Only God Forgives

Rote Grütze aka ein prätentiöser Antifilm.

Originaltitel: Only God Forgives
Produktionsland: Dänemark, Frankreich, Thailand, USA, Schweden
Veröffentlichungsjahr: 2013
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Nicolas Winding Refn
Produktion: Lene Børglum
Kamera: Larry Smith
Montage: Matthew Newman
Musik: Cliff Martinez
Darsteller: Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas, Vithaya Pansringarm, Ratha Phongam, Gordon Brown, Tom Burke u.A.
Bildrechte aller verlinkten Grafiken: ©
Laufzeit: 90 Minuten

Julian (Ryan Gosling) ist ein Englishman in Bangkok. Hier hält er sich versteckt, nachdem er seine englische Heimat aufgrund schwerer Drogendelikte fluchtartig verlassen musste. Dem Drogenhandel ist er aber auch in Thailand treu geblieben, den er hinter der Fassade eines Thai-Box-Club-Besitzers zusammen mit seinem Bruder Billy (Tom Burke) weiterhin betreibt. Von hier aus unterhält er florierende Verbindungen nach London, wo seine Mutter Jenna (Kristin Scott Thomas) die Ware über ihr Mafia-Matriarchat vertreibt. Als Billy zwischen die Fronten eines Drogenkrieges gerät und ermordet wird, kommt Jenna persönlich nach Bangkok, um den Leichnam nach London zu überführen und den Vergeltungsschlag zu initiieren. Von seiner eiskalten Mutter zunächst als Vollstrecker instrumentalisiert, erkennt Julian, dass es auch ein Leben jenseits des Rachepfades geben muss.
Quelle: Moviepilot.de

Replik:

Wo sind eigentlich die buhenden Kritiker, wenn man sie mal braucht? Während der „Drive“-Nachfolger „Only God Forgives“ in Cannes durchfiel, ist man hierzulande voll des Lobes und feiert ihn als großes Racheepos, alptraumhafter Todestrip und zu was man noch alles für Umschreibungen imstande war. Dabei hat die gesamte deutsche Rezeption eines gemeinsam: Obwohl man sich im Grunde einig ist, dass die Story und Figurenzeichnung durchweg schwach ist, lässt man sich einzig auf den Bilderreigen, nicht aber auf das Inhaltliche ein und geht dabei der prätentiösen Gangart dieses Filmes maximal auf den Leim.

Ein schreiendes Kind von einem Film

Gewalt ist in „Only God Forgives“ ein Dauerzustand. Wo in „Drive“ noch die Gewalt in ausgewählten Momenten explodierte und die stylishe Stille des Films durchbrach, ist dieser Winding Refn ein nach Aufmerksamkeit permanent schreiendes Kind, dem man nach 20 Minuten spätestens einfach mal den Hosenboden verhauen will. Permanent werden Gewaltorgien aneinander gekettet, die der Gewalt wegen gezeigt werden und diese hochstilisieren, mit seiner roten Farbästhetik verschmelzen lassen. Abgeschnittene Ohren, eingeschnittene Augen, viele entfernte Gliedmaßen (Wozu spielt der Film sonst in Asien, wenn man nicht Schwerter einbaut?). Der Film ist dabei nicht selten unfreiwillig komisch und einfach nur bis zur letzten Sekunde der Spielzeit (denn es geht wirklich pausenlos so) enervierend.

Charakterzeichnung: Nein

Natürlich ist das alles eine surrealistische Groteske und die Figuren sind symbolisch überzeichnet, aber das rettet leider gar nichts. Für eine individuelle Rachegeschichte ist „Only God Forgives“ zu oberflächlich in seiner Figurenzeichnung und vor allem zu sinnlos. Billy erfährt gar keine Figurenzeichnung, die Mutter ist der Teufel selbst und nichts anderes und somit schon nach zwei Sätzen unglaubwürdig und over the top, der Thai-Schwert-Mann wird nur durch sein permanentes Gemetzel „charakterisiert“ und Protagonist Julian ist zwar ein stilles Wasser, aber gerade dadurch vielleicht noch die einzige annähernd gelungene Figur, weil man als Zuschauer bereit ist, sich mit ihr auseinanderzusetzen und ihre Bedeutung für die Geschichte nicht auf dem silbernen Metzgerteller serviert wird. Die ganze familiäre Situation wird noch mit einer halbgaren, effekthascherischen Ödipus-Komplex zusammengeklebt und die Kritiker fallen auf diesen Blödsinn auch noch rein, wenn die Mutter die Penisgrößen ihrer Söhne genussvoll bewertet. Man sollte dem Film also den Gefallen machen, das sich auf dem Bildschirm abspielende in irgendeinem allegorischen Sinn zu verstehen.

[spoiler]Damit also niemand sagt, ich habe mich mit dem Film nicht auseinandergesetzt. Ich habe drei Weisen gefunden, wie man das Gezeigte irgendwie mit Sinn füllen könnte. Immerhin.

1. Gewalt der Gewalt wegen:

Alle Figuren sind böse und vom vergebenden Gott abzugrenzen. Der Mensch ist schlecht. Er rächt und er tötet. Es ist völlig irrelevant, warum Billy die Prostituierte getötet hat oder der Thai-Rächer so bescheuert Selbstjustiz ausübt. Der Mensch ist so und wir als Publikum haben die Aufgabe das Gezeigte zu sehen und zu hinterfragen und den Menschen böse zu finden.

Problem: Dann ist der Film einfach gewaltverherrlichend und zu sagen „Der Mensch ist schlecht, nur Gott ist gut.“ ist einfach eine fatale Aussage. Natürlich sollte man daran glauben, dass der Mensch in der Lage ist zu vergeben, dass er über den Mechanismen der Gewalt stehen kann.

2. Der inkarnierte Gott:

Es wirkt ein wenig weit hergeholt, aber diese Interpretation deckt sich wirklich mit dem, was Winding Refn zu seinem Film gesagt haben soll, er wolle einen Film über einen Mann drehen, der gegen Gott kämpft. Der Thai-Schwert-Rächer ist also Gott oder hält sich zumindest dafür. Er richtet die Menschen für ihre Sünden, aber er ist auch zum Vergeben fähig (es wird ja nicht gänzlich geklärt, ob der Thai-Rächer Julian am Ende nicht doch vergibt). Der Thai-Kämpfer ist ja auch eine gerade zu unbesiegbare Figur (was den Film auch jegliche Spannung nimmt), die keinerlei Schwächen hat und auf den die Menschen merkwürdig-unterwürfig handeln (Beispiele: Der alte Mann mit dem Kind, der sich mit seinem Schicksal abfindet oder die Frauen, die sofort auf Anweisung ihre Augen verschließen.) Winding Refn spielt zudem mit ein paar religiösen Anspielungen, z.B. ist es gar nicht so abwegig, den vollkommen deplatzierten Faustkampf zwischen Julian und dem Thai-Rächer, der zuvor und danach nur am Metzeln ist, aber in diesem Fall — warum auch immer — nur die Fäuste benutzt, tatsächlich als Anspielung auf das Ringen Jakobs mit Gott (1. Buch Mose) zu verstehen.

Problem: Gott als unsympathischen Rächer darzustellen, dürfte niemanden ernsthaft zufriedenstellen. Immerhin hätte man die Unverstehbarkeit Gottes einigermaßen abbilden können.

3. Der Kriegszustand:

Die krankhafte Familiensituation wird im Mordfall der Prostituierten auf eine Unschuldige ausgelagert (darüberhinaus noch auf ausländischem Boden). Man kann die Familie Julians als eine Kriegspartei, wenn nicht gar eine Nation verstehen, die ihre eigene Krankhaftigkeit mit der Konfliktsuche auslebt; die gegenübergestellte Partei handelt aus falschem Stolz heraus. Der Thai-Rächer ist nicht mit der getöten Sechzehnjährigen verwandt, aber erhebt den Anspruch über deren Wertesystem zu entscheiden und die Demütigung des Vaters wird zu seiner eigenen. Was folgt ist ein Teufelskreis der Gewalt, in den auch einigermaßen die ödipale Familiesituation passt: Julian begehrt die Zuneigung seiner Mutter, die aber eher sein Bruder bekommt. Im Laufe des Films sagt die Mutter, dass alles gut zwischen den beiden werde, wenn er sie ein letztes Mal vor dem Thai-Mann beschützt. Zynischerweise sieht dieser Schutz auch eine Tötung der Familie des Thais vor. Wer sein Vaterland (oder Mutterland) liebt, der soll doch gefälligst die Kinder des anderen Landes töten. Eine Kriegsallegorie.[/spoiler]

Wie man es dreht oder wendet, ist die Umsetzung in „Only God Forgives“ aber einfach mit keiner Lesart zu rechtfertigen. Dass bei so variantenreicher Dauergewalt mit ein bisschen in die Luft schießender Ödipus-Provokation auch mal ein interpretierbarer Glückstreffer dabei ist, ist nicht weiter verwunderlich. „Only God Forgives“ bleibt ein zielloser, perverser Film, dem man nicht grundlos Gewaltverherrlichung vorwerfen kann.
Ein prätentiöser Antifilm, lächerlich in seinem Gewaltangebot und so unrealistisch in seiner Geschichte wie es die FSK-Freigabe des Films ist. Nur, weil der Film aussieht wie rote Grütze sollte man sich nicht einreden, dass einem der Film auch schmeckt.

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