Mutter und Sohn

Im Würgegriff der alten Eliten.

Originaltitel: Poziția Copilului
Alternativtitel: Child’s Pose
Produktionsland: Rumänien
Veröffentlichungsjahr: 2013
Regie: Calin Peter Netzer
Drehbuch: Razvan Radulescu, Călin Peter Netzer
Produktion: Călin Peter Netzer, Ada Solomon
Kamera: Andrei Butica
Montage: Dana Bunescu
Musik: Andi Arsenie, Mihai Cosmin Popa, Cristian Tarnovetchi
Darsteller: Luminița Gheorghiu, Bogdan Dumitrache, Natasa Raab, Florin Zamfirescu
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 112 Minuten

Bei einem Verkehrsunfall ist Barbu (Bogdan Dumitrache) für den Tod eines Kindes verantwortlich. Da er zu schnell gefahren ist, droht ihm eine langjährige Gefängnisstrafe. Während Barbu lethargisch passiv bleibt, beschließt seine Mutter Cornelia (Luminita Gheorghiu) die Angelegenheit für ihren Sohn zu regeln. Als Dame der rumänischen Oberschicht versucht sie ihren Reichtum und ihre soziale Stellung zur Entlastung ihres Sohnes einzusetzen. Die versucht Zeugen zu bestechen und die Opfer ruhig zu kaufen.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Bedächtig raucht Cornelia an ihrer Zigarette. Sie weiß genau, was zu tun ist. Was Polizisten, Richter und Zeugen von ihr hören wollen, damit sie das kriegt, was sie will. Calin Peter Netzer hat einen Film über die Mutter als gesellschaftliches Pars pro toto für die aktuelle rumänische Administrative gedreht. Der inhaltlich minimalistische Berlinale-Gewinner ist politisch so deutlich skizziert, dass man nicht drum herum kommt, ihn als gesellschaftspolitische Momentaufnahme zu lesen. Das war dem Regisseur ebenso klar wie der Berlinale-Jury, die eh für politische Statements bekannt ist. Rein filmisch wird hier aber eher nur solide Kost geliefert, weswegen der von mir heißerwartete New-Wave-Film eher zu den leisen Enttäuschungen des Kinojahres 2013 gehört.

Realismus als Basic-Grammatik

Auch wenn die Bildsprache des Films auf eine konsequent-hektische Wackelkamera-Optik setzt, bleibt der erwünschte Effekt doch im Grunde derselbe wie beim ruhigeren Mungiu etwa: Gesellschaftspolitische Filme haben realistisch zu sein. Und irgendwie ist Wackelhandkamera ja auch nur ein Dialekt der aktuellen modischen Realismus-Kamerasprache des gesellschaftskritischen Arthouse-Weltkino. Aber das ist ohnehin eine Sprache, die von der Zielgruppe des Films (so klein sie sein mag) verstanden wird. Bei Netzer ist sie aber doch recht striktes Mittel zum Zweck. Routiniert wird die Handlung runterdokumentiert, im Mittelpunkt stehen klar die Schauspieler.

Die Mutter als Projektionsfläche

Die Schauspielerin Luminița Gheorghiu, die die Mutter spielt, trägt den ganzen Film. Netzer geht sogar so weit mit purer Absicht die Figur des Sohnes uneinsichtig und mit wenig Bildschirmpräsenz auszustatten, sodass die den Sohn betreffenden Interpretationen nur über die Erziehung der Mutter verläuft und somit wieder Interpretation der Mutter wird. Der subtextuelle Plan, den Netzer hier ausbreitet, ist sehr leicht durchschaubar und fest an die einfache Handlung gekoppelt.

Eine Generation im Würgegriff alter Eliten

Übersetzt bedeutet der Filmtitel so viel wie „Position des Kindes“, das Kind ist in diesem Fall der Sohn Barbu und stellvertretend für die Generation die in der Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs vom Sozialismus zum Liberalismus geboren und aufgewachsen ist. Andererseits deutet der Film an, dass Barbu selbst nicht Vater werden möchte und zudem noch ein Kind aus anderen gesellschaftlichen Verhältnissen überfährt. Der Film ist also recht deutlich als Kritik an einer Generation zu lesen, die sich noch im Würgegriff der alten Eliten befindet und selbst noch keine Verantwortung übernehmen kann oder will, zudem keine Solidarität unter den unterschiedlichen sozialen Klassen einstellen kann (Barbus Verhältnis zu dem Vater des toten Kindes, der einer Arbeiterschicht entstammt, ist abweisend und ahnungslos einer Umgangsform).

Zwischen Farhadi und Mungiu

„Mutter & Sohn“ eignet sich vor allem für Interessierte an der aktuellen Lage der post-sozialistischen Gesellschaft Rumäniens und an Beobachter der rumänischen New Wave, als psychologisches Drama wird es seinem Ruf nicht wirklich gerecht. Der Autounfall, der zwei gegensätzliche Stände aufeinander prallen lässt und Gegenstände wie Ehre, gesellschaftlicher Status und Gerechtigkeit abhandelt, erinnert an das, was Asghar Farhadi schon seit Jahren mit meisterhaften Drehbüchern behandelt. Davon ist der junge Calin Peter Netzer noch entfernt, auch findet er in „Mutter & Sohn“ nicht den präzisen Anspielungsreichtum seines Regie-Kollegen Mungiu. Man kann trotzdem gespannt sein, was man in Zukunft von Netzer erwarten darf. Einen gewonnenes A-Film-Festival hat bisher weder Farhadi noch Mungiu geschadet.

6/10

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