Gravity

Da die Erde, hier das All: Cuaróns Film konzentriert sich auf die totale Gegenwart.

Originaltitel: Gravity
Produktionsland: USA, Großbritannien
Veröffentlichungsjahr: 2013
Regie: Alfonso Cuarón
Drehbuch: Alfonso Cuarón, Jonás Cuarón, George Clooney
Produktion: David Heyman, Alfonso Cuarón
Kamera: Emmanuel Lubezki
Montage: Alfonso Cuarón, Mark Sanger
Musik: Steven Price
Darsteller: Sandra Bullock, George Clooney
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 90 Minuten

Die Welt von oben: Ein majestätischer Anblick. Selbst nach 130 Stunden auf Weltraumspaziergang ist der erfahrene Astronaut Matt Kowalsky (George Clooney) auch auf seiner letzten Mission vor dem Ruhestand von dem Schauspiel noch immer fasziniert. Für die Wissenschaftlerin Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) ist es hingegen der erste Flug im Space Shuttle. Gemeinsam mit Kowalsky soll sie Reparaturen am Weltraumteleskop Hubble durchführen. Eigentlich eine Routine-Mission, doch bei Arbeiten außerhalb des Shuttles kommt es zu einem Unfall, der Teleskop und Shuttle zerstört. Nur durch ein dünnes Kabel verbunden, werden Ryan und Matt in die Weite des Weltalls hinausgeschleudert. Der Kontakt zur Erde ist abgebrochen und damit auch jede Chance auf Rettung. Die letzte Hoffnung besteht einzig darin, die ISS mit ihren Rettungskapseln zu erreichen. Doch in der Schwerelosigkeit wird dies zu einem schier unmöglichen Unterfangen.#
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Es gibt die immer wieder beeindruckende Anekdote, dass Kubricks „2001“ vier Jahre vor dem Blue-Marble-Foto in die Kinos kam, das überhaupt erst bewies, dass die Erde blau ist. Ohne die filmgeschichtliche Größe des Kubrick-Meisterwerkes schmälern zu wollen, ist es immer ein wenig einfacher, dort neuartige Seherlebnisse zu schaffen, wo noch die allerwenigsten Menschenseelen jemals gewesen sind: im Weltraum. „Gravity“s Verdienst ist der, das Erleben Weltraum, das Erleben Gravitationslosigkeit und Distanz zum gewöhnlichen menschlichen Habitat der Erde, fühlbar zu machen. Was dem Film fehlt ist aber eine dem Bilderrausch angemessene Handlung; die Zeit wird zeigen, ob für „Gravity“ die Technikruhmeshalle reicht, um als Klassiker in die Geschichte einzugehen.

Erde und All, Lebe und Tod

Die Erde ist so nah und doch so fern. Riesig lagert der blaue Erdball als ewiger Hintergrund und mit ihm die titelgebende Gravitation. Ebenjenes, das den Figuren im Film fehlt. Die Gravitationslosigkeit ist die Hölle für die Menschen abseits ihrer gewohnten physikalischen Welt. Jede Bewegung muss genaustens durchdacht werden, jedes Objektil kann zum schicksalhaften Todbringer werden, kann aus jeder „Himmels“-richtung mit jeder Geschwindigkeit angerauscht kommen. Vor allem die ersten Minuten machen Gravity zu einem spannenden Erlebnis, weil die fehlende Gravitation dramatische Momente erlaubt, die nur funktionieren, wenn die Erde nur ein Hintergrund, nur eine Ahnung oder Sehnsucht ist. Auf der anderen Seite befindet sich das schwarze Nichts, die nie wiederkehrende Gravitation, der fürchtauslösende, todbedeutende leere Raum. Diese dreidimensionale Weggabelung mit den Richtungspfeilen „Erde“ und „All“, die beide dauerpräsent sind, ist auch gleichzeitig die zwischen Leben und Tod.

1st-Person-Action

Spannend ist „Gravity“, weil er auch seinen Inszenierungsstil dieser simplen Prämisse unterordnet, mit Egoperspektiven und anderen kreativen Kameraeinsätzen arbeitet. Offensichtlich schaute man sich von First-Person-Games eine Menge ab, was das Entfachen eines Mittendrin-Erlebnisses angeht. Nur Matt Kowalski (George Clooney) sieht man in diesem Film überhaupt außer der Protagonistin Ryan Stone. Das ist ein kluger Schachzug, weil er die Identifikation auf eine einzige Figur legt und sie zum intimen Alter Ego des Zuschauers macht. Vielleicht ist es deswegen auch legitim, diese Figur mit einer so dünnen Hintergrundstory zu versehen. Vielleicht will Cuaron den Blick darauf richten, was Ryan erlebt und nicht was sie erlebte. In „Gravity“ geht es um den Ist-Zustand, weil dieser im nächsten Moment schon von einem Satellitensplitter ausgelöscht sein könnte.

Kein Mut zur Verzögerung

Diese Konzentration auf die Gegenwart macht den Film aber auch um einiges weniger tiefsinnig als ein Film, der einen solchen Meilenstein-Anspruch aufgrund seiner Bilder setzt, eigentlich sein müsste. Er ist am Ende doch vor allem Blockbuster-Kino, umso weiter er in seinen 90 Minuten fortschreitet, desto reaktionärer begibt man sich doch in Gefilde konventionellen Spannungskinos. Das ist alles bei weitem nicht schlecht und macht den Film zu einer Konsens-Brücke zwischen Filmkultur und Filmkonsum, aber für jene, die einen zweiten „2001“ erwarteten, bleibt nicht nur blankes Staunen, sondern auch viel Gefühl verpasster Chancen übrig. Es fehlen Momente völliger Stille und Ereignislosigkeit, es fehlt der Mut, auf Musikuntermalung zu verzichten, es fehlt das Wagnis, den Orgasmus herauszuzögern und in Kauf zu nehmen, dass der Film 20 Minuten länger ist.

Schwerelosigkeit ist Schwere

„Gravity“ macht die Schwerelosigkeit zur Schwere und die Gravitation zur Erleichtung. Der Glaube an das Leben und den Wert zu leben ist der Schluss, den Cuaron aus seinem Weltall-Trip zieht. Das ist ein Ende, mit dem man, trotz Wiedergeburtsmetaphorik nicht so recht zufrieden sein kann. Zu banal ist letztlich doch der Hintergrund der Figur Ryan Stone, zu sehr speist sich dieser Überlebenswille aus einer Handvoll von Actionszenen, die sich von der größte Faszination von „Gravity“, den unendliche Weiten zum Anfassen, bereits weit entfernt haben.

Fazit

Gerade technisch ist „Gravity“ ein Film von unstreitbarer Qualität. Die Frage, ob er nur gelungen oder gar meisterlich ist, hängt eng mit der Bereitschaft zusammen, sich mit der optimistischen Intention des Films abzufinden oder sich ignorant lediglich an den Bildern zu berrauschen.

77%

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