Irgendwo in Europa

Ungarischer Neorealismus. Zeitdokument und Agitation ohne Holzhammersymbolik.

Originaltitel: Valahol Európában
Produktionsland: Ungarn
Veröffentlichungsjahr: 1947
Regie: Géza von Radványi
Drehbuch: Géza von Radványi
Produktion: Géza von Radványi
Kamera: Barnabás Hegyi
Montage: Félix Máriássy
Musik: Dénes Buday
Darsteller: Artúr Somlay, Miklós Gábor, Zsuzsa Bánki, György Bárdy
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 105 Minuten

[…] It depicts the aftermath of World War II and specifically the lives of a gang of orphaned children in a postwar setting. The gang of children steal, cheat, and pillage due largely to the harsh circumstances and the world around them.
Quelle: Wikipedia.org

Kritik:

Der Italienische Neorealismus ist eine der prägendsten Strömungen der Filmgeschichte, die beinahe alles, was filmisch nach dem Zweiten Weltkrieg gefertigt wurde direkt oder indirekt beeinflusst hat. Aber nicht nur in Italien wurden Filme gedreht, die sich als neorealistisch bezeichnen lassen. Auch wenn sich „Irgendwo in Europa“ aufgrund seiner geringen Bekanntheit wohl weniger als konkretes Vorbild für das Weltkino seiner Zeit identifizieren lässt, steht er qualitativ seinen italienischen Pendants in nichts nach. Géza von Radványi hat anno 1947 ein stimmiges Bild eines Nachkriegsungarns gedreht, das in gemäßigten linkspolitischen Tönen und ohne triefende Sentimentalität daherkommt.

Als Ungarn noch nicht sozialistisch war

Ja, „Irgendwo in Europa“ gehört zu solchen Filmen, die einen kleinen Wikipedia-Besuch erfordern, um die ungarische Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein bisschen besser einordnen zu können. Gar nicht mal für die Verständnis des Films selbst, sondern um seine Produktionsbedingungen einordnen zu können. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg buhlten mehrere politische Strömungen um die Herrschaft in Ungarn, die allesamt eigene Kinoproduktionsteams, -vertriebe und Kinos besaßen. Erst 1949 wurde Ungarn sozialistisch und unter stalinistischen Prinzipien extrem autoritär und mit drastischem Umgang gegenüber politischen Gegner vom „starken Mann“ Mátyás Rákosi geführt. Dass dieselbe politische Strömung damals Géza von Radványi mit seinem neorealistischem Film unterstützten, erscheint dabei geradezu ironisch. Denn sein Film ist von höchst subtiler politischer Agitation und vollkommen ohne Holzhammer-Symbolik, die Hammer & Sichel propagieren.

Post-Weltkriegs-Ungarn: Originalschauplätze

Der Film handelt von Kindern, die in den Trümmern des Post-Weltkriegs-Ungarn nach Nahrungsmitteln und einer Bleibe suchen. Harter, beinahe animalischer Überlebenskampf, ohne Regeln. Und so differenziert zeigt Radványi das Geschehen, dass er seine Kinder sogar morden lässt, später dieselben Filme aber als klare Protagonisten um seine politische Botschaft herum organisiert. Kontrastiert werden diese Bilder von Originalaufnahmen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs: Kampf-Flugzeuge, marschierendes Soldatenschuhwerk, Verwüstung und Zerstörung. Der Film kontextualisiert sich hier als eine konkrete Nachkriegshandlung, die Schuldige zu Kriegszeiten und zur damaligen Gegenwart gleichermaßen herausarbeitet und eine eigene Stellungnahme dazu liefert. Gedreht wurde mit Laiendarstellern an Originalschauplätzen wie es auch ein Vittorio de Sica nicht anders gemacht hätte.

Eine Absage an die Todesstrafe

Man kann den Film grob in zwei Hälften einteilen: Die erste setzt sich ausführlich mit der obdachlosen und anomischen Situation der Straßenkinder aus einander. Diese erste halbe Stunde ist ein wunderbares Zeitdokument, es zeigt diesen Ausnahmezustand auf viele verschiedene Weise sehr detailliert und findet seinen memorabelsten Moment in der Ermordung eines unschuldigen Lastwagenfahrers. Nach dieser halben Stunde finden sich die Kinder in einer verlassenen Burg wieder und treffen auf einen Musiker und Intellektuellen, der den Archetypen eines sozialistischen Vordenker und Humanisten darstellt. Er prägt fortan die politische Entwicklung der Kinder und nimmt eine Leader-Funktion ein, allerdings erst als er interessanterweise zunächst gefangen genommen wurde und seine mögliche Ermordung diskutiert wurde. Am Anfang der „sozialistischen Aufklärung“ steht also eine eigene Entscheidung gegen die Todesstrafe, eine humanistische Bereitschaft als Mindestanforderung für den Sozialismus quasi. Eine ganz hübsche Beobachtung angesichts der Tatsache, dass in sämtlichen Staaten, in denen man ihren Versuch des Sozialismus rückblickend als gescheitert ansieht, durchweg die Todesstrafe praktiziert wurde. Einschließlich Ungarn.

Die Marseillaise in Ungarn

Der Titel impliziert eine internationale Auslegung: was im Film passiert, ist auch in jedem anderen europäischen Erbe des Zweiten Weltkriegs denkbar. Da passt es auch, dass der Film als Leitmotiv gegenüber ungarischer Folklore die Marseillaise entgegensetzt. Nicht nur Liberté, Égalité, Fraternité als republikanische Ideale schwingen hier mit, sondern auch eine Absage an magyarischen Nationalismus. Natürlich arbeitet auch „Irgendwo in Europa“ mit dramatischen Vereinfachungen wie einen klaren Antagonisten, an dem der Film kein gutes Haar lässt (in dem Fall der Übergangsstaat und die Polizei), der genau so auch aus den Propagandafilmen eines Eisensteins oder Pudowkins stammen könnte genauso wie ein obligatorischen Märtyrertod. Aber für komplexe Drehbücher sind neorealistische Filme auch eher selten bekannt, sondern eher für angenehm authentische Momente, Geschichtsdokumentarismus und eine Prise Sozialromantik. Und das bietet Radványis Film in bemerkenswerter Schönheit. Die christliche Symbolik, die den Film durchzieht (die einzige Frau im Film heißt Eva, der alte Musiker Simon Peter usw.) kann man zwar als nervig empfinden, in einem sozialistisch-finanziertem Film ist es jedoch eine große Provokation gegen das eigene Lager und somit eine spannende Randnotiz. Da passt es vielleicht auch ganz gut, dass Radványi später in den Westen emigrieren und halbwegs unpolitische Filme machen sollte (auch in Deutschland, z.B. „Mädchen in Uniform“ mit Romy Schneider). Aber bis dahin hat er filmisch gezeigt, wie ein Realsozialismus in Ungarn vielleicht besser gewesen wäre als er es dann wirklich wurde.

7/10

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