How I Ended This Summer

Unkonventioneller Thriller und generationskritisches Statement.

Originaltitel: Как я провёл этим летом
Alternativtitel: Mein Sommer mit Sergej
Produktionsland: Russland
Veröffentlichungsjahr: 2010
Regie: Alexej Popogrebski
Drehbuch: Alexej Popogrebski
Produktion: Roman Borisevich
Kamera: Pavel Kostomarov
Montage: Ivan Lebedev
Musik: Dmitry Katkhanov
Darsteller: Grigori Dobrygin, Sergei Puskepalis
Altersfreigabe: FSK /
Laufzeit: 124 Minuten

Ein Tag, der nahezu einen Sommer lang währt? Ein Kammerspiel in der Weite der arktischen See? Schwer vorstellbar? How I Ended This Summer liefert die nötige Vorstellungskraft: Pavel und Sergej sind Kollegen wider Willen in einer Polarstation auf einer kleinen Insel. Sergej (Sergei Puskepalis) versieht hier in der Einsamkeit schon lange seinen Dienst und hat sich mit den Gegebenheiten arrangiert. Daher ist der Student Pavel (Grigory Dobrygin), der den Sommer für ein Praktikum hier verbringen muss, ein Eindringling, und als solchen behandelt Sergej ihn auch. Doch der Sommer ist lang, und das Schiff, das sie abholt, wird erst in einigen Wochen kommen. Die schwelenden Konflikte werden noch zusätzlich angeheizt, als Pavel einen Funkspruch vom Festland empfängt und – schockiert von seinem Inhalt – diesen Sergej vorenthält.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Auch wenn es für den goldenen Bären nicht gereicht hat, konnte man den russischen Beitrag „How I Ended This Summer“ bei der 60. Ausgabe der Berlinale zu den großen Gewinnern zählen. Gleich zwei silberne Bären, einen für die besten Hauptdarsteller und einen für eine herausragende künstlerische Leistung konnte der Film einheimsen. Dabei sollte man sich vom Cover und vom Label „Psychothriller“, das dem Film aufgegeben wurde, nicht täuschen. „How I Ended This Summer“ ist ein gemächliches, gedulderforderndes Psychospiel, das die ungeduldigeren Zuschauer mit imposanten Naturpanoramen bei Laune hält.

Verpasste Momente der Kommunikation

Hingegen des Klischees des immer kalten Russlands gibt es selbst dort deutlich angenehmere Orte, um seinen Sommer zu verbringen als das arktische Nordmeer, wohin es den Studenten Pawel verschlägt. In einer Forschungsstation wartet harte Arbeit auf ihn, er jedoch ist ein eher kindgebliebenes Spielkalb und versucht jede Minute Zeit für seine Kopfhörer, sein Videospiel („S.T.A.L.K.E.R.“) oder andere Möglichkeiten zu finden, den monotonen Alltag auf der Station in eine spaßige Angelegenheit zu verwandeln. Ganz anders sein routinierter Kollege Sergej, der schon seit Jahren auf der Station zu arbeiten scheint und ganz in den Ernst seiner Arbeit vertieft ist. Als Pawel erfährt, dass Sergejs Familie bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, versucht er sich um die Verantwortung zu drücken, es ihm zu beichten. Umso prekärer die Lüge wird, desto schwieriger erscheint ihm die Beichte. In der menschenleeren Ödnis entwickelt sich schnell zwangsweise eine Intimität zwischen den Figuren, die Chance daraus sich kennen zu lernen, verpassen beide, sodass letztlich einer wie der andere in der Zweisamkeit einsam bleibt. Diese Konstellation legt den Grundstein für das folgende, da beide nicht wissen, wie der andere denkt und funktioniert, entwickelt sich eine psychologische Spannung bei der schnell die Nerven blank liegen.

Generationskritisches Statement

Popogrebskis Werk ist auch als generationskritisches Statement zu verstehen. Die Voraussetzung für das Missverständnis der Figuren entwickelt sich aus dem minderwertig bis gar nicht entwickelten Pflichtbewusstsein seines jungen Protagonisten, der zudem ein vom Leben verwöhnter Träumer zu sein scheint. Manche mögen das Verhalten von Pawel für unwahrscheinlich halten, aber die sich auftürmenden Kurzschlussreaktionen haben etwas von einer ihm in Videospiel und Film vorgekauten Wirklichkeit. Beide Figuren sind beeindruckend gespielt, die Identifikation mit Pawel fällt aber eher schwer.

Die Natur ist der Star

Die große Stärke des Films sind die Landschaftsaufnahmen, an die die erzählerische Geschwindigkeit des Films geradezu angepasst ist. Dass die Natur der Star ist, daraus macht Popogrebski keinen Hehl. Die Einstellungen enden teilweise erst nach Minuten, wenn schon längst keine menschliche Figur mehr daran teilhat. Die bedrückende Leere und Kühle des Raums machen den Film greifbar und atmosphärisch. Beeindruckend etwa eine Szene in der Pawel in dichtem Nebel mit einer Leuchtfackel herumfuchtelt, um einen Helikopter auf sich aufmerksam zu machen. „How I Ended This Summer“ versucht sich in der zeiten Hälfte mit Thrillerelementen zu hantieren, aber bleibt darin elegant im Rhythmus seiner langsamen, monströsen Bilder. Auf eine Dardenne-artige Weise baut Popogrebski Spannung auf, ohne aus dem Genre eines stillen Dramas zu fallen, das eher an dem menschenfeindlichen Nordmeer Russlands interessiert scheint — ist sie doch auch die perfekte Metapher für die Einsamkeit seiner Figuren, die sie letztlich gegen einander aufbringt.
„How I Ended This Summer“ ist eine unterkühlte Filmerfahrung, die den Konflikt seiner Figuren nicht auf eine knackige Dramaturgie verdichtet, sondern sie im weiten Weiß des russischen Nordmeeres ausbreitet. Wer sich darauf einlassen kann, erlebt ein unkoventionelles, eigenes Stück junger russischer Filmkunst mit Ecken und Kanten.

72%

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