One Flew Over The Cuckoo’s Nest

Der Kampf der Ordnung gegen die Freiheit.

Originaltitel: One Flew Over The Cuckoo’s Nest
Alternativtitel: Einer flog über das Kuckucksnest
Produktionsland: USA
Veröffentlichungsjahr: 1975
Regie: Miloš Forman
Drehbuch: Bo Goldman, Laurence Hauben
Produktion: Michael Douglas, Saul Zaentz
Kamera: Haskell Wexler / Bill Butler
Montage: Sheldon Kahn, Lynzee Klingman, Richard Chew
Musik: Jack Nitzsche
Darsteller: Jack Nicholson, Louise Fletcher, Danny DeVito, Brad Dourif, Christopher Lloyd, Vincent Schiavelli, Will Sampson, Scatman Crothers u.A.
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 133 Minuten

Ein Irrenhaus ist allemal besser als der Knast – findet der hartgesottene Draufgänger McMurphy (Jack Nicholson): Vor Gericht gibt er sich als unzurechnungsfähig aus und läßt sich in eine staatliche Nervenheilanstalt einweisen. Doch was ihn dort erwartet, hätte er sich niemals träumen lassen: Eine boshafte Stationsschwester führt ein brutales, menschenverachtendes Regiment und die hilflosen Patienten vegetieren in Angst und Verzweiflung vor sich hin. Wer sich nicht anpaßt, wird ohne Gnade mit Elektroschocks gefügig gemacht. Doch McMurphy ist aus anderem Holz geschnitzt: Er nimmt die Herausforderung an und erklärt dem grausamen System den offenen Krieg.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Mc Murphy tritt herein. Lässiger Gang, Fischermütze über den Kopf gezogen. Mit typisch Nicholsonschen Haifischgrinsen die Irrsinnigkeit der Insassen karikierend, zur klassischen Hintergrundmusik freudig stolzierend. Als geistig gesundes Schlitzohr Wie es scheint ganz und gar fehl am Platz, zwischen den Irren und geistig Kaputten. Für ihn stellt der Handlungsort von „Einer Flog Über Das Kuckucksnest“ keine Besserungsanstalt, mehr eine „bessere Anstalt“ dar, da aufgrund des Missbrauches einer Minderjährigen angeklagt, andernfalls das Zuchthaus drohe. Das Leben des McMurphy ist mit seinen 38 Lebensjahren gelaufen, dem entgegen hält er eine absolut hedonistische Lebensweise. Während McMurphy anfangs noch Freude daraus gewinnt sich aus einem Überlegenheitsgefühl heraus über die irren Insassen lustig zu machen, weicht dem schnell ein Dazugehörigkeitsgefühl und das Pflegerteam um die kaltherzige Oberschwester Ratched avanciert zum Antagonisten.

Symbol der Freiheit

McMurphy lotet die Möglichkeiten seiner individuellen Freiheit und zunehmend auch die Freiheit der Gemeinschaft aus, was zwangsläufig die Machtposition der Oberschwester Ratched in Frage stellt. Mcs rebellische Ader imponiert die irre Insassenschaft, sodass er zunehmend zu einer symbolischen Figur der Freiheitsbestrebungen, währenddessen die Provokationen auf Insassenseite und Niederschlagungen auf Pflegerseite immer auschweifender werden und das Fiasko nicht mehr aufzuhalten ist …

Erotische Opposition

Mrs Ratched könnte in eine widerliche Stereotype abfallen, die der fiesen mannsweibischen Oberwärterin mit Fascho-Moral. So ähnlich gibt es sie in Dürrenmatts „Die Physiker“. Das ist Ratched aber nicht. Ratched ist bei aller Kälte, die sie ausstrahlt, eine Figur der absolut nachvollziehbare Motive zu Grunde liegen. Bei all der Sympathie, die von der Irren-Gruppe ausgeht, kann fast aus dem Fokus gerät, dass Ratched zwar eine durchaus unsympathische, nicht aber eine unrealistisch-unmenschliche Figur ist. Sie nimmt ihre Arbeit als Oberschwester ernst und ist auf Haltung der Hausordnung bedacht. Die von McMurphy ausgehenden Provokationen, schlägt sie im Gegenschlagprinzip nieder und nutzt die Tatsache, am längeren Hebel zu sitzen. Und doch setzt Milos Forman gekonnt Andeutungen, die der Figur eine gewisse faschistoide Boswilligkeit verleihen könnten. So setzt sich Ratched als Einzige für den Verbleib McMurphys in der Klinik ein, ein Hinweis darauf, dass sie das „Duell“ mit McMurphy durchaus reizt und eventuell sogar sexuell tangiert. Der Gefangene, der provoziert und immer wieder Anlass zur Bestrafung bietet, dürfte einem lüsternen Folterknecht am Liebsten sein …

Verschiedene Lesbarkeiten des Kampfes

Der Häuptling steht stellvertretend für die Patienten. Erfolge, die McMurphy am Häuptling erzielt, erzielt er auch am Rest der Gruppe und umgekehrt. Schlüsselszenen sind etwa die Basketballszene: Der Häuptling wirft einen Korb, hat dadurch ein Ziel erreicht, das möglich schien und doch in weiter Ferne lag. Erst durch McMurphys initialisierenden Impuls gelingt es dem Indianer überhaupt den Entschluss zu fassen den Korb zu werfen. Eine Vorausdeutung auf das Ende des Films. Wie auch der Häuptling kann McMurphy auch die anderen Insassen begeistern und zu einer nicht zuvor gehabten Gruppendynamik animieren. Obwohl die Hintergründe der Figur nicht weiter geklärt werden, bildet sich eine Gruppe, die profane Bedürfnisse hat (Ausflüge, Zigaretten, Baseball), die sich nicht von der einer geistig-normalen Gruppe unterscheidet. Trotzdem werden diese Wünsche kaum vom Pflegerteam beachtet und mitunter hart sanktioniert.
Hier bietet „Einer Flog Über Das Kuckucksnest“ manigfaltige Interpretationsmöglichkeiten. Der Kampf der Ordnung gegen die Freiheit, der tragisch enden muss. Die Entwicklung von faschistischer Kleinhaltung der Untergebenen, wenn die Mittel zur Verfügung stehen und man gesellschaftlich dazu legitimiert ist. Oder einfach der Kampf zweier sturer Individuen inmitten eines ungleichen Machtverhältnisses.

Aber versucht hab‘ ich’s jedenfalls, verdammt nochmal. Das hab‘ ich wenigstens getan.

„Einer Flog Über Das Kuckucksnest“ ist ein Film der an prinzipielles Hinterfragen und Herausfordern der Obrigkeit erinnert und ihr selbst in aussichtlosester Lage (Irrenanstalt) ein starkes Gesicht verleiht (McMurphy). Im Gegensatz zum Buch verzichtet er auf einige Elemente, die die Figuren als Individuen charakterisieren, stattdessen zielt Forman erfolgreich darauf ab, dass man die Irren trotz oberflächlicher(er), einzig aufs äußere geisteskranke Erscheinungsbild reduzierte Charakterisierung, annimmt und emotionale Nähe zu der Insassenschaft entwickelt. So gelingt es Forman den Bootsausflug oder das simulierte Baseballspiel zu unvergesslichen Filmmomenten zu machen, einfach weil sich der Zuschauer als Teil der Gruppe fühlt. Besonders herrausragend sind die schauspielerischen Darbietungen Jack Nicholsons als McMurphy und Louise Fletcher als Ratched, die allein schon mit dem Austausch ihrer herausfordernden Blicke mehr sagen, als je ein Drehbuchautor aus der „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“-Buchvorlage herauspressen hätte können.

Ein seltener Oscar-Glücksgriff

Das Händchen, das die Academy Awards 1976 bei „Einer Flog Über Das Kuckucksnest“ bei der Best Picture-Wahl hatten, kann man heutzutage nur vermissen. Milos Formans brillante, klinisch-weißlich fotografiertes Drama, besticht schauspielerisch, inszenatorisch wie inhaltlich und kann als zeitloser Klassiker angesehen werden, der ohne jeden Makel auskommt. Ein wahrlich perfekter Film und ein Meilenstein der Filmgeschichte.

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