Herbst — Sonbahar

Ein hilfloses Miteinander: Zwei Kindgebliebene treffen aufeinander.

Originaltitel: Sonbahar
Produktionsland: Türkei
Veröffentlichungsjahr: 2008
Regie: Özcan Alper
Drehbuch: Özcan Alpler
Produktion: F. Serkan Acar, Kadir Sözen
Kamera: Feza Caldiran
Montage: Thomas Balkenhol
Darsteller: Onur Saylak, Megi Kobaladze, Sergan Keskin, Raife Yenigül u.A.
Altersfreigabe: FSK /
Laufzeit: 95 Minuten

Die Haftstrafe für sein sozialistisches Engagement wird dem schwer erkrankten Yusuf verkürzt, so dass er nach zehn Jahren zu seiner Mutter in die türkischen Berge zurückkehren kann. Es beginnt eine Zeit zwischen der Abgeschiedenheit der dörflichen Welt und der Stadt, wo Yusuf die schöne Prostituierte Eka kennenlernt. Als sich Yusuf in Eka verliebt, klammert er sich mit der Kraft der Verzweiflung an sie, doch schnell wird klar, dass ihre Liebe keine Zukunft hat.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Özcan Alpers Debütfilm wirft uns in eine osttürkische Mittelmeerregion, rural geprägt und Heimat des sozialistischen Yusufs, der wegen politischer Aktivität 10 Jahre im Gefängnis verweilte. Seine Jugend, seine besten Jahre. Ihm gegenüber steht die georgische Prostituierte Eka, deren Herkunft sich dem nichttürkischen Zuschauer, der das möglicherweise nicht ganz muttersprachlich reine türkisch, dass sie spricht, erst durch Visumsandeutungen und ihr Interesse für russische Literatur erschließt. Beide Figuren, um die sich der Film dreht, borden sich nicht sonderlich auf. Es sind kleine charakterliche Facetten, nicht immer leicht zu greifen, aber manchmal durchbricht Alper das realistisch-halbstumme Erzähltempo berühmter zeitgenössischer Vorbilder wie Nuri Bilge Ceylan oder Semih Kaplanoglu mit einem malerischen Zitat, das dem Zuschauer ein interpretatorisches Stück Fleisch in den Rachen wirft und die darauffolgende Szene hilflosen Weines im Bus eine schöne Tiefe verleiht:

Weißt du, es ist als würdest du nicht in dieser Zeit leben … Als wärst du aus einem russischen Roman. Weißt du woran ich denke? Wie schön wäre es, wenn wir alles hinter uns lassen könnten und gemeinsam auf eine lange Reise gehen könnten.

Kindgeliebene

„Sonbahar“s Figuren sind Kind geblieben, haben ihre Jugend nie erlebt und mit Prostitution und Gefängnis verschwendet. Ebenso hilflos stehen sie sich gegenüber, nur wissend, dass sie einander gefallen und ihre Zweisamkeit einen leidlindernden Effekt hat. Ekas Vorliebe für russische Literatur (vermutlich gerade welche in einer elegant-bürgerlichen Vergangenheit spielende) zeigt ihre eskapistische und ganz und gar kindliche Träumerei. Währenddessen scheint Yusuf sein Leben bereits als verloren anzusehen, er will seiner Mutter und dem kleinen Jungen Onur immerhin noch einen Nutzen sein, immer wieder zeigt sich aber wie unvorsichtig er absichtlich mit seiner Gesundheit umgeht (Alkohol, in die Wellen laufen, Bergausflug, Draußenschlafen).

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Großartig, trotz offenbarter Unreife

Alpers filmischer Stil unterscheidet sich von Ceylan und Kaplanoglu in einer weniger vorhandenen Konsequenz. Es gibt kein typisches Alper-Bild. Immer wieder wird die Umgebung in ruhigem und starken Bild á la Ceylan aufgefangen, dann aber gibt es immer wieder unruhige, eher unpassende Kamerafahrten und TV-Materialeinschnitte, die die Gefängnissituation zeigen, aber als Spiegel der Seele Yusufs eher scheitern. Es sind unsaubere, nicht in den Stil des Films passende Bilder, die ihrer Wirkung schuldig bleiben. Hier offenbart Alper noch genauso Unreife, wie der teils etwas indezente Einsatz von Pianomusik. Als unbedingt gelungen zu kennzeichnen sind aber die Performances der Hauptdarsteller, die die innere schwer fassliche Traurigkeit ihrer gescheiterten Existenzen gut transportieren können.

Das Leben hier draußen ist auch wie ein Gefängnis.

„Sonbahar“ ist ein spannendes, suggestives Drama, mit zwei aufeinander treffenden Individuen, wie sie sich immer und überall begegnen können und begegnen. Alper schafft es mit seiner konzentrierten Regiearbeit den Zuschauer für das Schicksal dieser Schicksalslosen zu sensibilisieren.

7/10

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