Raman Raghav 2.0

Arschloch-Film und moderne Teufelsfigur.

Originaltitel: Raman Raghav 2.0
Alternativtitel: Psycho Raman
Produktionsland: Indien
Veröffentlichungsjahr: 2016
Regie: Anurag Kashyap
Drehbuch: Anurag Kashyap, Vasan Bala
Produktion: Anurag Kashyap, Vikas Bahl, Vikramaditya Motwane, Madhu Mantena
Kamera: Jay Oza
Montage: Aarti Bajaj
Darsteller: Nawazuddin Siddiqui, Vicky Kaushal, Sobhita Dhulipala, Vipin Sharma, Amruta Subhash, Ashok Lokhande, Harssh A. Singh, Anuschka Sawhney, Hitesh Dave, Rajesh Jais, Kalidas Parthitan, Rhea Pagar, Arun Singh
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 127 Minuten

In den 1960ern erschütterten die Taten eines psychopatischen Serienkillers, genannt Psycho Raman, die indische Metropole Mumbai. Auch in der Gegenwart sind seine Morde und die Polizeiermittlungen dazu noch nicht vergessen und inspirieren einen Mann, seine Gräueltaten nachzuahmen: Ramanna (Nawazuddin Siddiqui). Dieser entwickelt eine Besessenheit bei der Beobachtung des jungen Polizisten Raghavan (Vicky Kaushal), folgt ihm immer häufiger heimlich und inszeniert Begegnungen, bei denen die beiden Männer wie durch Zufall aufeinandertreffen.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Ein indischer Direct-To-DVD-Thriller mit einem lasterhaften Cop, der einen psychisch gestörten Serienkiller jagt? Was jetzt erstmal (auch nicht zuletzt wegen der geringen Produktionskosten von gerade einmal einer halben Million Euro) nach Genre-Grabbeltisch klingt, sollte man in einem anderen Licht sehen. „Raman Raghav 2.0“ ist nämlich gleichermaßen scharfe Gesellschaftanalyse, als auch auf universeller Ebene eine reiche Auseinandersetzung mit dem Bösen (in der menschlichen Natur). Darüberhinaus gelingt dem indischen Regisseur Anurag Kashyap ein stilistisch hochspannender Genre-Mix. Ein Film, der sein Publikum spalten wird. Auch, weil er sich wie ein Arschloch einem Publikum in den Weg stellt, das keine Arschlöcher als Protagonisten ertragen kann.

Ein Arschloch-Film

Erst einmal: Der seit dem Film Noir fest etablierte Antiheld des lasterhaften Cops erreicht in „Raman Raghav 2.0“ eine neue Dimension. Der Polizist Raghavan ist ein misogynes, dauer-aufgeputschtes Raubein, das seine Dienstmarke dazu missbraucht, im Namen des Gesetzes wehrlose Opfer zu verprügeln und zu töten. Besonders deutlich wird das im Zusammenspiel mit der einzigen annähernd sympathischen Figur des Films, seiner Quasi-Freundin Simmy, die in einer Tour seelisch und körperlich von Razhavan fertiggemacht wird. Demgegenüber steht der Serienkiller Raman, der das personifizierte Böse ist. Der Film versucht gar nicht erst, ihn zu vermenschlichen. Raman sieht widerlich aus, verhält sich widerlich und hat nicht einmal eine positive und damit vielleicht nachvollziehbare Absicht, die hinter seinen Morden steckt. Einfach Töten des Tötens wegen. Da Empathie im indischen Filmkulturkreis noch wichtiger ist als im europäischen, kann man sich denken, mit welch radikalen Absicht Kashyap hier einen reinen Arschloch-Film gedreht hat. Dass diese beiden Figuren funktionieren und darüberhinaus sogar faszinieren können, ist ein großes Kunststück des Films, die gerade mit dem Verzicht auf klassische Heroen zusammenhängt. Daher sollte man jegliches Recht auf Empathie für irgendeine Hauptfigur freiwillig ad acta legen. Wer das nicht kann oder will, wird dieses Werk nicht genießen können.

Raghavan, der lasterhafte Sohn

Es ist eine Leistung der extrem unsympathischen Figur Raghavan eine psychologische Tiefe zu verleihen. Einen einfachen Trick, den der Film dazu anwendet, ist es, ihn als einen Sohn und damit seine psychosoziale Herkunft zu zeigen. Raghavan kommt aus einer sehr wohlhabenden, aber streng autoritären Familie. Sein Vater ist ein gnadenloser Patriarch, der gegenüber dem befreundeten Klerus und anderen Parteien einen sauberen Eindruck aufrechterhalten will. Raghavans Charakter rührt also aus dem Zusammenspiel uneingeschränkter Möglichkeiten als reicher Sohnemann, einem rebellischen jugendlichen Gestus gegenüber dem Elternhaus, aber natürlich auch einer Menge angelernter, eiskalter Härte vom eigenen Vater. Eine einzige Szene reicht Anurag Kashyap dazu aus, um dieses psychologische Konstitut nachvollziehbar zu skizzieren.

Eine weiterer Trick ist das Aufzeigen von geradezu erbärmlicher Schwächen. In einer Szene sehen wir Raghavan auf einmal armselig um sein Leben wimmseln, wo er ein paar Sekunden zuvor noch die große Fresse markiert hat. Momente wie diese geben der Figur eine Nähe. Man will sich vielleicht nicht mit ihr identifizieren, aber man tut es in diesen Momenten eben doch ein wenig.
Und dann zu guter Letzt ist diese Figur, Raghavan, ein unehrlicher und feiger Mensch. Aber gerade diese Charakterschwäche stellt der Film nicht antagonistisch aus, sondern macht sie zu einem Attribut des Mitleids. Dieses Attribut ist vor allem eines: menschlich. Und damit steht sie im direkten Kontrast zu der Figur des Raman.

Raman, der Teufel

Eigentlich sind eindimensional böse Figuren, wie Raman sie eine ist, auf dramaturgische Faulheit oder Schwäche des Drehbuchautorens zurückzuführen. Im Grunde genommen, gibt es dafür nur eine einzige Ausnahme: Wenn ein Film eine Figur als das symbolisch überhöhte Böse anlegt, als eine Teufelsfigur. Und genau das macht „Raman Raghav 2.0“. So wie Raman mit seinen Waffen durch die indischen Nachbarschaften stolziert und gnadenlos Leute um die Ecke bringt, so diabolisch-selbstherrlich wie Raman mit anderen Menschen redet, so wie er alleine im Mondscheinlicht monologisiert (!), so wie er aussieht, all das sind belzebubhafte Momente. Auch, dass die Figur scheinbar asexuell ist (sich seinen Mordtrieb also nicht freudianisch auf ein menschliches Trieb-Motiv runterbrechen lässt) und er sich mehrmals als von Gottgesandter versteht (bzw. als „Gottes eigene Überwachungskamera“) ist ein Verweis auf den Teufel, der sich gerne als Engel ausgibt.
Und wir sehen in dieser Figur noch etwas ganz anderes Spannendes: Die bedingungslose Wahrheit. Raman sagt immer die Wahrheit. Ganz am Anfang des Films gesteht er bereits alle Morde, wird aber ironischerweise freigelassen, weil er für einen Irren und Hochstapler gehalten wird, weil niemand auf solch transparente Art und Weise seine Morde gestehen würde. Auch gegenüber allen Zeugen, die ihm begegnen, spielt Raman mit offenen Karten und spricht deutlich aus, dass er gerade getötet hat oder töten wird. Diese radikale Wahrheit ist ganz besonders spannend, wenn sie auf den ängstlichen, lügenden Menschen Raghavan trifft und ihn herausfordert. Ein einziges Mal wird Raman am Ende aber doch lügen. Er wird für Raghavan lügen. In einem Teufelspakt.

Das Aufeinandertreffen

Lange spielt der Film mit der Erwartung, dass wir ein cheesiges Twist-Ende präsentiert bekommen, in dem beide Figuren dieselbe Figur sind. Daraus wird zwar nichts, aber die Figuren bekommen einen Schluss-Dialog, der sie motivisch überlagert. Der zeigt, dass beide Figuren keine Gegensätze sind, die sich abstoßen, sondern, dass sie Teil derselben Kraft sind. Man könnte jetzt z.B. den Film so lesen, dass jedem Mensch ein Teil diabolischer Schlechtheit innewohnt und dass andersrum dem Teufel auch etwas Menschliches anhaftet. Ein Yin und Yang, aber kein schwarz-weißes, sondern ein schwarz-dunkelgraues. Vor allem im Hinblick auf die sozialdramatische Funktion des Films ist diese Lesart wichtig: Denn Anurag Kashyap zeigt hier auf, dass die indische Polizei mit demselben dreckigen Wasser gewaschen ist, wie die bekämpften Kriminellen. Dass Polizei und Verbrecher nicht nur gegensätzlich, sondern auch zu einem gewissen Grad einander gleich sind. Und, um mit Foucault zu sprechen, dass jeder Widerstand auch dem Machtfeld unterworfen ist, in dem er sich bewegt.

Gute Handwerkskunst

Man kann nur staunend feststellen, dass dieser Low-Budget-Film keinen Vergleich mit einem Hollywood-Genrefilm scheuen muss. In Schauspiel, Bildgestaltung und Montage wurde ganze Arbeit geleistet. Was den Film aber darüberhinaus wirklich erst spannend macht, ist sein freies Wandeln durch Genres, ohne spürbare Übergänge. Manchmal ganz klassischer, nicht wenig stilisierter Thriller, dann auf einmal temporeduziertes Drama mit kontemplativen Einstellungen. Und dann gibt es noch diese Musik. „Raman Raghav 2.0“ ist nie ein klassischer Bollywood-Tanzfilm, aber er verwendet an mehreren Stellen vollständige (!) indische Popsongs, die er über sein Gezeigtes legt. In einer Kernszene, in der Raman seine eigene Schwester umbringt, hat diese Strategie seinen Höhepunkt. Eine wunderschöne Szene. Hier werden die filmischen Mittel so zynisch wie die Film-Figuren selbst. Aber dieser Zynismus ist legitim. Er ist nicht menschenverachtend, weil der Film immer eine Distanz zu seinen Figuren und in diesem Fall auch zu seiner eigenen Machart wahrt und den Zynismus damit nicht gutheißt. Er stellt das Zynische aus und macht es damit diskutierbar.

„Raman Raghav 2.0“ ist ein frecher Film. Ein Arschloch-Film. Ein großartiger Film.

8/10

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