Happy-Go-Lucky

Voller schriller Optimismus: An Poppy scheiden sich die Geister.

Originaltitel: Happy-Go-Lucky
Produktionsland: Großbritannien
Veröffentlichungsjahr: 2008
Regie: Mike Leigh
Drehbuch: Mike Leigh
Produktion: Simon Channing Williams
Kamera: Dick Pope
Montage: Jim Clark
Musik: Gary Yershon
Darsteller: Sally Hawkins, Alexis Zegerman, Eddie Marsan, Samuel Roukin, Andrea Riseborough, Nonso Anozie
Altersfreigabe: FSK 6
Laufzeit: 118 Minuten

Poppy (Sally Hawkins), die eigentlich Pauline heißt, arbeitet als Grundschullehrerin im Norden Londons und ist das, was man eine wahre Frohnatur nennt: stets gut gelaunt, offenherzig und hilfsbereit. Poppy muss man einfach gern haben. Mit der großen Liebe hat es allerdings noch nicht so richtig geklappt – ist aber auch halb so wild. Schließlich hat Poppy ja ihre Mitbewohnerin Zoe und einen ganzen Haufen bester Freundinnen. Poppys unbeschwerte Art löst in ihrer oft etwas missgelaunten Umwelt allerdings auch Befremden und Erstaunen aus. Manche Mitmenschen halten sie für etwas zu einfach gestrickt, einige sogar für verrückt. Doch für Poppy ist das Glas eben immer halbvoll und nicht halbleer. Daran kann auch der motzende Fahrlehrer Scotty (Eddie Marsan), der das genaue Gegenteil von Poppy ist, nichts ändern.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Die Figur der Poppy aus „Happy Go Lucky“ wurde vom Filmstarts-Redakteur Björn Helbig als ein Gegenentwurf zu der Figur des Johnnys aus Mike Leighs Debütfilm „Nackt“ begriffen. Auf Johnnys Seite sei ein destruktiver Zynismus das Mittel, um seiner Umwelt zu begegnen, Poppy begegne ihm mit einer endlosen, naturellen Heiterkeit. Ich tat mich bei „Nackt“ recht schwer damit, Johnny auf seine Beweggründe hin zu analysieren, bei „Happy Go Lucky“ scheint es sehr einfach zu sein: Die Unbeschwertheit Poppys ist durch den Filmtitel bereits erklärt und für sich sprechend selbsterklärend.

Optimismus als Heilmittel

Die Aussage des Films ist simpel und dennoch irgendwie schön: Es ist Optimismus, der Wille in den Menschen generell das Gute sehen zu wollen, Vorurteilslosigkeit und erzieherische Geduld, die man den gesellschaftlichen Herausforderungen entgegenwerfen sollte. Poppy ist Grundschullehrerin und in ihrem Beruf sehr erfolgreich. In der Erwachsenenwelt trifft sie ebenfalls Menschen, die ihre erzieherischen „Ideale“ (wenn man sie so nennen kann, denn es kommt ja aus ihrer Natur heraus) hätten gebrauchen können. Einen verwirrten Obdachlosen, der tatsächlich ein wenig an Leighs „Nackt“ erinnerte, begegnet Poppy in einer Szene gleichermaßen mit Angst aber auch mit Vertrauen und Hingabe. Doch merkt sie, dass er vielleicht doch ein hoffnungslosen Individuum ist. Zweifelsohne hätte dieser Verlorene einen Menschen wie Poppy früher in seinem Leben benötigt, ist aber wohl mitten im Sozialabbau der Ära Thatcher aufgewachsen und ein gezeichneter Verlierer der Gesellschaft.

Anregen zum Mitmachen

Die große Reibungsfläche findet Poppy aber im misanthropisch-rassistischen Fahrlehrer Scott, deren psychische Grundlage dem Zuschauer von Fahrstunde zu Fahrstunde klarer werden. Die Fahrtermine machen einen großen Unterhaltungsfaktor im Film aus, wandeln zwischen Gänsehaut und Lachern. Scott ist das Spiegelbild des kleinen Jungens Nick, der in Poppys Schulklasse asozial tätig wird, weil er von Zuhause aus keine Liebe erfährt. Hier zeigt Leigh also gleichermaßen das Resultat des sozial unfähigen Scotts als Ergebnis falscher Erziehung, gleichermaßen aber auch einen Lösungansatz, in dem mit präventiver, verständnisvoller Erziehung eine seelische Vergletscherung der Menschen schon früh entgegengewirkt werden kann. Auch wenn diese Lösung nur angedeutet wird und nicht wie etwa in einem in dieser Hinsicht vergleichbaren Film wie „Es Beginnt Heute“ lehrhaft in all seinen Facetten dargelegt wird. „Happy Go Lucky“ hat hier eben doch einen anderen Ansatz: Die demonstrative Heiterkeit soll zum Mitmachen anregen.

Stehen und Fallen mit der Protagonistin

Und das steht und fällt mit der großartigen Figur der Poppy, die authentisch-flippig daherkommt und wohl den Silbernen Bären für die beste Hauptdarstellerin auf der 2008er Berlinale auch einigermaßen rechtfertigt. Leigh tut gut daran, Poppy auf verschiedenste Menschen treffen zulassen, um ihrer Heiterkeit nicht zum plakativen Schaueffekt verkommen zu lassen, sondern ihr eine gewisse Tiefe verleihen zu können. Man kann ihre Figur nervig finden, dann wird man wohl den ganzen Film nervig finden, aber wer sich auf den Mitmach-Feelgood-Effekt nicht einlassen will oder kann, der wird auch mit der simplen Botschaft des Films nicht viel anfangen können und der sollte einen großen Bogen um diesen Film machen.

Alltagsrhythmik

Leighs Film ist nicht darauf aus den Zuschauer mit den Gewöhnlichkeiten einer Komödie zu bedienen. Ich behaupte: Der Film will gar nicht vordergründig eine Komödie sein. Es gibt im Grunde keine abgesteckten Gags, alles zielt darauf ab, den unbekümmerten Optimismus Poppys anzunehmen. Leigh erzählt in „Happy Go Lucky“ auf eine interessant-repetitive Weise, in dem er eine Alltagsdynamik simuliert; durch die in regelmäßigen Abständen auftretenden Sport- und Fahrtermine, ab und an unterbrochen durch den Besuch der Schwester oder einem Date, fühlt man sich in den Alltag Poppys miteinbezogen.

Flamenco und Rudern

„Happy Go Lucky“ ist also ein bisschen wie die feurige Flamenco-Stunde der temperamentvollen Spanierin innerhalb des Filmes: Wer sich darauf einlässt und sich nicht auf die Eigenart der Protagonistin verkrampft, wird in diesem Film jede Menge Spaß haben und wird in diesem Film vor allem etwas lernen können. Wer das nicht tut, wird sich blöd dabei vorkommen und schnell genervt sein. Bei der Heiterkeit erwischt man sich tatsächlich fast dabei, dem Film ein hollywoodeskeres Ende zu wünschen. So endet der Film auf einem See in vergnügter Stimmung. Vielleicht als Aufforderung weiter zu „rudern“ mit all dem Optimismus gegen die Verdrossenheit der miesmorscheligen Fahrlehrer? Wer weiß.

73%

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