Gewalt und Leidenschaft

Ein Sammelsurium typischer Visconti-Momente.

Originaltitel: Gruppo di famiglia in un interno
Alternativtitel: Conversation Piece
Produktionsland: Italien
Veröffentlichungsjahr: 1974
Regie: Luchino Visconti
Drehbuch: Suso Cecchi D’Amico, Enrico Medioli, Luchino Visconti
Produktion: Giovanni Bertolucci (Rusconi Film)
Kamera: Pasqualino De Santis
Montage: Ruggero Mastroianni
Musik: Franco Mannino
Darsteller: Burt Lancaster, Helmut Berger, Silvana Mangano, Claudia Marsani, Claudia Cardinale
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 121 Minuten

Ein amerikanischer Kunstwissenschaftler lebt zurückgezogen in Rom. Als er Teile seines luxuriösen Palazzos an eine leichtlebige Marchesa, ihren jungen Geliebten, ihre Tochter und deren Freund vermietet, wird sein ruhiges Dasein ins Chaos gestürzt.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Als Visconti seinen vorletzten Film „Gewalt und Leidenschaft“ drehte, war er gesundheitlich bereits so angeschlagen, dass er einige Zeit des Drehs in einem Rollstuhl verbringen musste. Sicherlich nicht ganz zufällig spielt der Film auch (fast) ausschließlich in einem einzigen Haus. Auch wenn es ein römisches Palazzo sein mag: eine recht überschaubare Kulisse. Das Script ist in diesem Fall keine Adaption einer direkten Literatur-Vorlage, viel mehr ist es ein Sammelsurium an typischen Visconti-Momenten: Verfall, ein Familienporträt als Gesellschaftsporträt, Hochkultur und Homoerotik. Die literarisch aufgeladenen Versatzstücke vergangener Werke werden hier zu einer Spätwerk-Melanche zusammengerührt; in seinen politischen Untertönen spannend, aber nicht zu Viscontis Meisterwerken zu zählen.

Ungewohnt direkte politische Auseinandersetzung

Dieser späte Visconti ist aus zweierlei Hinsicht interessant: Zunächst ist er eine ambitionierte politische Auseinandersetzung mit verschiedenen politischen Idealen, die zudem nicht in einer literarischen Welt und/oder der Vergangenheit, sondern in einem konkreten Nachkriegs-Italien angelegt sind. Daher ist der Film eine ungewohnt direkte Auseinandersetzung mit politischen Sachverhalten. Andererseits bebildern Figuren und Themen des Werkes auch autobiografische Aspekte Viscontis. Etwa das Altern und Krankwerden des Protagonisten, sowie die homosexuellen Avancen zu Helmut Berger, die beide Anno 1974 auf den italienischen Regisseur zutrafen. Zwischen den Zeilen (und hier muss man wirklich von „Zeilen“ reden, denn in „Gruppo di famiglia in un interno“ wird sehr viel geredet) findet man also in beiderlei Hinsicht eine ganze Menge. Das Problem von „Gewalt und Leidenschaft“ ist, dass sich diese Sichtweisen mehr im Weg stehen als sie sich gegenseitig begünstigen. Das komplizierter Geflecht aus Beziehungen und Liaisonen füttert zunächst unentwegt sich selbst, um sich dann erst spät im Film konkret mit politischen Attitüden aufzuladen. Somit ist „Gewalt und Leidenschaft“ nicht nur viscontisch-langatmig erzählt, sondern auch mühsam zu deuten.

Pseudo-Familie als Nations-Allegorie

Als Protagonisten wählt Visconti das Bildungsbürgertum. Einen intellektuellen Kunstprofessoren, der ganz in seiner Welt des Geistes lebt und auch im hohen Alter nicht genug davon hat sich einzig der Beschäftigung mit Kunst und Literatur hinzugeben. Zumindest denkt er das, denn er lernt den geheimnisvollen Bisexuellen Konrad kennen, der gleichzeitig Liebhaber von der steifen Marchesa Biancha und ihrer Tochter Lietta ist, die wiederum verlobt ist. Visconti, der immer wieder Familien in den Mittelpunkt seiner Geschichten stellte („Rocco und seine Brüder“, „Die Verdammten“, „Der Leopard“ usw.), malt auch hier wieder ein Familienporträt jedoch keines, das wirklich miteinander verwandt ist. In übertragenem Sinne aber eben doch, durchaus als Nations-Allegorie betrachtbar. Der „Inzest“ zwischen allen möglichen von Familienmitgliedern ist als vielseitige Verpflechtung der verschiedenen politischen Positionen zu deuten. Das rechte Lager um die Marchesa, steht dem eher linkem Konrad gegenüber. Der intellektuelle Bürger des Kunstprofessors steht ohnmächtig dazwischen, ebenso ohnmächtig wie er letztlich gegen den Einzug der Familie in sein Haus war, zeigt Visconti, dass die Ideale des Bildungsbürgers zwar immer etwa gleichbleibend, aber immer Spielball aufkommender proletarischer Ideologien auf rechter wie auf linker Seite sind.

Politische Personifikationen

Durch fehlende Literaturvorlage fehlt „Gewalt und Leidenschaft“ aber einiges an narrativer Geschicktheit und wirkt teilweise unbeholfen seine Versatzstücke zu einem stimmigen Ganzen zu verschmelzen, in dem auch die im Ansatz gelungene Gegenüberstellung der politischen Erben des Nachkriegsitalien Platz hätten, ihr völliges Potenzial auszuspielen. So wirkt die Figurenkonstellation so als sei es Visconti wichtiger gewesen, die Personifikation einer politischen Position im Film zu haben als auch zu wissen wie diese einzusetzen und gegen die anderen auszuspielen ist.
„Gewalt und Leidenschaft“ ist trotz fehlender Familie ein politisch aufgeladenes Familienporträt. Streckenweise ein Best-Of von Visconti-Momenten, ist er weniger geschickt in der Vermittlung seines Subtextes, dennoch ein solider, hervorragend interpretierbarer Film.

6/10

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