Gummo

Eine Ansammlung von Ziegelsteinen.

Originaltitel: Gummo
Produktionsland: USA
Veröffentlichungsjahr: 1997
Regie: Harmony Korine
Drehbuch: Harmony Korine
Produktion: Cary Wood
Kamera: Jean-Yves Escoffier
Montage: Christopher Tellefsen
Musik: Randall Poster
Darsteller: Jacob Reynolds, Nick Sutton, Lara Tosh, Jacob Sewell, Darby Dougherty, Chloë Sevigny, Harmony Korine, Max Perlich, Linda Manz
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 95 Minuten

Der Film spielt in Xenia, einer kleinen Stadt in Ohio. Die Bewohner dieses Ortes scheinen durchweg etwas seltsam zu sein, so verdienen sich zum Beispiel zwei der Hauptfiguren ihr Taschengeld, indem sie auf ihren Fahrrädern Jagd auf Katzen machen, und die so eingenommenen Dollar in Leim – als Schnüffeldroge – investieren. Ein anderer Junge, dessen Name nicht bekannt ist, läuft nur mit einem Hasenkostümm [sic!] bekleidet durch die Straßen der Stadt.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Da gibt es diese eine Anekdote zu „Gummo“, dass Harmony Korines Beratungslehrer, der ihn als außerordentlich schlechten Schüler betrachtete und ihm den Beruf des Bricklayers (Maurer) ans Herz legte. Als dann „Gummo“, Korines erster Film fertiggestellt wurde, traf Korine seinen Lehrer wieder und fragte ihn, wie er den Film fand, dieser sollte nur gesagt haben: „Ich sagte doch, du solltest Bricklayer werden.“ Das trifft es ganz gut, denn „Gummo“ ist eine eigenwillige, kunstvolle Ansammlung von solchen Bricks; schweren aber bunten Bricks. Eine stabile Baute ergeben sie beileibe nicht, eher ein Konstrukt moderner bildender Kunst. Viele werden es als gescheiterten Arbeitsversuch etwas Stabiles erschaffen zu wollen sehen und andere werden dem Brickhaufen etwas Künstlerisches abfinden können.

Katzensterben

Da gibt es Jugendliche, die Katzen mit Luftgewehren jagen, sie töten und sie durch Umwege in chinesische Restaurants bringen. White-Trash-Menschen, die selbst nicht besser als Katzen leben, töten Katzen, um sie über Umwege wieder zu essen. Müll ernährt sich von Müll und vergiftet sich selbst daran (vor allem, da später im Film eine noch effektivere Form des Katzenmordes herauskommt, die sie gleich mit Gift um die Ecke bringt). Die sozialkritische Seite von „Gummo“ ist nicht zu übersehen und findet faszinierende Bilder. Katzen sterben auf jeden Fall zahlreich in „Gummo“.

Kritik und Liebeserklärung

Da gibt es auch so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass jeder Regisseur, der nicht dem Schoß des Bildungsbürgertums entsprungen ist und aus einem sozialen Brennpunkt stammt, beim Eintritt in die feine Welt der Kunst und Kultur, in seiner autobiografischen Arbeit doch bitte sein Milieu zu kritisieren hat. Bei „Gummo“ sollte man jedoch einen Teufel tun, ihn lediglich auf seine kritischen Aspekte zu reduzieren. Der Film ist vielmehr Kritik wie Liebeserklärung in einem und zudem noch so destablisiert und an keinerlei Konventionen in seiner Narration interessiert, dass auch das nicht sicher zu sagen ist. Darin liegt die Faszination in diesem Love-or-Hate-Film.

That’s what I come from?

Da gibt es aber auch Figuren, die sich nicht schwer als Alter Ego Harmony Korines ausmachen lassen und für die er fortan so etwas wie Sympathie durchaus zu erzeugen weiß. Vor allem der kleine Katzenjäger Solomon, der von seiner Mutter eine etwas andere, aber durchaus aufrichtige Art und Weise der mütterlichen Liebe bekommt oder von einer dicken Hobby-Prostituierten einfach nur reden will und dadurch ein Höchstmaß an Würdigung erfährt, aber auch die blonden Mädchen, die sich zwar ihrem Milieu sexuell freizügig geben, aber dem perversen Mittelständigen aus der besseren Gegend schnell klarmachen, wer hier würdelos ist. „Gummo“ stigmatisiert niemanden, zeigt Menschen und ihre skurrile Lebensweise ohne Urteile. Der Film übersteigert das White-Trash-Milieu und erreicht dadurch eine Ahnung eines Gefühls, wie es ist, darin aufzuwachsen. Wenn da der kleine Solomon Kleber schnüffelt, darf man vermuten, dass sich Korine in dieser Szene selbst zeigt und der elitären Filmwelt vermittelt, was er erlebt hat, wo er herkommt. Aber das muss Spekulation bleiben, denn schlau wird man aus „Gummo“ nicht. Ein Film, der auf eine berauschende Weise unbefriedigend ist.

„Gummo“ ist ein besonderer und faszinierender Film. Man kann ihn lieben oder hassen, genial oder unnötig finden. Man kann Korine für dieses Debütwerk zum Arthouse-Hoffnungsträger hochjubeln oder ihn die Maurerkelle in die Hand drücken und ihn zurück in die Arbeitergegend des White Trashs zurückschimpfen, aber eins ist sicher: When you see it you’ll shit bricks.

86%

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