seit den letzten 20 Jahren die erste Station für tausende von Migranten auf der Suche nach Freiheit ist. Samuels Geschichte und die von Lampedusa sind Zeugnisse einer der größten menschlichen Tragödien unserer Zeit.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Jeder seufzte ein wenig vor sich hin als hätte man es schon genau vorher gewusst. Vielleicht hat man das auch. Die Berlinale, ihres zeichens politischstes Filmfestival zeichnete den Flüchtlings-Dokumentarfilm „Seefeuer“ mit dem Hauptreis aus. Dass man für das bloße Bedienen des Flüchtlingsthemas einen Festival-Hauptpreis bekommen kann, ohne dies auch wirklich zu verdienen, hat bereits „Dheepan“ in Cannes auf besonders traurige Weise gezeigt. Zum Glück ist „Seefeuer“ kein schlechter Film, sicher auch einer des besten Drittels des Berlinale-Wettbewerbs. Neben der Thematik und seiner letztendlichen Umsetzung interessiert an dieser Jury-Entscheidung aber auch die Tatsache, dass es sich hierbei um einen Dokumentarfilm handelt bzw. um einen mit dramatischen Elementen. Ist der Dokumentarfilm die filmische Form der Gegenwart?

Lampedusa: ein Wort, das kein Zurück kennt

„Lampedusa“, ein Wort, das heutzutage nur noch auf seine Funktion als Auffangort für Flüchtlinge reduziert wird. Wir sind darauf konditioniert beim Wort „Lampedusa“ an Flüchtlinge zu denken. Und trotzdem ist Lampedusa in erster Linie einfach eine italienische Insel im Mittelmeer. Das will uns Gianfranco Rosi auch zeigen. Er zeigt einen kleinen Jungen, Samuele, wie er auf der Insel aufwächst, mit seiner Zwille auf Kakteen schießt und zum Augenarzt geht. Und doch ist Lampedusa eben für alle Zeit nicht mehr einfach eine Insel. Dieser Ort ist eben längst fester Teil eines Diskurses geworden und auch das zeigt uns „Seefeuer“. Eindringliche Bilder von Flüchtlingen. Wir sehen lebene Flüchtlinge, die fast schon mit industrieller Routine abgefertigt werden und die Tore nach Europa passieren dürfen. Wir sehen auch tote Flüchtlinge. Wir sehen spektakuläre Rettungsaktionen, mit einer Kamera auf einem Motorboot, mitten im Getümmel. Hier hat dieser ansonsten eher ruhige, wenig reißerische Film seinen Sensationswert. Was wir nicht wirklich sehen, sind Flüchtlinge als Individuen.

Flüchtlinge als Menschenmasse

Filmische Individuen sind in diesem Film nur italienische Einheimische, allen voran natürlich unser „Protagonist“, der kleine Junge Samuele. Warum man Flüchtlinge in diesem Film immer nur als Menschenmasse, ja, als etwas das man mit Aufwand „verarbeiten“ und „transferieren“ muss. Es ist ein realistischer Fokus, den der Film dabei behält und nie wird er in der Draufsicht auf die Flüchtlinge zynisch oder offenkundig negativ. Rosi weiß, dass man diesen Menschen helfen muss, aber dennoch irritiert ein bisschen diese extreme Detailverliebtheit, in das Leben des kleinen Jungens Samuele zu blicken als frappierend starkes Gegengewicht zu dem, was wir über die Flüchtlinge als Einzelne zu sehen bekommen. Natürlich kann man ganz pragmatisch davon ausgehen, dass es gar nicht einfach ist, als Dokumentarfilmer ein engeres, geschweige denn filmreifes Verhältnis zu einer Person aufzubauen, die erst seit wenigen Tagen oder sogar Stunden im sicheren Europa ist und davor (womöglich) durch die Hölle gegangen ist. Rosi hätte dadurch vermutlich seinen Film noch weiter in Richtung Doku-Drama verschieben müssen als er es ohnehin schon tut.

Zu wenig Kontextualisierung

So sind die Bilder, die wir von den Flüchtlingen bekommen die dokumentarischeren. Es sind die ehrlicheren und gleichzeitig sind sie unbefriedigend. Denn es fällt in Gianfranco Rosis Film schwer, sich mit diesen Menschen zu identifizieren. In einer Szene sehen wir einen Schwarzafrikaner, der fast schon hymnisch seine Reise nach Europa besingt. Er singt davon, was er alles durchgemacht und durchlitten hat. Wie Leute inhaftiert, vergewaltigt und getötet wurden. Er singt von Rassismus und dem Islamischen Staat. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man ihm sein Leben nicht glauben, da seine Art zu singen (ein gebetsartiger Sprechgesang) schlichtweg zu fröhlich ist. Was dem Film an dieser Stelle fehlt, ist schlichtweg eine Kontextualisierung seiner dokumentarischen Bilder. Um verstehbar zu machen, wie ein Mensch nach all dem Leid noch so singen kann oder meinetwegen auch welche kulturellen Gründe es dafür gibt, dass dieser Mann sein Leid auf diese Weise ausdrückt. In „Seefeuer“ sehen wir die Flüchtlinge, obwohl wir an ihnen zweifellos sehr nah dran sind, zu wenig als „verstehbare“ Individuen. Diese Verstehbarkeit braucht ein europäisches Publikum aber mehr als alles andere. Wenige, kleine Momente mehr des Kontexts, des Abtauchens in diesen mobilen Mikrokosmos Flüchtlingszwischenlager hätten dafür schon genügt.

Samuele als symbolistisches Vehikel

Stattdessen konzentriert sich „Seefeuer“ deutlich mehr auf den kleinen italienischen Jungen Samuele und dies in deutlich gestellteren, zumindest sorgfältig organisierteren Bildern, die ihn Richtung Dokudrama gehen. Dieser dokudramatische Blick auf Samuele ist das Rätsel in diesem Film. Es ist gleichzeitg Stärke und Schwäche des Films. Das, jedenfalls, an dem sich der Film beurteilen lassen muss. Der kleine Junge Samuele trifft sich mit Freunden, mit seiner Familie. Wir bekommen gerade eine Exposition des Menschen Samuele und auch seines frechen Charakter, der gar ein wenig an die Figur des jungen Dealers im Flüchtlings-Drama „Mediterranea“ erinnert. Das alles ist ziemlich detailreich aufgelöst und erinnert nicht selten an einen Spielfilm. Nur Gianfranco Rosi weiß, wie unverfälscht das Gezeigte tatsächlich ist.
Und wozu das Ganze? Offensichtlich dient Samuele als ein symbolistisches Vehikel in diesem Film. Vor allem zwei Metaphern vereinen sich in dem kleinen Jungen, die auf ziemlich hübsche Weise mit einander verknüpft sind.

Die erste Metapher: Gewalt und Heilung

Die erste Metapher sind die Zwille bzw. die China-Böller, mit denen Samuele und sein Freund Kakteen zerstören, nur um sie danach wieder mit Klebeband zusammenzuflicken. Diese Metapher ist simpel und eindeutig: Samuele durchlebt hier die Realität, die ihn umgibt. Er erzeugt Gewalt an Kakteen, die sinnbildlich für die Flüchtlinge stehen und hilft ihnen danach wieder. Mit einem gewissen Selbstverständnis. Einfach, weil es der Alltag ist, wie ihn der Junge eben erlebt. So wie Kinder eben immer die Erwachsenenwelt immitieren, um diese zu ergründen. In der Simplizität dieser Metapher liegt aber noch eine tiefere Komplexität, denn wir wissen nie so ganz genau, ob der Part der Gewalt (Zwille/Böller) oder der Part des Heilens (Klebeband) hier mehr „nur dazugehörendes“ Spiel-Element ist und welches mehr das tatsächliche identifikationsstiftende und spaßmachende Element ist. Und eigentlich ist es naheliegender, dass es in diesem Fall das Element der Gewalt ist. Wie viel Freude am Leid der Flüchtlinge hat Samuele eigentlich? Das wissen wir nicht. Nie spricht Samuele darüber und so richtig glauben kann man es dem Film eigentlich auch nicht, dass der freche Samuele niemals auch nur ein Wort über das diffuse Phänomen dieser schier überwältigenden Menschenmassen hat. Womöglich hat sich Rosi die Ambiguität seiner Metapher also durch einen Trick der Selektion erkauft.

Die zweite Metapher: Das Sehenlernen

Nun kommt aber die zweite Metapher ins Spiel. Sie ist die Sehschwäche von Samuele. Wir sehen ihn mehrmals mit einem Gestell für optische Gläser, wie es auch bei „The Look Of Silence“ vorkommt. Ebenso ein Dokumentarfilm mit humanistischer Agenda, nicht undenkbar, dass hier ein beabsichtigter Querverweis vorliegt. Samueles Sehschwäche beeinträchtigt seine Fähigkeit, Kakteen mit seiner Zwille abzuschießen, steht also in einem direkten Zusammenhang mit der ersten Metapher. Und die Spezialbrille, die Samule fortan tragen muss, hat den kurzfristigen Effekt, dass Samuele schlechter sehen kann, da das stärkere Auge nun abgedeckt ist, damit das schwächere trainiert wird. Langfristig wird Samuele dadurch aber besser sehen können. „Sehen“ ist hier (wie so oft) metaphorisch mit „Verstehen“ gleichzusetzen. Wie auch das einfache Volk in der Flüchtlingskrise muss auch Samuele zunächst eine unfreiwillige, schwierige Aufgabe meistern und stoisch deren Nachteile ertragen. Danach wird es ihm aber besser gehen, er wird profitieren, und er wird verstehen, dass das stoische Ertragen ein notwendiges Übel war.

Der Dokumentarfilm als Form der Stunde

Ist das nun die Zeit des Dokumentarfilms? In einer Zeit, in der Realität immer ein fragwürdigeres Konstrukt wird, da sich Quellen mit Realitätsanspruch vervielfältigen und immer mehr zu widersprechen scheinen. Wer sagt wirklich die Wahrheit? Letztlich in dieser Zeit vielleicht jener, der sie zeigen kann. Dass auch eine gezeigte Realität immer noch eine vermeintliche Realität ist, selbst dann, wenn sie in dokumentarischen Bildern dargestellt ist, muss man immer mitdenken. Die Versuchung, ihr zu verfallen, ist aber groß. Und mit dieser Versuchung des Wahrhaftigen lässt sich nicht nur informativ manipulieren und somit Macht ausüben, sondern auch Kunst schaffen. Das Reale, das Dokumentierte als ein Spielball im filmischen Kombinationsspiel ist natürlich nicht neu, aber anscheinend zurzeit sehr in der Mode. Ab den 2000ern häufen sich Festival-Siege durch Dokumentarfilme. „Fahrenheit 9/11“ von Michael Moore 2004 in Cannes, 2013 in Venedig Rosis Vorgängerfilm „Sacro GRA“ als allererster dokumentarischer Löwengewinner der Geschichte. Auch in Berlin hatten mit „Taxi Teheran“ und „Cäsar muss sterben“ in den letzten Jahren dokumentarisch angehauchte Filme Erfolg. Gianfranco Rosi könnte in Zeiten von größerer Aufmerksamkeit für die Kunsthaftigkeit des Dokumentarischen ein großer Auteur werden. „Seefeuer“ ist bereits der zweite Festival-Hauptpreis für ihn, für den zweiten Film in Folge.

7/10

2 thoughts on “Seefeuer

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