Good Bye, Lenin!

Als Anschauungsobjekt des Systemübergangs. Eine Filmanalyse.

„Good Bye, Lenin!“ ist einer der ersten Filme, an die ich mich erinnern kann, sie gesehen zu haben. Mit sehr jungen Jahren sah ich ihn in einem Open-Air-Kino und verstand natürlich nicht alles, war aber trotzdem begeistert. Als eine Freundin von mir in einem DDR-Seminar im Abitur eine Facharbeit schreiben musste, aber nicht wollte, spielte ich den Robin Hood und ghostwritete ihre Arbeit: eine Filmanalyse über „Good Bye, Lenin!“.
Mittlerweile hat sie ihr Abitur abgebrochen, es besteht also nicht einmal die Gefahr, man könnte ihr Abitur im Nachhinein aberkennen. Von daher ist diese Filmanalyse freigegeben zum Leak. Ich entschuldige mich trotzdem nochmal für mögliche Verwirrungen, die diese Arbeit bei meinen ehemaligen Lehren ausgelöst haben könnte. Viel Spaß damit, Genossen.

Originaltitel: Good Bye, Lenin!
Produktionsland: Deutschland
Veröffentlichungsjahr: 2003
Regie: Wolfgang Becker
Drehbuch: Bernd Lichtenberg, Wolfgang Becker
Produktion: Stefan Arndt, Katja De Bock, Andreas Schreitmüller
Kamera: Martin Kukula
Montage: Peter R. Adam
Musik: Yann Tiersen, Antonello Marafioti
Darsteller: Daniel Brühl, Katrin Sass, Maria Simon, Tschulpan Chamatowa, Florian Lukas, Alexander Beyer, Michael Gwisdek, Jürgen Holtz, Christine Schorn, Ernst-Georg Schwill, Stefan Walz, Burghart Klaußner, Jochen Stern
Altersfreigabe: FSK 6
Laufzeit: 121 Minuten

Für den 21-jährigen Alex (Daniel Brühl) geht nichts voran und als dann noch kurz vor dem Mauerfall seine Mutter Christiane (Katrin Sass) ins Koma fällt, bricht für Alex und seine zwei Jahre ältere Schwester Ariane (Maria Simon) eine Welt zusammen. Ihre Mutter verschläft den Abgang Erich Honeckers und die Wiedervereinigung. Als sie wie durch ein Wunder acht Monate später die Augen aufschlägt, erwacht sie in einem neuen Land. Erfahren darf sie von alledem nichts – zu schwach ist das Herz und zu groß die Liebe zur DDR. Um seiner Mutter zu helfen, muss Alex auf 79 Quadratmetern die DDR weiter bestehen lassen, ein Mammutprojekt, das Alex ganz allein gar nicht stemmen kann. Freunde der Familie und Alex’ bessere Hälfte Denis (Florian Lukas) packen tatkräftig mit an.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

1. Einleitung

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 fiel die Berliner Mauer, die zuvor 28 Jahre lang die sozialistische DDR und kapitalistische BRD voneinander trennte und Sinnbild einer geteilten deutschen Nation war. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands trafen zwei gesellschaftliche Systeme schlagartig aufeinander, die zuvor im Kalten Krieg noch um die Weltherrschaft konkurrierten. Der Wechsel des mit dem Mauerfall und dem Untergang der DDR einhergehenden Gesellschaftssystems, den die ehemaligen sozialistischen DDR-Bürger hinzu einem kapitalistischem System erlebten, wird in kaum einem Film so eindrucksvoll und detailliert geschildert wie in „Good Bye, Lenin!“ von Wolfgang Becker. Der Film richtet seinen Blick nicht auf die unterdrückerische Politik der SED-Regierung, sondern betrachtet facettenreich den Übergang der Systeme. Nach einer Inhaltsangabe des Films werde ich in dieser Facharbeit zunächst unterteilt in drei Unterkapitel darlegen, wie der Systemübergang im Film dargestellt wird. Darauffolgend werde ich analysieren, inwiefern sich der Film eine Bewertung dieser Systeme erlaubt und werde abschließend meine Leitfrage „Inwiefern kann man ‚Good Bye, Lenin!‘ als gelungenes Anschauungsobjekt des Systemübergangs zwischen Sozialismus und Kapitalismus bezeichnen?“ unter Einbezug der zuvor erarbeitenden Ergebnisse, beantworten.

2. Inhaltsangabe

Alex (Daniel Brühl) wächst mit seiner Schwester Ariane (Maria Simon) und seiner Mutter Christiane (Katrin Sass) in der sozialistischen DDR auf. Sein Vater (Burghart Klaußner) hat die Familie verlassen und ist nach Auskunft der Mutter in die BRD geflüchtet, um ein neues Leben mit einer neuen Frau zu beginnen. Christiane bezieht die Kraft, um über diese Enttäuschung hinweg zu kommen, aus Parteitreue zur SED und völliger Identifikation mit dem Sozialismus. Als Alex aus Zufall an einer Demonstration gegen die SED teilnimmt und seine Mutter ihn dabei erwischt, erleidet sie an einem Herzinfarkt und fällt ins Koma. Sie verpasst dabei den Mauerfall und die Wiedervereinigung Deutschlands. Derweil verliebt sich Alex in die russische Austauschkrankenschwester Lara (Tschulpan Chamatowa) und Ariane in den Westdeutschen Reiner (Alexander Beyer). Plötzlich erwacht Christiane aus dem Koma, der Chefarzt warnt jedoch, sie zu großer Aufregung auszusetzen, weil sonst ein zweiter Infarkt und der Tod drohe. Eine solche Aufregung wäre es jedoch, wenn sie erfahren würde, dass die DDR Geschichte ist und Deutschland wiedervereinigt ist. Daher beschließt Alex so zu tun, als gäbe es die DDR noch und errichtet in ihrer Wohnung ein „Mikrokosmos“ der DDR, um ihre Gesundheit zu gewährleisten. Im Systemwandel vom sozialistischen zum kapitalistischen System ist es eine große Schwierigkeit für Alex, den Schein einer noch existierenden DDR, aufrecht zu erhalten. Dabei unterstützt ihn sein Freund Dennis, der Regisseur werden will und Fernsehnachrichten fälscht, um Christiane weiterhin davon zu überzeugen, dass es die DDR noch gäbe. Bei einem Ausflug der Familie beichtet Christiane, dass Alex‘ und Arianes Vater gar nicht die Familie verlassen habe, sondern eine gemeinsame Flucht in die BRD plante. Sie habe aber nicht den Mut gehabt, ihm ins Ausland zu folgen. Sie äußert den Wunsch, ihren Mann ein letztes Mal wieder zu sehen. Daraufhin trifft sich Alex mit seinem Vater und findet heraus, dass er eine neue Familie gegründet hat. Obwohl angedeutet wird, dass Alex‘ Freundin Lara Christiane verrät, dass Deutschland wiedervereinigt ist, setzt Alex weiter alles daran, den Trug aufrecht zu erhalten und dreht mit Dennis ein Video, das ein wiedervereinigtes, sozialistisches Deutschland vorgibt. Nachdem Christiane ihren Mann das letzte Mal wiedersieht, verstirbt sie friedlich. Bis zuletzt ist unklar, ob sie von einer vereinigten BRD wusste oder an den erfundenen Fortbestand der DDR geglaubt hat.

3. „Good Bye, Lenin!“ als Protokoll eines Gesellschaftssystemwechsels

„Good Bye, Lenin!“ eignet sich daher besonders gut als Anschauungsobjekt, um sowohl beide gesellschaftliche Systeme als auch den Übergang vom sozialistischen zum kapitalistischen zu betrachten, da der Film die Wiedervereinigung Deutschlands direkt als Thema hat und sich somit mit dem schlagartigen Übergang beider Systeme beschäftigt. Alex muss, nachdem seine Mutter aus dem Koma erwacht, um den Fortbestand der DDR vorzutäuschen, das sozialistische System nachahmen und gewährt somit erst Einblicke in dieses System. Da der Fall der Berliner Mauer sehr früh im Film geschildert wird und somit wenig Spielzeit tatsächlich die bestehende DDR zeigt, sind diese „79 Quadratmeter DDR“ der ausschlaggebendste Hinweis auf das sozialistische Gesellschaftssystem, den Beckers Film bietet. Das kapitalistische System findet überall außerhalb dieser „79 Quadratmeter“ statt. Auch, wenn dieses System dem BRD-Bürger als Zuschauer des Films ohnehin bekannt sein dürfte, gewinnt der Blick auf den Kapitalismus mit dem aggressiven Charakter, mit dem er den Sozialismus verdrängt, neue Perspektiven. Obwohl „Good Bye, Lenin!“ Als Tragikomödie gilt, ist der Film doch deutlicher Tragödie als Komödie. Nichtsdestotrotz profitiert die Darstellung des Systemwechsels von Übertreibungen und unwahrscheinlichen Zufällen, die typisch für eine Komödie sind.

3.1. Alltags- und Konsumwelt

Die Alltags- und Konsumwelt des sozialistischen Systems wird im Film erst durch die Verdrängung durch die kapitalistische richtig deutlich. Besonders auffällig kann man dies am Beispiel der Getränke beobachten: Am Anfang des Films werden nicht näher beschriebene Getränke aus gewöhnlichen Tassen getrunken, im Lauf des Films trinken die Figuren nur noch Markengetränke aus dem kapitalistischen Westen. Insgesamt tauchen unter Anderem die Marken Ikea, Pepsi, Burger King, Apollinaris, Becks, Coca Cola, BMW, West, Otto-Versand, Jacobs, Heinz und Grundig im Film vor. Dem gegenüber stehen aber auch Konsumgüter aus der DDR, die aber zunehmend vom Markt verschwinden, was ihre Chancenlosigkeit unterstreicht. Mocca-Fix, Trabant, Cheburashka und Tempo Bohnen sind Beispiele, solcher im Film dargestellten Ost-Marken. Daher muss sich Alex die Alltagsgüter zur Wiederbelebung der DDR auch in verlassenen Wohnungen, Müllcontainern und auf Flohmärkten zusammensuchen. Eine besondere Rolle hat darüber hinaus das DDR-Produkt „Spreewaldgurken“, auf dessen Suche sich Alex immer wieder macht. Ironischerweise wird es ausgerechnet von einem Westprodukt verdrängt, das den Namen „Moskauer Gurken“ trägt und dieser Etikettenschwindel eigentlich den Eindruck macht, die westlichen Gurken seien noch östlicher als die Spreewaldgurken. Tatsächlich kommen sie aber aus den Niederlanden. Das kann man auch als Kritik interpretieren, dass die westlichen Produkte mit aller Skrupellosigkeit vorgehen, um die Ostprodukte vom Markt zu verdrängen. Als Gegenstück zur Spreewaldgurke wird in Beckers Film Coca Cola dargestellt. Diese westliche Marke wird besonders häufig als Symbol der westlichen Konsumwelt verwendet; z.B. wird ein gigantisches Banner an einem ostdeutschen Hochhaus gehisst, die Coca-Cola-Trucks fahren in die DDR, während im Hintergrund NVA-Soldaten eine bedeutungslose Patrouille abhalten (in dieser Szene wird angedeutete, die Soldaten — stellvertretend für DDR und Sozialismus— seien unbedeutender als die Marke Coca Cola, stellvertretend für den Kapitalismus) und vor allem die unfreundlichen Mitarbeiter des Coca-Cola-Konzerns, die nicht bereit sind, sich filmen zu lassen, verdeutlichen den aggressiven Charakter der Westmarken, die zu keiner Kooperation mit der DDR-Kultur bereit sind.
Dennoch wird die kapitalistische Alltags- und Konsumwelt nicht nur negativ dargestellt. Ariane verzichtet etwa auf ihr Studium und arbeitet bei Burger King. Hier lernt sie ihren neuen Freund kennen und erscheint zufriedener als zuvor. Allgemein ist Ariane eine Figur, die in der westlichen Konsumwelt aufzugehen scheint. Sie trägt schnell westliche Kleidung und die Beziehung mit Reiner als Westdeutscher ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass das kapitalistische System eines ist, in das man sich durchaus „verlieben“ kann. Der Burger-King-Spruch „Vielen Dank, dass Sie sich für Burger King entschieden haben.“ verdeutlicht zudem, dass es eine Konsumauswahl im Kapitalismus gibt, die man als Freiheit des Individuums verstehen kann.
Ein weiterer Aspekt, den Becker in seinen Film einfließen lassen hat, ist die technische Überlegenheit von Westkonsumgütern gegenüber den östlichen Produkten. Reiner etwa sonnt sich in einem Solarium, einer völligen Neuheit für die einfachen DDR-Bürger. Vor allem das Satellitenfernsehen, das nach dem Mauerfall Einzug in ostdeutsche Wohnungen erhält, stellt aber den technischen Siegeszug der westlichen Konsumwelt dar.
Als Alex seinen Vater trifft und mit der neuen Familie seines Vaters Fernsehen schaut, läuft jedoch das Ost-Sandmännchen im Westfernsehen (sogar mit originaler DDR-Flagge). Hier zeigt der Film also auch einen kleinen Sieg des sozialistischen über das kapitalistische Gesellschaftssystem, auch wenn dieser, wie zuvor analysiert, eher eine Ausnahme darstellt.

3.2. Gesellschaft

Das sozialistische Gesellschaftssystem steht für Solidarität mit jedem einzelnem Bürger, sowie für Gleichheit und Gerechtigkeit jedes Einzelnem. Die DDR stieß bei der praktischem Umsetzung dieser Ideale jedoch an ihre Grenzen. Überwachung, unfreie Wahlen und juristische Willkür waren an der Tagesordnung. Beckers Film zeigt über die meiste Spielzeit hinweg eine von Alex nachgestellte und somit von der Realität verfälschte DDR. Auch die Werte und Normen des sozialistischen Gesellschaftssystems werden im Film als durch den Kapitalismus bedroht dargestellt. Die Schlüsselszene stellt die Geburtstagsfeier von Christiane dar: Die Kinder lassen sich nur gut bezahlt darauf ein, für Christiane ein Lied zu singen. Das ist eine Anspielung auf den Kapitalismus, in dem der soziale Gedanke weniger wert als Geld zu sein scheint. Eine weitere Andeutung der scheiternden sozialistischen Werte und Normen stellen die arbeitslosen und alkoholisierten ehemaligen Parteigenossen und Kollegen von Christiane dar. Einer von ihnen trägt eine Jacke des ostdeutsche Fußballclubs Dynamo Dresden. Ein Club, der in der DDR zu den erfolgreichsten gehörte, im wiedervereinigten Deutschland aber nie in die erste Liga aufsteigen konnte. Somit ist auch diese Clubzugehörigkeit eine Metapher für die „Helden der Arbeit, die auf einmal arbeitslos waren.“ Vor allem ihr ehemaliger Schulkollege Klapprath, den man als gescheiterten linken Intellektuellen verstehen kann, verdeutlicht diese soziale Verwahrlosung: Er erscheint sogar volltrunken auf Christianes Geburtstagsfeier. Auch die Abwanderung von Menschen, die sich von kapitalistischen Westen mehr gesellschaftlichen und beruflichen Erfolg versprechen, schneidet „Good Bye, Lenin!“ an: Der Chefarzt, der nach Düsseldorf abwandert und die leerstehenden Wohnungen der DDR nach dem Mauerfall verdeutlichen dies. Als auffälligstes Beispiel für den sozialen Abstieg einiger DDR-Bürger durch die Wiedervereinigung stellt sich aber Sigmund Jähn heraus. Der Film deutet an, dass aus dem ehemaligen DDR-Idol und erstem Deutschen im All, den Alex sogar am Ende des Films zum neuen SED-Chef erklärt, lediglich ein gewöhnlicher Taxifahrer geworden ist. Die ostdeutsche Mark, die schlagartig nichts mehr wert ist, ist auch als Metapher zu verstehen, dass die gesamten Leistungen der DDR mit der Wiedervereinigung nichts mehr wert waren.
Dennoch wird der verdrängende Charakter des Kapitalismus nicht nur negativ dargestellt. Durch den neuen Job bei der Installation von Satellitenfernsehen findet Alex eine sichere Grundlage und in Dennis einen neuen besten Freund. Die Zusammenarbeit der beiden ostdeutschen Freunde wird treffender Weise durch Überraschungseier der westlichen Firma Ferrero ausgelost. Sein erstes Rendezvous mit Lara hat Alex in einem westlichen Club mit Rockmusik und auch Pornos sind für ihn erst durch den westlichen Lebensstil zugänglich und symbolisieren sein Erwachsenwerden. Zudem deutet „Good Bye, Lenin!“ in einer Szene die größeren Chancen zur Entfaltung von jugendlichen Subkulturen im kapitalistischen System an, in der sich eine Gruppe von Punks nach dem Mauerfall mit einem Grenzbeamten fotografieren lassen und sich somit über ihn lustig machen.

3.3. Mediale Selbstdarstellung des Staates

Die mediale Selbstdarstellung unterscheidet sich von Gesellschaft und Konsumwelt, da sich die Darstellung der DDR-Selbstdarstellung nicht durch Verdrängung durch eine kapitalistische auszeichnet. Sie ist ab dem Mauerfall schlichtweg nicht mehr vorhanden und wird nur noch durch Alex‘ und Dennis‘ Nachahmung dargestellt.
Der Film erweckt den Eindruck, dass das Fernsehen die wichtigste Informations- und Unterhaltungs- und Informationsquelle des DDR-Bürgers gewesen sei. Im ganzen Film kommen nur aus dem Westen stammende Zeitungen vor. Vor dem Mauerfall zeigt das DDR-Fernsehen nur politische Inhalte: Ehrungen für sozialistisches Engagement bis hin zu Propaganda („Chipmacht DDR“) lassen auf einen propagandistisch-manipulativen Charakter des DDR-Fernsehens schließen.
Die nachgestellten Aktuelle-Kamera-Berichte treiben diese Eindrücke nun im Stil einer Komödie übertrieben auf die Spitze. Die imitierten Videos zeigen starke Überzeugung vom Sozialismus und Nachrichtenberichte, die Details auslassen, falsche Informationen hinzufügen oder gar vollkommen Tatsachen verdrehen (z.B. Cola kommt aus Ostdeutschland) und deshalb denselben manipulativen Eindruck hinterlässt wie die Originalsendungen der „Aktuellen Kamera“ vor dem Mauerfall. Das bestätigt auch Dennis‘ Kommentar „Immer derselbe Quatsch.“, der andeutet, dass das DDR-Fernsehen einerseits immer wiederholende Themen ausstrahlte („immer derselbe“) und zudem inhaltlich fragwürdig sein könnte („Quatsch“). Außerdem stellt es den normalen DDR-Bürger als einen Fernseh-Zuschauer dar, der sich nicht mit dem Fernsehen und seinen Inhalten identifizieren kann.
Ganz anders wird die kapitalistische mediale Selbstdarstellung des Staates vorgestellt. Die Bild-Zeitung kommentiert das politische Geschehen nicht mit politischer Propaganda, sondern mit zynischem Ton („Mach’s gut, Deutschland“, „Endlich! Die D-Mark ist da!“), der auszusprechen scheint, was das einfache Volk denkt. Hier setzt das Medium Tageszeitung also auf Identifikation mit dem eigenen Volk, anstatt Propaganda zu betreiben. Dass der WM-Sieg Deutschlands ausgerechnet auf westdeutschen Fernsehsendern übertragen wird, ist ebenfalls Andeutung darauf, dass westliche Medien näher am Volk zu sein scheinen. Jedoch muss man erwähnen, dass westliche Medien allgemein unabhängiger vom Staat waren als ostdeutsche und sich daher der Titel „Mediale Selbstdarstellung des Staates“ nicht uneingeschränkt eignet und vor allem auf die DDR-Medien bezogen ist.
Eine weitere Perspektive in den DDR-Medien stellt das Vorhandensein von politischen Plakaten, Skulpturen und Statuen dar. Das Plakat mit der Aufschrift „Der Mensch steht im Mittelpunkt der sozialistischen Gesellschaft“ erscheint als bloße Propaganda angesichts der Unzufriedenheit demonstrierender Menschen einige Szenen danach. Es finden sich im Film immer wieder Marx-, und Lenin-Skulpturen, ein Erich-Honecker-Bild sowie im Haus von Alex ein Che-Guevara-Bild. Dies verdeutlicht eine Dauerpräsenz sozialistischer Idole, die vom Staat gefördert scheint, da sie nach dem Mauerfall schlagartig verschwanden und somit kaum Zuspruch des einfachen Volkes gehabt zu haben schienen (Alex muss die Skulpturen in einer Szene erst wieder auf dem Flohmarkt erwerben). Eine wichtige Rolle in der medialen Selbstdarstellung der DDR stellt die Lenin-Statue dar, die im Laufe des Films von einem Helikopter davon getragen wird und auf den Titel des Films anspielt. Vor allem diese Figur verdeutlicht, dass die SED daran interessiert war, die sozialistischen Ideale dem Volk aufzubinden, der Titel wiederum, dass es nicht auf besonders großen Zuspruch im Volk traf. Die einzigen Filmfiguren, die sich nach dem Mauerfall über die Wiedervereinigung beschweren, ärgern sich nicht direkt über den Verlust des sozialistischen Systems, für das Lenin symbolisch steht, sondern lediglich unpolitisch über die Umstände des Alltags.

4. Bewertung der dargestellten Gesellschaftssysteme?

Bei der Frage, inwieweit sich „Good Bye, Lenin!“ als Modell des Gesellschaftssystemwechsels ab der Wiedervereinigung anbietet, muss auch ein Blick auf eine mögliche kritische Auseinandersetzung des Films mit BRD und DDR sowie den jeweiligen Gesellschaftssystemen geworfen werden und diese kritischen Auseinandersetzungen gegeneinander abgewogen werden.
Die DDR und ihr sozialistisches Gesellschaftssystem wird vor allem durch die nachgestellte DDR, die Alex für seine Mutter simuliert, gezeigt. Er schafft somit eine DDR, die er sich selbst gewünscht hätte und bietet somit ein verzerrtes und positiveres Bild als es in der Realität zu erwarten wäre. Aus dem Wunschdenken Alex‘ kann man aber dennoch Erkenntnisse über die reale DDR ziehen. Becker bezieht daraus sehr viel Sympathie für die DDR und ihr System, indem er soziale Solidarität (Christianes Geburtstagsfeier) und eine „Überlebenswichtigkeit“ von DDR-Produkten (Christiane würde ohne die Spreewaldgurken von der Wiedervereinigung erfahren und möglicherweise einen weiteren Infarkt erleiden) in der 79-Quadratmeter-DDR stattfinden lässt. Die kritischen Aspekte an der DDR sind fast ausschließlich im relativ kurzen Anfang des Films bis zum Mauerfall beinhaltet, z.B. die gewalttätigen Polizisten, die erst zur lebensbedrohlichen Situation von Christiane sorgen (diese trägt in der Szene als einzige Person eine rote Kleidung, die sie als einzige „wahre Sozialistin“ herausstellt und zeigt, dass die Polizeigewalt kein selbstverständlicher Teil des Sozialismus ist). Unfreie Wahlen oder Stasi-Vorfälle behandelt der Film aber nicht, was den Eindruck aufkommen lässt, dass es sich um ein recht unkritischen Film gegenüber der DDR handelt. Dem muss aber entgegnet werden, dass Christiane, die als Vorzeigesozialisten dargestellte Figur, wie es sich im Laufe des Films herausstellt, in der DDR nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst vor der unterdrückerischen Politik der SED blieb. Darin spiegelt sich eine noch größere Kritik der DDR gegenüber als in Szenen mit Propaganda-Fernsehen und gewalttätiger Polizei. Außerdem wird in einer Szene die Planwirtschaft der DDR durch den Kakao gezogen, indem Christiane zeigt, dass die Kleidergrößen nicht stimmen („In diesem Fall werden wir uns Bemühen, in Zukunft kleiner und viereckiger zu werden“). An dem sozialistischen Gesellschaftssystem an sich wird jedoch keine Kritik geübt.
Die Wiedervereinigung unter BRD-Federführung wird als notwendig und richtig dargestellt. Das erkennt man daran, dass die Verdrängung der DDR-Kultur durch die der BRD für humorvolle Momente und nicht für die Tragik des Films sorgt. Des Weiteren ist die Liebe eine Metapher für die Wiedervereinigung. Sowohl Alex als auch Ariane lernen ihre neuen Partner durch die Wiedervereinigung kennen: Ariane direkt, dadurch, dass sie in Reiner einen Westdeutschen findet, Alex indirekt beim Demonstrieren gegen das SED-Regime bzw. dem Besuch seiner Mutter, die erst durch das Aufbegehren gegen die DDR ins Koma fällt. Der Kapitalismus wird ähnlich zweiseitig wie der Sozialismus dargestellt. Die positiven Seiten ergeben sich vor allem aus dem technischen Fortschritt, die negativen durch den aggressiven, verdrängenden Charakter, aber auch durch das Wegfallen des sozialen Gedankens. Das sieht man z.B. in Szenen der arbeitslosen alten Männer, die dem Alkohol verfallen oder dem verlassenen-trostlos wirkendem Supermarkt, in dem die neue Supermarktangestellte unzufrieden und wenig kollegial Alex die neuen West-Gurken zeigt. Zudem wirkt ihre Arbeitsweise sehr mechanisch und seelenlos, was man als Seitenhieb auf die Entfremdung der Arbeit verstehen kann, wie sie der Kapitalismuskritiker Karl Marx beobachtete, auf dessen Idealen die DDR gegründet wurde.
Insgesamt ist „Good Bye, Lenin!“ also ein ziemlich neutraler Film, was die Bewertung der beiden Systeme angeht. Als Komödie werden in beiden Systemen positive Aspekte entdeckt, die tragischen Elemente des Filmes rücken aber auch immer wieder negative Aspekte beider Systeme in den Vordergrund. Der vollständige Verzicht, Stasi oder unfreie Wahlen zu thematisieren, macht den Film aber zu einem, den man eine zu DDR-freundliche Position unterstellen kann.

5. Fazit

Abschließend ist zu sagen, dass Wolfgang Beckers Film „Good Bye, Lenin!“ ein Film ist, der sich nur teilweise als Anschauungsobjekt für den Übergang vom sozialistischen System der DDR zum kapitalistischen Gesellschaftssystem der BRD eignet. Durch die humorvolle Überzeichnung erreicht der Film zwar, dass dem Zuschauer ein sehr umfangreiches Angebot typischer DDR- und BRD-Eigenschaften in den drei Teilaspekten Alltags- und Konsumwelt, Gesellschaft und Mediale (Selbst)-Darstellung (des Staates) präsentiert wird, jedoch ist Beckers Film durch die komödiantische Überzeichnung auch weniger an einer ernsthaften Behandlung des Themas interessiert und man sollte daher die dargestellten Lebensweisen nur mit Vergleich von Primärquellen und eventuell anderen Sekundärquellen untersuchen, wenn man sich mit dem Gesellschaftssystemwechsel auseinandersetzen möchte.
Die interessanteste Erkenntnis, die man aus dem Film gewinnen kann, ist wie die emotionale Perspektive eines einzelnen DDR-Bürgers angesichts der Wiedervereinigung möglicherweise aussah. Durch die Übertreibungen kann man sich gut in den „Kulturschock“ dieses Systemwechsels hineinversetzen, den viele DDR-Bürger durchlitten haben müssen. Besonders in der Figur der Christiane wird dies veranschaulicht. Für sie wäre dieser Kulturschock sogar lebensbedrohlich; daran wird ersichtlich wie groß die Unterschiede beider Gesellschaftssysteme waren.
Der Film erreicht also ein alltägliches Lebensgefühl beider Systeme darzustellen und beide miteinander zu vergleichen, bleibt darin aber vorsichtig und unkritisch. Auch der politische Terror der SED war natürlich ein Teil des DDR-Alltags. Dieser wird in Beckers Film sehr lose angedeutet und nicht zu einer entschiedenen Kritik getrieben. Durch Alex‘ Nachahmung der DDR schafft er sich eine DDR, die er gerne erlebt hätte, die es aber in Wirklichkeit nie gab. Dadurch werden wichtige Aspekte wie die Stasi oder die unfreien Wahlen nicht thematisiert und lediglich das Propaganda-Fernsehen der „Aktuellen Kamera“ parodiert. „Good Bye, Lenin!“ ist als alleiniges Forschungsobjekt, um den Gesellschaftssystemwechsel zwischen Sozialismus und Kapitalismus zu untersuchen, also nicht ausreichend, da es dazu zu wenig auf beide Staaten und Systeme mit allen Perspektiven eingeht, dennoch bietet er eine interessante, subjektive Betrachtung dieses Systemwechsels an sich. Die Leistung des Films ist es also wenig darzustellen wie die jeweiligen Systeme exakt aussahen, sondern eher ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie es war als schlagartig ein sozialistisches durch ein kapitalistisches Gesellschaftssystem ersetzt wurde. Darin ist „Good Bye, Lenin!“ erfolgreicher als jedes Geschichtsbuch.

8/10

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