M

Verbrecher jagen „Verbrecher“: Lang verweist auf die Nazis.

Originaltitel: M
Alternativtitel: M — Eine Stadt sucht einen Mörder
Produktionsland: Deutsches Reich
Veröffentlichungsjahr: 1931
Regie: Fritz Lang
Drehbuch: Fritz Lang, Thea von Harbou
Produktion: Seymour Nebenzahl
Kamera: Fritz Arno Wagner
Montage: Paul Falkenberg
Darsteller: Peter Lorre, Inge Landgut, Ellen Widmann, Gustaf Gründgens, Friedrich Gnaß, Fritz Odemar, Paul Kemp, Theo Lingen, Ernst Stahl-Nachbaur
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 107 / 117 Minuten

Berlin in den 1930er Jahren. Die ganze Stadt spricht von den bestialischen Untaten eines Kindermörders. Die Bevölkerung sieht in jedem Fremden einen Verdächtigen. Trotzdem fällt ein Kind nach dem anderen Hans Beckert (Peter Lorre) zum Opfer. Die Polizei unter dem Kommando von Kommissar Karl Lohmann (Otto Wernicke) steht machtlos einem Phantom gegenüber. Da auch die übrige Verbrecherwelt unter der erhöhten Polizei-Präsenz leidet, schließt sich die Unterwelt der Suche nach dem Mörder mit ihren eigenen Mitteln an. Unter der Leitung des Schränkers (Gustaf Gründgens) wollen sie den Mörder vor ihr eigenes Tribunal stellen, um ihre Vorstellung von Gerechtigkeit durchzusetzen.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

„M“, der von Fritz Lang tatsächlich ausdrücklich „M“ und nicht „M — Eine Stadt sucht einen Mörder“ benannt wurde, überzeugt auch abseits von seiner handwerklich-richtungsweisenden Machart, die ihn zum historischen Meisterwerk des jungen Tonfilms machte und eines der ultra-sexiesten Filmposter der Filmgeschichte mit inneren Werten, auch wenn diese weniger ausgereift sind als jene anzunehmen vermögen, die in diesem Film ein absolut makelloses Meisterwerk sehen.

Goebbels sah, was er sehen wollte

Es ist offensichtlich, dass Lang seinen Film auf die aktuelle politische Lage in Deutschland Anfang der 30er Jahre abzielt. Damit meint er natürlich die Nazis. Ein früher Titel des Films hieß „Mörder Unter Uns“, womit durch die Plural/Singular-Doppeldeutigkeit des Namens die Nationalsozialisten genauso wie der Kindermörder im Film gemeint war. Das checkten aber die Nazis und konnten Druck ausüben und eine Umbenennung erwirken. Was Goebbels aber damals nicht verstand, war die Aussage des Films: „Abends mit Magda Film ‚M‘ von Fritz Lang gesehen. Fabelhaft! Gegen die Humanitätsduselei. Für Todesstrafe! Gut gemacht. Lang wird einmal unser Regisseur. Er ist schöpferisch.“ Wie ein intelligenter Propaganda-Meister wie Goebbels diese doch sehr deutliche Botschaft fehlinterpretieren kann, ist im Nachhinein schon amüsant. Zumal der Film von dem Juden Seymour Nebenzahl produziert wurde. Vielleicht hat Goebbels die Figur des Schränkers zu sehr als Protagonist gesehen, was sie aber nicht ist.

Verbrecher jagen „Verbrecher“

Das Genialste an „M“ ist, dass er Verbrecher einen Verbrecher jagen lässt. Beziehungsweise mehr noch jagen hier Verbrecher einen Kranken. Die Seitenhiebe auf die Nazis sind überdeutlich. Nichts anderes als Verbrecher wollen einen Menschen jagen und mit Selbstjustiz zur Rechenschaft ziehen, der nichts für sein Tun kann, der dennoch als staatsgefährlich und subversiv erachtet wird und aus der Gesellschaft entfernt werden muss. Die Justiz am Ende des Films, die keine ist, deren juristischer Ausgang schon vorbestimmt ist, erinnert an das Reichsgericht des NS-Regimes. Die dem Fall beiwohnenden Zuschauer dem Nazi-Pöbel mit rückständiger ethischer Anschauung, der Mörder sei doch kein Mensch, er müsse totgeschlagen werden. „M“ ist ethisch ein sehr reifes Stück Kino, das zum richtigen Zeitpunkt kam, um noch Menschen vor der Nazi-Moral zu bewahren, der seiner Zeit voraus war und in die gefährliche Zukunft wies, aber leider unerhört blieb oder wie von Goebbels fehlinterpretiert wurde.

Das Verhöhnen als Inkohärenz

Eine Schwäche des Films: Lang hat sich scheinbar noch von seiner ersten Drehbuchidee eines Kriminalthrillers beeinflussen lassen, auf dessen Idee er durch einen Zeitungsartikel kam. Abgesehen davon, dass der Film die meiste Zeit „nur“ ein technisch hochklassiger Kriminalthriller ist und seine moralische Schlagkraft erst im Finale erreicht, ist die Tatsache, dass der Mörder einen Brief der Presse schreibt auch der Moral des Films ein wenig abträglich. Wenn wir hier von einem Kranken sprechen, der nichts für sein Schicksal als pädophiler Schänder kann, warum verhöhnt er dann die Öffentlichkeit? Hier passen Ende und Anfang des Films nicht vollends zusammen und schmälern die intentionale Kohärenz des Films ein wenig. Der Schlusssatz ist zwar etwas aufmerksamhascherisch in die Kamera gesäuselt, aber mit der Konsequenz, die dem Film hier und da abhanden gekommen ist.

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