Ein Mann namens Ove

Einfamilienhaussiedlung als Paradies. Ein konservativer Vermittler.

Originaltitel: En man som heter Ove
Alternativtitel: A Man Called Ove
Produktionsland: Schweden
Veröffentlichungsjahr: 2015
Regie: Hannes Holm
Drehbuch: Hannes Holm (nach einem Roman von Fredrik Backman)
Produktion: Annica Bellander, Nicklas Wikström Nicastro
Kamera: Göran Hallberg
Montage: Fredrik Morheden
Darsteller: Rolf Lassgård, Viktor Baagøe, Filip Berg, Bahar Pars, Zozan Akgün, Tobias Almborg, Ida Engvoll, Börje Lundberg
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 116 Minuten

Ein Mann namens Ove (Rolf Lassgård) lebt mitten in Schweden. Von den Menschen seiner Umgebung wird er nur als meckernder Griesgram wahrgenommen. Einst war er der Präsident seines Wohnviertels, doch die Nachbarschaftsvereinigung hat ihn schon vor mehreren Jahren abgesetzt … was ihn allerdings nicht davon abhält, weiterhin nach dem Rechten zu sehen und seine Mitmenschen vehement auf ihre Fehler hinzuweisen. Eigentlich hat der pessimistische 59-Jährige sein Leben innerlich schon abgehakt, doch da zieht eine neue Familie in das Haus gegenüber von Oves Heim ein – und nietet zu Beginn gleich mal seinen Briefkasten um. Ove ist natürlich entsetzt. Allerdings weiß er noch nicht, dass die Familie der schwangeren Parvaneh (Bahar Pars) bald einen großen Teil seins Lebens und seines Herzens in Beschlag nehmen wird.
Quelle: imdb.com

Kritik:

Herzerwärmende, einfach gestrickte Gesellschaftskomödien — meistens aus Frankreich — gehören zu den wichtigsten Binnenmarktprodukten der Europäischen Filmindustrie. Als kommunikatives Mittel innerhalb der Europäischen Union erfüllen sie auch eine wichtige politische Funktion. Als solches ist die schwedische Produktion „A Man Called Ove“ sicher ein vernünftiger Film, verbrüdert er doch einen Konservativismus älterer Generationen mit einem links-liberalen Gestus der jüngeren Generation. Wobei man beim genaueren Hinsehen jedoch bemerkt, wessen Geistes Kind Holms Film tatsächlich ist, da eine konservative Gesellschaftsordnung hier doch niemals wirklich in Frage gestellt wird. Als Film selbst, handwerklich und dramaturgisch, ist „Ove“ ohnehin bestenfalls müder Durchschnitt und kann kaum überzeugen.

Dramatisches Einerlei

Die Geschichte des alten Griesgrams, der sich von einer gehassten ausländischen/verweichlichten/neumodischen Familie (in diesem Fall alles drei auf einmal) erweichen lässt und ihr bester Freund und „Beschützer“ wird, ist ein altehrwürdiger Topos. Bei „Ove“ wird dieser minimal verschoben, denn Ove ist suizidal und so müssen die anfangs noch nervigen Nachbarn Ove retten und nicht umgekehrt. Das hätte Potenzial gehabt, wenn die filmische Erzählweise nicht arg repetitiv daherkommen würde. Ständig möchte Ove sich umbringen, dann sieht er die letzten Bilder seines Lebens vor sich herziehen und im letzten Moment entscheidet er sich doch anders. Die Momente des vermeintlichen Suizids nutzt der Film dann dazu, das Leben von Ove in einem Flashback-Parallelplot nachzuerzählen. Nach und nach, ganz brav, ganz chronologisch. Assoziative, achronologische Flashbacks wären die höhere Kunst gewesen, aber „Ove“ geht es darum, die Spannung hochzuhalten, warum sich der alte Mann Ove überhaupt umbringen möchte.

Ein konservativer Film

Der Grund ist der, dass seine Frau gestorben ist. Warum, das erfahren wir erst später im Film. Es ist aber — so viel sei verraten — ein rein individuelles Unglück gewesen. Sozialkritik liegt Holms Film fern. Was auch seiner Radikalität und damit auch der Schwärze des Humors abträglich ist. „Ove“ ist ein höflicher Mittler der europäischen Gesellschaft. Alibimäßig werden noch Themen wie Multikulturalismus und Homosexualität abgehakt und sich klar positiv dazu positioniert. Der Kern des Films ist aber das Gegenüberstellen und gleichzeitig In-einander-Übergehen einer Zeit, in der es nur ehrliche Handarbeit und schwedische Autos als Statussymbole gebenen zu haben scheint in eine Zeit, in der Arbeit immer unhandwerklicher und abstrakter wird und Familienväter nichtmal mehr mit einer eingebauten Kamera im Auto einparken können. Beides ist super, aber eines davon neigt sich seinem Ende zu.

Wenn man sich aber ansieht, dass die neue Generation, wie sie hier porträtiert ist, eigentlich auch streng konservativ agiert und dann auch noch von einem Ove, mit wirklich penibel ausgeprägtem Ordnungsdrang belehrt wird, dann muss man schon sagen, dass der weltanschauliche Austausch etwas sehr asymmetrisch ausfällt. Die vermeintlichen Errungenschaften der neuen Generation wie die Absage an Rassismus und Homophobie sind ja hier bereits in Oves Denken von Anfang an inhärent. Das heißt, er lernt eigentlich gar nichts hinzu. Diese Werte werden ja auch (durchaus zurecht!) als bloße Selbstverständlichkeiten einer (biederen) Bürgerlichkeit dargestellt. Das einzige, das Ove „dazulernt“, ist die Akzeptanz persischen Essens. Also ein ethnokultureller Faktor, aber in Sachen Spießigkeit nehmen sich Ove un die Nachbarsfamilie eigentlich nichts. Als einzige Feindbilder in dieser heilen, geordneten Welt müssen „Weißhemde“ herhalten. Bürokraten, die überzeichnete Hyperbeln des konservativen Kapitalismus darstellen, wie ihn „A Man Called Ove“ aber eigentlich gerade stabilisiert, indem er behauptet, die spießige Einfamilienhaussiedlung sei das zu beschützende Paradies. Vor Invasoren, die in so einer schmierigen Form einfach ins Reich der Märchen gehören. Dieselbe Strategie hatte übrigens auch der kapitalistische Propaganda-Film „It’s A Wonderful Life“ von Frank Capra, zu dem „Ove“ ohnehin ganz verdächtige Parallelen hat.

Ungerechtfertigter Hype

Rein filmisch ist natürlich gegen seichte Familienunterhaltung wie „Ove“ sie darstellt, erstmal nichts einzuwenden. Im Lichte eines Europäischen Filmpreises und einer Oscar-Nominierung muss man dann aber doch mal kritischer beleuchten, was hier so hochgejubelt wird. Und da hat „Ove“ einfach nicht viel zu bieten. Die vorhersehbare, konventionelle Dramaturgie wird noch durch unsinnige Subplots verwässert. Die Filmsprache bedient sich gerade in den Flashbacks, die glaubhafte Atmosphäre so dringend gebraucht hätten, mutloser Zitate amerikanischer Vorbilder, die doch nie erreicht werden und sich nicht selten im Bereich des Kitsches wiederfinden. Zu empfehlen eigentlich nur Fans von Rolf Lassgård. Aber dass Rolf Lassgård eigentlich ein europäischer Filmstar ist, weiß das angezielte Publikum wohl noch viel zu selten. Der europäische Mainstreamfilm hat noch einen langen Weg vor sich.

4/10

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