Mysterious Skin

Kontrovers ist bestenfalls das Thema.

Originaltitel: Mysterious Skin
Alternativtitel: Mysterious Skin – Unter die Haut
Produktionsland: USA
Veröffentlichungsjahr: 2004
Regie: Gregg Araki
Drehbuch: Gregg Araki
Produktion: Gregg Araki, Wouter Barendrecht, Jeffrey Levy-Hinte
Kamera: Steve Gainer
Montage: Gregg Araki
Musik: Harold Budd, Robin Guthrie
Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Brady Corbet, Jeffrey Licon, Mary Lynn Rajskub, Elisabeth Shue, Bill Sage, Michelle Trachtenberg
Altersfreigabe: FSK 18
Laufzeit: 105 Minuten

Als der Achtjährige Brian im Keller seines Elternhauses zu sich kommt, kann er sich nicht daran erinnern, was in den letzten Stunden mit ihm passiert ist. Die für ihn nahe liegendste Erklärung für seinen Black Out scheint eine Entführung durch Außerirdische zu sein. Zur gleichen Zeit erlebt der gleichaltrige Neil eine weitaus greifbarere, aber ähnlich schicksalhafte Erfahrung, als er sich in den Trainer seiner Baseballmannschaft verliebt. Auch für Neil beginnt eine verhängnisvolle Verkettung von Umständen, die sein weiteres Leben auf eine unmoralische Weise prägen wird. 10 Jahre später treffen sich beide in ihrer Heimatstadt wieder und versuchen gemeinsam, die Ereignisse in ihrer Kindheit zu ergründen. Doch die Reise in ihre Vergangenheit wird zu einem Trip in die Hölle, als sich nach und nach die ganze Wahrheit offenbart.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Das Thema Pädophilie wird von den meisten Filmschaffenden doch noch eher mit Samthandschuhen angefasst. Wenn sich ein Film tatsächlich profund damit auseinandersetzen und die Pädophilie nicht nur als charakterisierendes Element für einen Bösewicht verwenden will, ist man in der Filmdistribution doch noch eher vorsichtig und hat im deutschen Fall das Drama „Mysterious Skin“ mit einem dicken FSK-18-Siegel versehen. Erst 2010 erschien der Film in Deutschland über Störkanal, dabei ist der Film geradezu harmlos in seiner Darstellungsweise und durchaus konventionell in seinem Erzählstil. Gelungen ist er trotzdem, weil er die richtigen Töne zu einem heiklen Thema trifft.

Ein Alien-Subplot zum Schmunzeln

Zwei Jungs eint die gemeinsame Kindheit in einer lokalen Baseballmannschaft mit einem pädophilen Coach. Was aus beiden Jungs geworden ist, erzählt der Film in zwei parallelen Storysträngen, die am Ende schließlich klärend zusammengeführt werden. Das Problem: Jedem nicht völlig naiven Zuschauer ist nach 15 bis 20 Minuten völlig klar was passiert ist. Spannung stellt sich keine ein, auch keine Motivation sich auf das „Alien“-Problem von Brian einzustellen, weil einfach absolut offensichtlich ist, was in jener Nacht geschah. Natürlich legt der Film als klärendes Drama darauf nicht seinen absoluten Schwerpunkt, der ganze Alien-Subplot gestaltet sich dadurch aber ziemlich müßig und wäre es nicht so furchtbar traurig, wovon dieser Film handelt, man könnte über die Naivität des Nerds Brian schon wieder lachen. Zum Schmunzeln erregt auch, dass ein weiterer Kindesmissbrauch ausgerechnet auf einer klischeehaft inzestuösen Farm angedeutet wird.

Verdrängung und offensiver Umgang

Viel gelungener ist da der Storystrang um den anderen Jungen: Neil. Dieser hat mit 8 Jahren schon bemerkt, dass er homosexuell ist und hat sich mehr oder weniger seinem Schicksal ein Stricher zu werden hingegeben. Mehr und mehr zeigt sich aber, dass dieser auf dem ersten Blick unbeindruckte Reaktion, auf das was in jener Nacht geschah, auch nur eine ebenso traumatische Spätfolge ist. Dass man sich eben doch nicht freiwillig zu einem willenlosen Sexspielzeug prostituieren lässt, dass beide Jungs eben mit anderer Mentalität auf ihr Trauma reagiert haben. Brian mit Verdrängung und Neil mit offensiverem Umgang. Letztlich sind jedoch beide hilflos dem gegenüber, was uns der Film so ungeschickt erst am Ende beichtet, was aber schon vorher mehr als eindeutig ist.

Vermenschlichung und Anonymisierung von Pädophilen

Eine filmische Kindesmissbrauchkonfrontation, vor allem eine aus Opfersicht, neigt dazu vorschnell Täter auszumachen, diese zu verurteilen und in bestimmte Schubladen zu stecken. Davon kann sich „Mysterious Skin“ lossagen und das ist der größte Verdienst des Werkes. Der Täter ist natürlich ein kranker Mann, aber kein Monstrum. Er redet sich selbst ein, dass er mit den Kindern eine Beziehung auf Augenhöhe führt und dass sie Spaß daran haben. „Der Coach“ wird also vermenschlicht und nicht dämonisiert, gleichzeitig aber anonymisiert; überall auf der Welt können solche Menschen leben.
Ein Streitthema ist die Rolle Neils, denn als jemand der freiwillig auf pädophile Avancen eingeht, ist er eine sehr sehr unwahrscheinliche Figur, die schnell als Rechtfertigung für Pädophilie hätte hinhalten können, was auch viele dem Film zum Vorwurf machten. Letztlich stellt sich aber heraus, dass auch Neil unter der Beziehung zum Coach litt, seelische Traumata davon trug und es eben doch keine pädophile Beziehung auf Augenhöhe geben kann.

Erzählen statt Zeigen

Kontrovers an „Mysterious Skin“ ist bestenfalls das Thema. Die Inszenierung spart jedwede Hardcore-Sexszene aus, es gibt keine explizite Gewaltdarstellung, wenn auch eine Vergewaltigungsszene mit ziemlicher Wucht auf den Magen schlägt. Der cinematische Stil erinnert an gewöhnliche US-amerikanische Crime-Serien. Ganz groß an „Mysterious Skin“ ist dann aber die finale Szene. Es wird nicht gezeigt, aber es wird erzählt. Und beim Erzählten wird nichts ausgespart. Nichts. Vielleicht waren es einfach nur Worte, die der FSK-Prüfstelle den roten 18-Aufkleber wert war.
Wer einen Thriller oder eine kontroverse Arthouse-Perle mit expliziten Darstellungen erwartet, sollte andere Releases aus der Störkanal-Reihe abgrasen. „Mysterious Skin“ ist eher so etwas wie eine etwas härtere aber äußerst gelungene Cold-Case-Folge. Starkes Kino zum Thema Kindesmissbrauch, aber etwas schwächer als die ihn als Geheimtipp lobpreisende Mundpropaganda weismachen will.

6/10

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