Mittlere Reife

Eine Waffe namens Internet.

Originaltitel: Mittlere Reife
Produktionsland: Deutschland
Veröffentlichungsjahr: 2012
Regie: Martin Enlen
Drehbuch: Ariela Bogenberger
Produktion: Inge Fleckenstein (Hessischer Rundfunk)
Kamera: Philipp Timme
Montage: Stefan Kraushaar
Musik: Dieter Schleip
Darsteller: Bernadette Heerwagen, Herbert Knaup, Jannik Schümann, Sonja Gerhardt
Altersfreigabe: FSK /
Laufzeit: ca. 90 Minuten

Ausnahmezustand in einer Frankfurter Haupt- und Realschule. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion sind die Fassaden des modernen Zweckbaus mit provokativen Graffitis besprüht worden. „Jetzt ist Schluss mit der Sozialromantik“, wettert eine erfahrene Kollegin. Die jüngeren Lehrer wie die Referendarin Mechthild Bremer können sich ein süffisantes Lächeln nicht verkneifen. Der Rektor als Knast-Verwalter inmitten einer perfekt gesprayten Hinter-Gittern-Ikonografie. Echt gut getroffen. Der Kunstlehrer erahnt die Handschrift. Die Polizei – Abteilung Ermittlungsgruppe Graffiti – vermutet, dass hinter dem Ganzen ein Erwachsener steckt. Derweil geht das Leben an der Schule weiter. Kollegin Bremer bekommt vom Rektor einen Nachmittagskurs Ethik aufs Auge gedrückt – für fünf Härtefälle der Schule. Für sie die einzige Alternative zum Schulverweis. Hätte der Schulvorsteher nur geahnt, was aus diesem Kurs angewandter Philosophie entstehen würde – er hätte die Finger davon gelassen
Quelle: Tittelbach.tv

Kritik:

Der deutsche Fernsehfilm ist immernoch eine Sache für sich. Meistens dient eine zweckmäßige Umsetzung eines vorhersehbaren Drehbuchs von der Stange letztendlich lediglich als Aufhänger eines ARD/ZDF-Themenabends. Von den unsäglichen Katastrophenfilme aus Privatsenderproduktion ganz zu schweigen. Große thematische oder stilistische Wagnisse sind von TV-Produktionen ohnehin nicht zu erwarten, da kann man sich fast glücklich schätzen, wenn man wenigstens einen Film vorgesetzt bekommt, dessen vorgefertigte Einzelteile wenigstens ein stimmiges Gesamtbild ergeben und die Anstoß zur Diskussion des behandelten Themas bieten können, ohne dass man sich über Skript- und Castingfauxpas auslassen müsste. Kurz und knapp: Einer dieser besseren Filme ist auch „Mittlere Reife“.

Ungewohnt liebevolle TV-Produktion

Fünf schwierige Charaktere, auf ihre eigene Art und Weise Außenseiter werden in einen provisorischen Nachmittagsethikkurs der jungen Referendarin Frau Bremer gesteckt. Timm ist der Sohn des Direktors, ein hyperaktiver Computernerd, dessen großes Vorbild die Karriere Bill Gates‘ ist, Isabell die Strebsame mit Alkoholikervater, Alexander ein schweigsam-intelligenter Migrantensohn, Kausti ein künstlerisch-begabter Ausreißer mit intelektuellem Anarcho-Opa und Karin, das impulsive Mädchen aus dem schwierigen, kleinkriminellen Elternhaus. Zögerliche Annäherungsversuche enden schnell in einer positiven Gruppendynamik, in der jeder der Figuren ihre Fähigkeiten einbringen kann und voneinander lernen kann. Daraus resultiert schnell die Idee einer Bildungsrevolution. Friedlich und ganz im Stile der „Generation Facebook“: Sitzstreiks als Flashmob und freie Meinungsäußerung auf der eigenen Website, namens www.schueler-machen-schule.de, die es tatsächlich gibt. Ein schöner Einfall der Macher, der selten im „Schnellverfahren TV-Filmproduktion“ geworden ist.

Das Möglichste herausgeholt

„Mittlere Reife“ gelingt es der Drehbuchfalle „Schülerstereotypen“ zu entkommen, wie es nur geht. Klar, auch hier gibt es etwa die Streber-Type, die Freak-Type und die Rüpel-Type, aber Drehbuchautorin Ariela Bogenberger gelang es tatsächlich ihren Figuren soviel Ambivalenz und außergewöhnliche Hintergründe zu verleihen, wie es für eine 90-minütige Fernsehproduktion nur möglich ist. Und auch wenn die ein oder andere entlockte Emotion beim Zuschauer durch teuer-lizenzierte Rihanna-, Lily Allen-, oder RHCP-Hintergrundmusik erkauft ist, merkt man dem jungen Cast merkbar an, dass hier mit Spaß zusammengearbeitet wurde und diese „positive Gruppendynamik“ überträgt sich auch auf den Zuschauer. Zudem werden alle Positionen, vom Lehrer, bis zum Direktor bis zu den verschiedenen Schülertypen mit nachvollziehbaren Handlungsmotiven ausgerüstet und so dem Zuschauer die ganze Möglichkeit zur unvoreingenommenen Diskussion übertragen.

Optimistisch und progressiv

Da gibt es zum Beispiel auch bei den Ameisen welche, die nur rumlaufen und neugierig sind und nicht wie die Anderen das Fressen bringen, sondern die Hauptaufgabe von denen ist es, neue Wege zu finden.

Es ist eine links-liberale Jugend, die „Mittlere Reife“ poträtiert. Eine Jugend, die rebelliert, weil sie es kann. Weil sie eine Waffe, namens Internet in der Hand hat, die in der Elterngeneration nicht (genug) verstanden oder gar missverstanden wird. Die ARD-Produktion wagt es klar Stellung zu beziehen und interpretiert Hoffnungen in diesen neuen, revolutionären Geist der Jugend (Wer weiß, wie eine ZDF-Produktion aussähe). Die fünf Schüler, die „Mittlere Reife“ thematisiert sind missverstandene (Lebens)-Künstler, die in die Vorstellungen der Elterngeneration nicht so ganz reinzupassen scheinen. Martin Enlens Film zeigt eine Jugend, der man vertrauen kann und die auf der morschen disziplinären Ordnung der Vorgenerationen ihre eigenen Vorstellungen aufdrückt und gewaltlos durchsetzt. Soviel kritikloser Umgang mit der Jugend ist zwar ehrenwert, aber auch vielleicht etwas zu einfach und naiv. Filme wie „Project X“ oder „Homevideo“ zeigen, wie die Macht des Internets (die ja auch nicht mehr ist als eine übertragene Macht der Gemeinschaft) auch durch bloße Willkür missbraucht werden kann. Man hätte „Mittlere Reife“ auch weiterspinnen können: Was wäre wenn die Schülerrevolution nicht von selbst gestoppt werden würde? Was wäre wenn irgendwann aus bloßem Überlegenheitsgefühl und Trotz nur noch gestreikt würde? Und das landesweit? Das Internet könnte das ganze deutsche Bildungssystem gewerkschaftlich lahmlegen. Aber das wäre vielleicht eher Thema für eine ZDF-Produktion geworden …

Vertrauen in die Generation

„Mittlere Reife“ ist eine Ausnahme einer ellenlangen Liste an misslungener, unausgegorener Zweck-Themenfilme aus der TV-Produktion. Auch wenn die Geschichte hier und da etwas naiv scheint, ist die Aussage dahinter ein mutiges und meines Erachtens richtiges Zeichen unserer Generation zu vertrauen. Auch Schauspielerriege und Drehbuch heben sich erfrischend vom „Einheitsbrei Fernsehabend“ ab. Chapeau.

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